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André Kubiczek schreibt über Pubertät.
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André Kubiczek schreibt über Pubertät.

Shortlist 2016

André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“

Eine glückliche Jugend in der DDR des Jahres 1985: André Kubiczeks Ferienroman „Skizze eines Sommers“ ist herzerwärmend melancholisch und heiter verschlendert.

Von Sabine Vogel

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Es war nicht alles schlecht? Ach Quatsch, es war herrlich! Zumindest, wenn man wie René gerade 16 wird, einen Doppeldeck-Kassettenrekorder aus dem Intershop hat und die ganzen großen Ferien im Sommer 1985 über eine sturmfreie Bude im Potsdamer Plattenbauviertel.

Renés Vater, ein regimetreuer Akademiker, fährt zu einer siebenwöchigen Friedenskonferenz in die Schweiz und lässt seinem halbwüchsigen Sohn tausend Mark für das Lebensnotwendige da und 200 extra zum Geburtstag, unter der Spüle stehen sieben Flaschen Napoleon-Weinbrand. Die müssen nach diesem Sommer der Freiheit mit Goldbrand aus dem Konsum aufgefüllt werden.

Denn René und seine Freunde Mario, Dirk und Michael beweisen sich mit großspurig gemischten Cola-Weinbrand-Drinks, Club-Zigaretten und altklugem Angebergehabe, wie erwachsen sie sich fühlen.

All die Mädchen, all die Haare!

Doch welche Nöte auch! Mit den Mädchen und mit den Haaren. Stundenlang steht René vor dem Spiegel, Gel reinschmieren oder toupieren, Segelohren kaschieren oder (Individualismus!) zeigen? In klugscheißerisch flapsigem Sound lässt – der wie sein Erzähler 1969 in Potsdam geborene – André Kubiczek seinen Helden drauflosquasseln: „Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie. Aber eines stand fest: Seit einem Jahr war sie da. Und das andere: Sie ging seitdem nicht mehr weg.“

Die Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden streifen durch die heiße, urlaubsleere Stadt, hängen in Cafés oder rauchend vor der Kaufhalle herum und wetteifern darum, besonders geistreich zu sein. Zweimal die Woche ist in der Mehrzweckgaststätte Orion Disco.

Dirk und Michael konkurrieren um die punkig aufgemachte Rebecca, die will aber keinen von beiden, stattdessen wird sie die schwesterliche Seelenverwandte von René. Mario ist zwar erst vierzehneinhalb, hat aber als gut aussehender Halblibanese Schlag bei den Mädchen und geht bald mit Conny, die sich mit selbstentworfenen Klamotten auf ihre Schneiderlehre vorbereitet, Connies Freundin Bianca will Friseuse werden und angelt sich René, der sich eigentlich in die große Schwester von Fritzi verguckt hat, die aber ins Ferienheim an die Ostsee fährt. Also gesteht René bald den Freunden: „Ich habe die Arbeiterklasse geküsst.“

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Aber so sexy, süß und willig die kesse Bianca auch ist, bricht in René doch nach der Fummelei eine „unendliche Leere“ aus. Widerhall für den postpubertären Weltschmerz finden die im Existenzialisten- oder New-Wave-Schwarz gekleideten Freunde in der internationalen Popmusik.

Das ganze Buch ist eine Playlist von The Cure und Cocteau Twins bis Killing Joke, Simple Minds, Billy Bragg und Prefab Sprout. Rebecca, die Tochter eines herrlich klischee-bärtigen Künstlers, der sogar in Charlottenburg ausstellt, vertieft den Weltschmerzhorizont um den Industrial-Sound von Throbbing Gristle. Doch zum Depressivwerden ist dieser letzte Sommer der Jugend viel zu schön.

Der Song „Sketch for Summer“ von Durutti Column liefert den Buchtitel und ist das Motto einer selbstredend schwarz lackierten Orwo-Kassette, die René für das angeschwärmte Mädchen aufnimmt, die im Orion nie zur falschen Musik tanzt. Die richtige Musik ist entscheidend dafür, wer man selber sein und zu wem man gehören will. Das weiß jeder, der mal 16 war und ein wildes Herz hatte. Aber so herzerwärmend melancholisch und heiter verschlendert wie André Kubiczek hat uns seit Salinger selten jemand daran erinnert.

„Ich gucke in den Badezimmerspiegel, als mir dieser Gedanke in den Kopf schoss. Nicht dass jemand glaubt, ich würde mir solche Sachen aus den Fingern saugen, um mich interessanter zu machen oder wozu auch immer.“ Diese Selbstvergewisserung ist zum Verlieben verpeilt. Kein Wunder – außer für ihn –, dass die Mädchen alle auf René fliegen.

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Dieser Sommer ist so einzigartig und vergänglich wie die DDR, gegen die es da nichts einzuwenden gibt, außer, dass Karl May „wegen Revanchismus oder so“ lange verboten war, es Sartres „Ekel“ dafür an jedem Zeitungskiosk gab. Denn fast so wichtig wie Lederjacke, Haare und Musik sind „Baudelaire und Konsorten“. „Wenn’s was nicht gab, dann gab’s das eben nicht. Und ich rede hier nicht von Tomatenketchup, Badezimmerfliesen, Autos und dem ganzen anderen Schwachsinn. Ich spreche hier von Büchern, allerdings von den sogenannten guten.“

Im „Internationalen Buch“ findet René – für sechzig Mark! – Baudelaires „Le Spleen de Paris“. Wie der darin die Sehnsucht des „Fremden“ nach den „ziehenden Wolken“ beschreibt, „das war das Glück, der vollkommene Moment!“

In André Kubiczeks wunderbar leichtem, flirrend musikalischem Roman über die Jugend – und über die DDR – ist dieser Moment aufs Schönste aufgehoben.

André Kubiczek: Skizze eines Sommers. Rowohlt, Berlin 2016. 375 S., 19,95 Euro.

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