PARS PRO TOTO

Andere Leben

Bei manchen Lebensgeschichten genügt schon die Aneinanderreihung der Orte, an denen sich die Person aufgehalten hat, um einem den Schrecken in die Glieder zu

Von RUDOLF WALTHER

Bei manchen Lebensgeschichten genügt schon die Aneinanderreihung der Orte, an denen sich die Person aufgehalten hat, um einem den Schrecken in die Glieder zu jagen. Im Fall des deutschen Sinto Ewald Hanstein waren das Breslau, Berlin, Auschwitz, Buchenwald, Mittelbau-Dora, Eggersdorf (Sachsen-Anhalt), Magdeburg, Bremen, Harz, Bremen, wo er nach 20-jährigem Kampf gegen die Wiedergutmachungs-Bürokraten eine monatliche Rente von 520 Mark zugesprochen erhielt - für fast drei Jahre Konzentrationslager und Zwangsarbeit!

Vollends perplex fragt man sich, wie ein Mensch Konzentrationslager, Zwangsarbeit, zehn Monate DDR-Haft und 20 Jahre bürokratische Demütigung in der Bundesrepublik überleben konnte. Ralf Lorenzen gibt mit seiner unprätentiös und flüssig erzählten Lebensgeschichte Ewald Hansteins die Antwort darauf: "Mit viel Glück habe ich es geschafft. Ich gab nie auf, kämpfte immer gegen die Hoffnungslosigkeit an und sagte mir: Ich will überleben."

Die Nussknackerinnen

Um Lebensgeschichten anderer Art geht es in den Dokumentarfilmen von Peter Overbeck. Der Filmemacher stammt aus Duisburg, Jahrgang 1927, und kam 1951 mit seinen Eltern nach Brasilien. Hier arbeitete er als Regisseur und Kameramann. 1971 ging er nach Chile und wurde Mitglied des Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR), des linken Flügels von Salvador Allendes Volksfront. Nach der Ermordung Allendes ging er als Dozent an die Berliner Filmakademie, arbeitete als Kameramann und Regisseur in Brasilien und übersiedelte 1994 nach Israel in den sozialistischen Grundsätzen verpflichteten Kibbuz Megiddo.

Der Hauptteil des Buches ist jedoch den Protagonisten seiner Dokumentarfilme gewidmet. Der Film Die Nussknackerinnen von Ludovico handelt vom Kampf armer brasilianischer Bäuerinnen gegen das Agrobusiness, das nach der Privatisierung des Landes den Einwohnern die Hälfte ihrer Lebensgrundlage entzog - die Babaçu-Nuss. Nach zehnjährigem Kampf, in dem die Grundbesitzer bewaffnete Milizen einsetzten, erreichten die Bauern 1991 ein Abkommen, das ihnen den freien Zugang zu den Babaçu-Wäldern, den Schutz vor deren Abholzung sowie eigenes Land sicherte.

Ein anderer Film Overbecks handelt vom Leben einer Zuckerrohrschneiderin. Die Alleinerziehende mit drei Kindern verrichtet sechs Monate des Jahres die Knochenarbeit des Zuckerrohrschneidens und nimmt dafür täglich drei Stunden Fahrt zur Arbeit und zurück in Kauf. In der zweiten Jahreshälfte arbeitet sie als Putzfrau. Overbeck schildert mit viel Empathie einen Streik für eine bessere Trinkwasserversorgung sowie die spontane Plünderung der Stadtverwaltung und eines Supermarktes, nachdem niemand von den Verantwortlichen die Delegation der Streikenden empfangen wollte. Während dieser Dreharbeiten, erzählt Overbeck, habe er "vieles von diesen Menschen gelernt und einiges von ihrem Leben und ihrem Kampf vielleicht sogar begriffen".

Ewald Hanstein: Meine hundertLeben. Erinnerungen eines deutschen Sinto. Aufgezeichnet von Ralf Lorenzen. Donat Verlag, Bremen 2005, 168 Seiten, 12,80 Euro.

Peter Overbeck: Gott ist Brasilianer. Erlebnisse eines Kameramanns.Nautilus Verlag, Hamburg 2005,219 Seiten, 19,90 Euro.

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