Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Klinik in Sangin, Helmand-Provinz, 2012.
+
Klinik in Sangin, Helmand-Provinz, 2012.

Afghanistan-Roman

Amy Waldman: „Das ferne Feuer“ – Der Drachenschwanz des 11. September

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Amy Waldmans überzeugender Afghanistan-Roman „Das ferne Feuer“ beschreibt die verzweifelte Lage im Land und die verheerende Selbsttäuschung des Westens.

Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan soll im Herbst abgeschlossen sein. In den zehn Jahren seit dem Eingreifen der internationalen Truppen gab es Zehntausende Opfer unter der Zivilbevölkerung, etwa 4000 Soldaten und Soldatinnen der westlichen Allianz starben. Bis zu 70 Prozent des Landes kontrollieren die Taliban. Diese Fakten grundieren den Roman „Das ferne Feuer“, den die US-Journalistin Amy Waldman geschrieben hat. Wer verstehen will, was in mehr als 5000 Kilometer Entfernung von Deutschland geschieht, sollte das Buch lesen. Es ist die Geschichte einer großen (Selbst-)Täuschung des Westens.

Die Autorin, die lange für die „New York Times“ gearbeitet hat, entwickelt sie sorgfältig und zieht auf 500 Seiten langsam in einen Sog der Erkenntnis. Die Studentin Parvin, afghanisch-stämmige US-Amerikanerin, als Kind mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten gekommen, ist entschlossen zu helfen. Das in den USA sehr erfolgreiche Buch des Arztes Gideon Crane hat sie fasziniert, er erzählt vom Bau einer modernen Geburtsklinik in einem afghanischen Dorf, das Fortschritt vor allem für die Frauen gebracht habe. Dort möchte Parvin arbeiten, also reist sie unter abenteuerlichen Umständen in den abgelegenen Landstrich.

Doch die Ernüchterung, die sie dort erlebt, könnte größer kaum sein. Das Hospital ist ein Fremdkörper in der archaischen Dorfgemeinschaft, es steht leer, nur eine Ärztin kommt gelegentlich, kann aber nur wenig ausrichten gegen die Unterdrückung der Frauen, die von den Männern erniedrigt und ausgebeutet werden wie seit Jahrhunderten. Parvin bleibt dennoch, misstrauisch beäugt und kaum geduldet von den Patriarchen wie dem Khan, dem größten Landbesitzer weit und breit. Einmal kann sie nur mit Mühe eine Vergewaltigung durch den mächtigen Mann abwehren. Nach und nach muss Parvin sich eingestehen, dass der von ihr verehrte Arzt die Verhältnisse völlig falsch dargestellt hat.

Das Buch:

Amy Waldman: Das ferne Feuer. Roman. A. d. Engl. v. Brigitte Walitzek. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2021. 496 Seiten, 26 Euro.

Die fremde Besucherin gibt dennoch nicht auf. Sie beginnt, den Frauen vorzulesen, ermuntert sie, gegen ihren alltäglichen sexuellen Missbrauch aufzubegehren. Dann wird die US-Armee auf die kleine Siedlung aufmerksam, Lieutenant Colonel Francis Trotter will eine Straße in die einsame Bergwelt bauen lassen, um den Flecken mit der berühmten Klinik auch für den US-Tourismus zu erschließen. Eine unaufhaltsame Eskalation beginnt. Die Taliban attackieren die Bauarbeiten mit blutigen Anschlägen. Parvin berichtet ihrer Professorin in den USA im Internet von der Lage, die veröffentlicht die vertraulichen Mails und rückt so das kleine Dorf weltweit in den Fokus.

„Das ferne Feuer“ wird so auch zum Lehrstück über die Rolle der Medien im modernen Krieg. Colonel Trotter erklärt unverhohlen, die US-Armee ziehe in Afghanistan die Lehre aus ihren Erfahrungen in Vietnam in den 70er Jahren. Damals hatte die Fernsehberichterstattung den Protest gegen den Krieg angeheizt. Jetzt geht es der US-Armee darum, ihr Bild des Krieges in den Medien zu formen. Hier lässt sich an den US-Spätwestern „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (1962) von John Ford denken. „Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druckt die Legende!“ propagiert dort ein Zeitungsverleger und feiert den Senator Stoddard als den Mann, der einen Banditen erledigte. Obwohl dies eine Lüge ist.

Amy Waldmans Roman erschien unter dem Originaltitel „A Door In the Earth“

Fast 60 Jahre später will es die US-Armee nicht zulassen, dass die Wahrheit über die Situation der Menschen in Afghanistan ans Licht kommt. Als einige Soldaten in einen Hinterhalt der Taliban im Dorf geraten, erlebt Parvin fassungslos, wie die US-Kriegsmaschine zurückschlägt. Auch hier setzt der Roman zwangsläufig Bilder und Motive aus einem anderen ikonischen US-Film frei, Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“.

Amy Waldmans Roman erschien 2019 in New York unter dem Originaltitel „A Door In the Earth“. Das ist ein Zitat aus einem Gedicht der englischen Poetin Alice Oswald, das dem Buch als Motto voransteht, auf Deutsch: „Antimachos war mit Paris befreundet, der sich für den Krieg einsetzte. Er öffnete eine Tür in der Erde und eine ganze Generation ging hinein.“ Es ist bemerkenswert, dass Waldman exakt voraussagt, was nun geschieht. Die Amerikaner, schreibt sie, würden Afghanistan verlassen. Führende Politiker der USA würden dabei das Ende so darstellen, dass es „allem, was vorausgegangen war, einen Sinn“ verleihe. Genau das tut die US-Regierung jetzt. Für den Krieg findet die Schriftstellerin ein eindrucksvolles Bild: „Der Drachenschwanz des 11. September schwang hin und her, hin und her, und zerschlug alles, was ihm in den Weg geriet.“

„Das ferne Feuer“ ist ein Roman, keine politische Analyse. Doch seine Szenen, seine eindrucksvollen Schilderungen der wilden Landschaft und der Menschen in ihr setzen sich im Kopf zu einer Einschätzung zusammen. Die Vorgehensweise des Westens in den vergangenen zwanzig Jahren hat den Menschen in Afghanistan wenig geholfen. Was Parvin im Dorf erfährt, demonstriert, wie wenig wir über die Lebensverhältnisse dort wissen. Wie gering das westliche Einfühlungsvermögen in den Alltag dort ist, wie sehr das Verhalten der westlichen Allianz von militärischen Prämissen geprägt war. Wer Afghanistan und seinen Menschen helfen will, muss es anders tun. (Claus Jürgen Göpfert)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare