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Wie anders ist der Nachbar?

Alfred Grossers Frankreich

Von WOLFGANG KRUSE

Die deutsch-französische Verständigung steht seit langem im Mittelpunkt des publizistischen Werkes von Alfred Grosser, der 1933 mit seinen Eltern aus Deutschland fliehen musste und 1937 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.

Nachdem Grosser vor einigen Jahren versuchte, den Franzosen die Eigenarten der Deutschen zu erklären, dreht er den Spieß nun um. Der Titel Wie anders ist Frankreich? führt aber ein wenig in die Irre, eigentlich geht es Grosser darum, Unterschiede vor dem Hintergrund fundamentaler Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen verständlich zu machen.

Um Wein und Esskultur, um Urlaubstauglichkeit geht es dabei nicht, sondern um die Grundlagen von Gesellschaft, Politik und Öffentlichkeit. Zweifellos ist es kein Zufall, dass Grosser sein erstes Kapitel der "Gegenwart der Vergangenheit" widmet. Das Herz des rezensierenden Historikers beginnt höher zu schlagen, wenn Grosser darauf hinweist, dass in Frankreich niemand sein baccalauréat, das Abitur erwerben könne, ohne mündlich wie schriftlich im Fach Geschichte geprüft worden zu sein.

Doch so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn diese Geschichte entspricht, wie sich zeigt, inhaltlich nicht unbedingt den kritischen Standards, die man sich wünscht. Nationalgeschichte ist es vor allem, die Gloire der Grande Nation steht trotz mancher Öffnungen, in Bezug auf die Verbrechen des Vichy-Regimes und im Algerienkrieg, noch häufig im Zentrum nicht nur des Schulunterrichts, sondern auch des kollektiven Bewusstseins der Franzosen.

In vier Kapiteln behandelt Grosser Politik, Wirtschaft und Kultur Frankreichs sowie seine Rolle in der Welt - mit historischer Tiefenschärfe. Die Verfassung - selbstredend nur vor dem Hintergrund der republikanischen Traditionen verständlich. Ohne Charles de Gaulle keine Erklärung der großen politischen Bedeutung des Amtes des Staatspräsidenten oder der Probleme der cohabitation, der Zusammenarbeit zwischen einem Staatspräsidenten und einer Regierung aus unterschiedlichen politischen Lagern. Das Parteiensystem mit seiner weit größeren Zersplitterung und Wandlungsdynamik wird erst im historischen Blick übersichtlich. Und was bedeuten die Begriffe "links" und "rechts"? Nun ja, "die französische Geschichte unterscheidet sich da stark von der deutschen".

Die französische Gesellschaft sieht Grosser ähnlich fundamental von der Wirtschaftskrise geprägt wie die deutsche. Er schildert die wachsende Bedeutung einer zur Krisenbewältigung offenkundig unfähigen Justiz, er verteidigt den in die Krise geratenen Sozialstaat gegen die Einseitigkeiten des Neoliberalismus, er beklagt das "ständige Klagelied" der Öffentlichkeit.

Zwei Unterschiede aber sind doch nachdrücklich herauszustellen. Da ist erst einmal ein deutlicher Geburtenüberschuss, der wohl mit gesellschaftlichen Grundentscheidungen zu tun hat. Sowie die kostenlose Vorschulerziehung der drei- bis fünfjährigen Kinder und die flächendeckende Ganztagsschule lassen Nachwuchs und Beruf viel einfacher miteinander verbinden.

Seit 30 Jahren gilt auch für die Sekundarstufe das Prinzip der Gesamtschule. Schulische Ganztagsbetreuung und staatliche Unterstützung für Familien werden dabei nicht als Alternativen betrachtet. Auch hier sind die Gesetze, wie Grosser herausstellt, "familien- und kinderfreundlicher als in der Bundesrepublik".

Einbürgerung leicht gemacht

Anders auch die Situation von Immigranten, die zwar ähnlich wie in Deutschland mit fremdenfeindlichen Einstellungen konfrontiert sind, zugleich aber einen deutlich besseren Rechtsstatus aufweisen. Jeder in Frankreich Geborene ist, wenn gewünscht, Franzose, und auch die Einbürgerung ist vergleichsweise einfach, zumal kein Verbot doppelter Staatsbürgerschaft existiert. So konnten allein im Jahr 2000 insgesamt 150 000 Ausländer Franzosen werden.

Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Feststellung, dass Frankreich ein laizistischer Staat ist, gegründet auf der Trennung von Staat und Kirche. Nicht nur die Finanzierung religiöser Gemeinschaften und Bildungseinrichtungen, auch viele aktuelle Diskussionen, etwa über die Kopftuchfrage islamischer Schülerinnen und Lehrerinnen, fußen damit auf ganz anderen Voraussetzungen als in Deutschland.

Anders schließlich auch die Rolle der einstigen Weltmacht Frankreich in der internationalen Politik, die Grosser von der Unklarheit gekennzeichnet sieht, "wie man der Stimme Europas mehr Einfluss verschaffen könnte, ohne dabei auf die eigene zugunsten der Union zu verzichten"; diese Quadratur des Kreises dürfte allerdings selbst der französischen Diplomatie nicht leicht fallen.

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