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Salvo Montalbano als Statue.

Nachruf

Der Comissario der Sizilianer: Zum Tod von Andrea Camilleri

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Mit seinen Krimis um Kommissar Montalbano wurde er auch in Deutschland bekannt. Nun ist der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri gestorben.

Mit seinem Comissario Montalbano hat Andrea Camilleri Geschichte geschrieben, 26 Bücher, die von Menschen und ihren Abgründen erzählen. Diese Krimis zeigen Italien, speziell Sizilien, in einem liebevoll-kritischen Blick. Dass Andrea Camilleri als einer der erfolgreichsten italienischen Schriftsteller der Gegenwart auch in der Öffentlichkeit stand, nahm er, je älter er wurde, immer stärker auch als Aufgabe wahr. Am Mittwoch ist Camilleri im Alter von 93 Jahren gestorben. Zwölf Millionen Bücher verkaufte er allein in seiner Heimat. Der Anteil seiner deutschsprachigen Leser war gewaltig, die Statistik nennt vier Millionen ins Deutsche übersetzte und verkaufte Titel.

Camilleri, auf Sizilien geboren und aufgewachsen, hatte zunächst als Theater- und Hörspielregisseur gearbeitet, an der Nationalen Filmschule und dann an der Nationalakademie der Dramatischen Künste in Rom gelehrt. „Eigene Leser war ich also gar nicht gewohnt“, erzählte er der Literaturkritikerin Maike Albath, als sie ihn im September 2018 besuchte. „Leser fühlen sich direkt von einem angesprochen, sie suchen den Kontakt, schreiben, wollen etwas von dir.“ Diese Erfahrung schärfte sein Bewusstsein für seine Verantwortung als Autor. Seit 1978 veröffentlichte er mehrere Romane, „Hahn im Korb“ hieß der erste, und erhielt dafür wichtige Literaturpreise.

Commissario Montalbano machte Andrea Camilleri zum Bestsellerautor

Doch erst Commissario Montalbano machte ihn seit 1994 zum Bestsellerautor. Camilleri schrieb seine Krimis in genauem Bewusstsein der Möglichkeiten des Genres und stets mit einem starken Interesse an der Gesellschaft. Den Namen gab er seiner Figur auch als ein Zeichen der Verehrung für den spanischen Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán (1939–2003), einem Franco-Kritiker und Journalisten. Der kam übrigens durch seine Kriminalromane zu größerer Popularität.

Comissario Montalbano arbeitet im fiktiven Ort Vigàta, den Camilleri seiner Heimatstadt Porto Empedocle nachempfunden hat. Für die Verfilmungen wählte man das etwas weniger verbaute südlicher gelegene Ragusa. Mehr als 30 Folgen wurden seit 1999 gedreht, noch im Jahr 2018, zu Zeiten von Netflix und anderen Ablenkungen, hatte eine neue Episode mit mehr als elf Millionen Zuschauern in Italien einen Marktanteil von 45 Prozent.

Der italienische Autor Andrea Camilleri ist tot.

Es sind viele Aspekte, die Comissario Montalbano für die Leser so anziehend machen, seine Leidenschaft für italienisches Essen gehört genauso dazu wie sein Gesundheitszustand und seine Launen. Er fragt oft scheinbar abwegig, denkt aber weiträumig. Er mag machohaft wirken, doch ist er ein Verfechter von Recht und Gesetz. Ein Mann wie der Autor selbst, der sich lange als Kommunist bezeichnete. Er legte sich mit Berlusconi an, den er einen Verfassungsfeind nannte, beklagte die Heftigkeit des Polizeieinsatzes beim G8-Gipfel in Genua und kritisierte den italienischen Innenminister Matteo Salvini nicht nur für seine Weigerung, Flüchtlingsschiffe an Land zu lassen, sondern jüngst auch dafür, dass er mit Rosenkranz aufgetreten sei.

„Der Ideenschmuggler“ nannte Maike Albath das Kapitel über Camilleri in ihrem Buch „Trauer und Licht“, das Wort stammte von ihm selbst. Er gab zu, den Erfolg der Krimis auszunutzen, um „bestimmte politische und soziale Ideen unters Volk zu bringen. Ich betätige mich als Ideenschmuggler.“ Bereits erblindet, konnte er zuletzt nur noch mit Hilfe seiner Assistentin arbeiten. Er diktierte, sie las die Passage vor, er überarbeitete und erzählte weiter. So hielt er sich am Leben. Den letzten Band um Montalbano aber hatte er bereits geschrieben. Sein Verlag sollte ihn erst nach seinem Tod herausbringen.

Andrea Camilleri schrieb Krimis auch für Leser, die das Genre sonst mieden

Die Tageszeitung „La Repubblica“ rechnete allerdings schon zu Lebzeiten mit der Reinkarnation des Autors. „Sollte Camilleri wiedergeboren werden“, zitiert der Verlag Nagel & Kimche das Blatt auf dem Buchrücken von „Die Revolution des Mondes“, und sollte er dann „weitere Krimis schreiben, wäre sein Montalbano eine Frau.“ Der Roman, 2013 im Original erschienen, ist ein herausragendes Beispiel für die Kunst Camilleris als Autor historischer Romane. Auch diese haben ihre sichtbaren und unsichtbaren Verbindungslinien in die Gegenwart. „Die Revolution des Mondes“ geht von der Tatsache aus, dass der von Spanien auf Sizilien eingesetzte Vizekönig im Jahr 1677 überraschend verstarb und dann nicht etwa übergangsweise der Bischof auf den Thron folgte, sondern die Witwe des Vizekönigs.

Sie war damit, so Camilleri, „zu jener Zeit die einzige Frau der Welt, die ein so hohes politisches und administratives Amt bekleidete“. Eine Mondphase lang regierte sie. Der Autor zeichnet sie mit starkem Gerechtigkeitsempfinden, hoher Bildung, analytischer Gedankenschärfe und blendender Schönheit. In einem männlich dominierten korruptem System schafft sie es, das Volk auf ihre Seite zu bringen. Sie überführt sogar den Bischof des sexuellen Missbrauchs an Chorknaben.

Andrea Camilleri schrieb Krimis auch für Leser, die das Genre sonst mieden, und seine Ausflüge in die Geschichte sind Bücher für heute. Für die kommende Woche ist das Erscheinen eines Erzählungsbandes angekündigt, „Der Teufel, natürlich“.

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