+
Eine Kollegin von SALuMa e.V. auf der Buchmesse

Analphabetismus

„Wir sind alle Schauspieler, die nicht dafür bezahlt werden“

  • schließen

7,5 Millionen Menschen in Deutschland leben in ständiger Angst, weil sie nicht fließend lesen oder schreiben können. Der Alfa-Selbsthilfe Dachverband möchte Analphabet*innen Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Ein Gespräch mit Kerstin Goldenstein auf der Frankfurter Buchmesse

In der Schule hat der Lehrer sie bei Diktaten immer in die letzte Reihe gesetzt, weil er sie für dumm hielt und nicht wollte, dass sie bei anderen abschaut. Das war 1966. Heute weiß Kerstin Goldenstein, dass sie nicht alleine ist. Sie gehört zu den 7,5 Millionen funktionalen Analphabet*innen in Deutschland, die einzelne Buchstaben, Wörter und Sätze verstehen, aber mit zusammenhängenden Texten Probleme haben. Mit dem Buch "Vom Winde verweht" hat sich Kerstin damals das Lesen beigebracht. Ihren ersten Deutschkurs besuchte sie jedoch erst mit 55 Jahren. Als Mitorganisatorin des Alfa-Selbsthilfe Dachverbands, ein Zusammenschluss von Betroffenen für Betroffene, habe ich mit Kerstin Goldenstein auf der Frankfurter Buchmesse über die Last und die Lust am Lesen und Schreiben gesprochen. 

Wie geht man mit dem Wissen um, eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zu haben?

Man versucht ein Leben lang, sie zu verstecken. Ein Kollege von mir hat gesagt: „Wir sind alle Schauspieler, die nicht dafür bezahlt werden.“ Diese Aussage trifft für jeden zu. Das zieht sich durch das ganze Leben: Man fühlt sich als Versager. Es ist ein langer Weg, sich ein Selbstbewusstsein aufzubauen.

Wie geht es Ihnen heute?

Heute kann ich lesen und schreiben, zwar nicht so gut wie andere, aber es geht mir gut. Meine Schreibschwäche bedeutet für mich lebenslanges Lernen. Man darf niemals den Fehler machen und in die Kurse gehen und denken, dass man in drei Monaten alles gelernt hat. Was man in zehn Jahren Schule nicht erreicht, wird man auch nicht in ein paar Monaten erreichen. Das ist ein großes Problem: Es dauert ewig, bis man auf einem anderen Level ist. Aber der Zusammenhalt und der Spaß in den Kursen hilft, es zu schaffen und neu durchzustarten. Und dann erkennt man auch, wie schön es ist, lesen zu können und in diese Fantasiewelt einzutreten.

Erwähnen Sie heute anderen gegenüber, dass Sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben?

Ja, ich bin da total offen. Einmal war ich aber mit dem Dachverband unterwegs und habe einen alten Bekannten getroffen, der davon nichts wusste. Ich habe noch überlegt, ob ich schnell auf Toilette verschwinden sollte. Mir war klar, der steht auf der anderen Seite, der hat studiert. Dann kam er auf mich zu und fragte mich, was ich hier mache. Ich habe es ihm dann einfach gesagt. Wenn man offen mit dem Thema umgeht, ist es ein anderes Gefühl, mit früheren Bekannten darüber zu sprechen. Viele von denen sagen danach aber, dass sie das nie bemerkt haben.

Können Sie mir erklären, was für Sie problematisch ist, wenn Sie etwas aufschreiben?

Oftmals ist es der Ausdruck. Da bitte ich meinen Mann um Hilfe. Wir diskutieren nicht mehr über die Inhalte, sondern über die Formulierungen. Wenn ich einen Text diktiert bekomme, muss ich unglaublich viel überlegen. Grammatikalische Formeln und Regeln sind besonders schwierig. Ob ich ein Wort mit einem oder zwei Umlauten schreibe oder ob es lang oder kurz gesprochen wird – wenn das alles im Kopf gleichzeitig passiert, um mitzukommen, kann man sich vorstellen, wie schwierig es in der Schule sein kann.

Welche Strategien eignen sich Betroffene im Alltag an?

Ein klassisches Beispiel wäre, wenn man nicht gut lesen kann, dass man im Restaurant einfach das gleiche bestellt wie die Begleitung – ohne auf die Karte zu gucken.

Was sind die größten Hürden im Alltag?

Es ist ganz viel Arbeit, an der Situation etwas zu ändern. Denn die Scham ist so groß. Man muss aus seiner Komfortzone raus und anfangen, darüber zu reden. Deswegen wollen wir vom Dachverband anderen Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwächen Mut machen, Kurse zu besuchen und sich Hilfe zu holen. Damit sie sich in ihrer Scham nicht wegschließen. Im Alltag ist es vor allem der Beruf, wo es Probleme gibt. Wenn man Glück hat, hat man eine Arbeit, bei der man wenig schreiben oder lesen muss. Ich konnte zum Glück genügend lesen, um als Verkäuferin zu arbeiten. Aber durch die Digitalisierung und Apps wie WhatsApp kommt man nicht drumherum, Lesen und Schreiben zu lernen. Und auch die Bürokratie ist schwierig. Viele Betroffene sind hoch verschuldet, weil sie Briefe nicht lesen können.

Wie kommen Sie vom Alfa-Selbsthilfe Dachverband an die Leute ran?

Vor allem durch „Mitwisser“, also den Bekanntenkreis, Freunde und Familie. In jedem Bekanntenkreis gibt es mindestens eine Person, die eine Schwäche beim Lesen oder Schreiben hat. Man merkt und sieht es nur nicht.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Es wäre schön, von der Gesellschaft nicht mehr so herablassend belächelt zu werden und hören zu müssen, man wäre faul. Und wenn wir ein anderes Bildungssystem hätten, mit weniger Schüler*innen in den Klassen und besser ausgebildeten Lehrer*innen, könnten solche Schwächen schneller bemerkt werden und den Betroffenen könnte geholfen werden. Eine schlechte Ausbildung ist schließlich für die ganze Gesellschaft ein großes Problem.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion