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Madrid 2002: Geborstene Fenster, nachdem zwei Autobomben der ETA explodiert sind.

Fernando Aramburus "Patria"

Andere Söhne werden Terroristen

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Fernando Aramburus "Patria" erzählt vom Gift des Nationalismus.

Eine Frau hat ihren Mann durch einen Mord verloren. Sie hätte gewarnt sein müssen. In ihrem Heimatdorf geht man mit ihr um, als sei sie selbst schuld. Viele Jahre später möchte sie vergeben. Die Bitte um Entschuldigung ist alles, worauf sie noch wartet.

Davon erzählt Fernando Aramburu mit zunehmender Intensität in einem Roman, der intellektuell anspricht und emotional mitreißt. Der Spanier hat schon zahlreiche Bücher veröffentlicht, von denen zuvor nur eines hierzulande erschienen ist (obwohl er, der Liebe wegen, seit langem in Hannover lebt). Dem neuen Buch weht eine Erfolgsgeschichte voran: ausgezeichnet mit dem spanischen Staatspreis für Literatur, dort mehr als eine halbe Million Mal verkauft.

„Patria“ heißt es auch in der von Willi Zurbrüggen in ein überzeugendes Deutsch übertragenen Ausgabe, der Titel ist nicht als „Vaterland“ übersetzt; so steckt darin bereits der Patriotismus, der dem Roman die politische Grundierung gibt. Es ist ein Patriotismus, der auf nationalistische Abwege geraten ist. Den Mord an dem Kleinunternehmer Txato im Roman hat die ETA zu verantworten, die baskische Untergrundorganisation. Ein Toter von mehr als 800. Die ETA, Euskadi Ta Askatasuna, also „Baskenland und Freiheit“, war jahrzehntelang als Kürzel für Terror geläufig. So lässt sich die Faszination, die das Buch in Spanien ausübt, leicht mit der Thematik erklären.

Doch auch wenn man sich die Fakten wegdenkt und statt der Terrororganisation einen Fantasienamen einsetzt, wenn man sich die Handlung nicht zwischen Bilbao und San Sebastian am Atlantik vorstellt, sondern in einer anderen regenreichen Gegend, verlöre der Roman nur wenig von seiner Faszination. Denn im Kern handelt er von zwei Familien, deren enge Verbundenheit so dramatisch auseinandergerissen wird, dass es nach vielen Jahren gut überlegter Schritte bedarf, um wieder vorsichtige Bande zu knüpfen.

Fernando Aramburu erzählt so, dass man kein Vorwissen über die ETA braucht, aber nach und nach eine Menge über sie begreift. Mit der Entwicklung seiner Figuren erklärt sich deren Liebe zu der besonderen, in ihrer kulturellen Identität und Sprache lange tatsächlich bedrohten Region im Norden Spaniens. Aus der Handlung lässt sich sogar die Rekrutierung junger Menschen zur Untergrundbewegung verstehen; der Grat zwischen Demonstrieren und Molotow-Cocktail-Werfen ist zeitweise schmal.

Fernando Aramburus Geburtsjahr 1959 war auch das Gründungsjahr der ETA. Agierte sie zunächst als regionales Widerstandsnetz gegen die zentralistische Franco-Diktatur, ließ sie anschließend nicht locker. „Nicht, dass die Morde dieser Bande ihn unberührt ließen“, heißt es im Roman über einen jungen baskischen Journalisten, „aber sie waren so alltäglich geworden, dass sie seine Organe des Abscheus und des Schmerzes verstopft hatten.“

Nach mehreren widerlegten Ankündigungen erklärte die ETA 2011 das Ende ihrer bewaffneten Aktivitäten. Dies ist eine einschneidende Nachricht für Bittori und Miren im Roman, die als junge Frauen beste Freundinnen waren. Bittoris Mann Txato wurde ermordet, Mirens Sohn Joxe Mari sitzt als ETA-Mitglied im Gefängnis. Am Tag des Anschlags auf Txato wurde Joxe Mari, damals im Untergrund lebend, im Dorf gesehen. Bittori reicht es nicht mehr, am Grab ihres Mannes in Gedanken mit ihm zu sprechen. Am Ende ihres Lebens möchte sie verzeihen.

Das ist die Gegenwartsebene des Romans, von der aus Aramburu mal sehr weit, mal weniger zurückgeht. Er widmet sich Miren und Bittori ausführlich, jeweils über viele Kapitel, zwischen die sich andere Geschichten fügen. Allein der Tag der Ermordung Txatos ist in mehrere Abschnitte aufgebrochen. Da isst er zu Mittag, legt sich anschließend zur Siesta, „eine volle Stunde lag er auf dem Bett, und dies war das letzte Mal, dass er schlief“. All das sind Schlingen in Aramburus dichtem literarischen Gewebe. Die Ehemänner und die Kinder der beiden Frauen agieren im Roman, auch deren Partner und Kinder. Der Autor stattet sie mit Charakterzügen und Handlungsmustern aus, so dass sich auf der inneren Leinwand des Lesers zwei größere Figurengruppen selbstverständlich bewegen.

„Andere Söhne werden Terroristen“, geht es Bittori durch den Kopf, „mein Sohn ist Arzt geworden.“ Und der sitzt in seinem Büro, liest aus dem Blick seines verstorbenen Vaters auf einem Foto die Mahnung: „Ich verbiete dir, ungerecht zu sein.“ Als Jahre zuvor die ersten Parolen gegen Txato an Hauswänden auftauchten, drängte der Sohn ihn, wegzuziehen aus dem Dorf. Die Losungen beschimpfen Txato als Ausbeuter, dabei hatte er für sein Transportunternehmen vornehmlich Leuten aus dem Ort Arbeit gegeben. Dass er damit selbst zu einem bescheidenen Wohlstand gekommen war, brachte ihn in eine Sonderrolle. Der Hass der baskischen Patrioten hat ein irrationales Maß erreicht, die ETA funktioniert nach einem Aktionsmechanismus, den Txato nicht begreifen kann: „Ich bin doch mehr Baske als die alle zusammen. Bis zum fünften Lebensjahr habe ich kein Wort Spanisch gesprochen.“

Fernando Aramburu zeigt weitreichende Folgen des Attentats. Bittoris erwachsene Kinder sind davon geprägt, werden im Kontakt mit anderen Menschen sofort hellhörig, wenn sich in Gespräche eine Art von Patriotismus mischt, sogar Liebesbeziehungen zerbrechen daran. Nereas Traum vom Leben mit Klaus-Dieter aus Deutschland scheitert aus anderen Gründen.

Der Autor flicht in die Wege seiner Figuren die Entwicklung Spaniens mit ein, die Wirtschaftskrise zeigt ihre Wirkung bei Mirens Tochter. Da weiß der Leser schon, dass sie noch ein gravierender Schicksalsschlag treffen wird. Schließlich verläuft hier kein roter Faden über mehr als 750 Seiten, Aramburu schreitet die Muster seines Erzählteppichs in unterschiedliche Richtungen ab. Die Ordnung bleibt erkennbar, weil die knapp 120 Kapitel alle in sich geschlossen funktionieren. Wegen dieser Bausteine ist es sogar möglich, wie selten einmal bei einem so dicken und literarisch anspruchsvollen Werk, größere Pausen zu machen beim Lesen. Und so ergreifend und verstörend viele Momente sind, gibt Fernando Aramburu doch auch knappen komischen Szenen Raum. Zuweilen probiert er, welches Wort am besten passt, zeigt etwa die Ambivalenz der Verhältnisse, wenn Bittori „wusste/ spürte“, wenn Joxe Mari im Knast ein „Anfall von Wut/ Verzweiflung/ Abscheu/ Kummer“ heimsucht.

Manchmal schaut der Autor kurz als beobachtendes Erzähler-Ich um die Ecke, beim ersten Mal auf Seite 224, eine echte Überraschung. Später einmal greift er ein angefangenes Gespräch zwischen Bittori und ihren Kindern wieder auf, die sich darin einig sind, nie zu einem Treffen der Opfer des Terrorismus gehen zu wollen. Diese Schublade wollen sie vermeiden: „Morgens Opfer, mittags Opfer, abends Opfer.“ Dann gibt es solch ein Treffen. Und ein Schriftsteller tritt auf, der über sein Projekt spricht, „mittels literarischer Fiktion Zeugnis von den Gräueltaten der Terroristenbande abzulegen“. Das ist er doch, unser Autor! Das ist sein Roman! Angetrieben habe ihn einerseits, sagt er da, die Empathie für die Opfer, andererseits seine „radikale Ablehnung von Gewalt und jeglicher Aggression dem Rechtsstaat gegenüber“.

Wenn man so etwas liest als Programm für ein Buch, kann man damit rechnen, dass dies von der Schwere dieser Bedeutung erdrückt werde. Fernando Aramburu begegnet der Größe des Stoffs jedoch mit einer literarischen Meisterschaft, die den Roman selbst groß und bedeutend macht. „Patria“ ist eines jener Bücher, die den Leser mit einer Erschütterung zurücklassen.

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