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Jahrelange Beschäftigung mit Puschkin: Autor Nabokov.

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Ananas und Zweifel

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300 Seiten Übersetzung und 1300 Seiten Kommentar: Schriftsteller Vladimir Nabokov hat sich jahrelang mit Alexander Puschkins Versroman "Eugen Onegin" beschäftigt. Von Judith von Sternburg

Die reinste Aufforderung zum Lesen stellten die Einblicke dar, die Sabine Baumann und Felix von Manteuffel jetzt im Frankfurter Literaturhaus in Alexander Puschkins Versroman "Eugen Onegin" und Vladimir Nabokovs Kommentar dazu gaben. Jenes russisch-englische Übersetzungsunternehmen kostete den Schriftsteller ungefähr so viel Zeit wie jetzt das deutschsprachige Projekt, das im Stroemfeld Verlag erschienen ist: mehr als zehn Jahre. Das Ergebnis: 300 Seiten Puschkin-Übersetzung und 1300 Seiten Nabokovs Kommentar dazu. Eigentlich hatte Nabokov an eine Seminarvorlage für Studenten gedacht.

Baumann berichtete, wie sie bei ihrer eigenen Übersetzung aus dem Russischen versuchte, Nabokovs Prinzipien zu übernehmen: Prosa, eine Wort-für-Wort-Übersetzung, einen geschärften Sinn für die Übertragung von Wortfeldern. "Meinem Ideal der Wörtlichkeit habe ich alles geopfert", so der Autor, dem die sprachliche Eleganz bei aller Bescheidenheit freilich nicht abhanden kam.

Manteuffel verdeutlichte das anhand von Ausschnitten aus dem "Onegin" und aus dem Kommentar. Da las er die herrlichsten Beispiele dafür, wie der Übersetzer sich nicht in Details verbiss, aber sie doch mit einem ungeheuren Vergnügen ausbreitete: So in der köstlichen Passage über Preiselbeerlimonade, nebst Ausflügen in die Botanik, bitteren Vorwürfen gegen fehlerhafte Übersetzungen (Heidelbeerwein!) und einem Hinweis auf den beerenfarbenen Frack von Tschitschikow in Gogols "Toten Seelen".

Nabokov äußert sich zur Ananas in der Literatur ebenso wie zu seinen Zweifeln an der Haltung Tatianas, wenn sie Onegins inzwischen entflammte Liebe schließlich zurückweist und Nabokov aber doch den Busen der "tugendhaften russischen Frau" wogen sieht.

Ihm ging es dabei nicht nur um Exaktheit, Botanik, Spleens und Haltung. Der Kommentar ist auch selbst ein Stück Prosa, dazu ein vermutlich einmaliger Beleg für die Beschäftigung eines Schriftstellers mit einem anderen Schriftsteller, dem Schriftsteller als Literaturkonsumenten intensivster Art. Zudem ließ Nabokov keine Gelegenheit aus, seiner Liebe für die russische Sprache und seinem Hass gegen die (so genannte) russische Seele freien Lauf zu lassen.

Die bittere Erkenntnis übrigens, dass er vom Libretto zu Tschaikowskys Oper gar nichts hielt, steht auf einem anderen Blatt. Man könne die Passage ja überlesen, so Baumann. Oder man wird das Buch gerade deshalb kaufen und gierig studieren in der unsinnigen Hoffnung, dass Nabokov wenigstens hierin irrt.

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