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Frankfurter Buchmesse

Aminata Touré: „Raum einnehmen, Türen öffnen“

  • Hadija Haruna-Oelker
    VonHadija Haruna-Oelker
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Die Autorin und Politikerin über Meinungsvielfalt, eine wehrhafte Demokratie und rechte Verlage auf der Buchmesse

Frau Touré, es hat Sie wütend gemacht, dass mit der Entscheidung, zur Frankfurter Buchmesse zu kommen, nun vor allem Schwarze Frauen gesellschaftliche Kämpfe austragen müssen. Dass sie quasi genötigt wurden, sich zu entscheiden. Das ließ wenig Platz für „Schattierung“, wie Sie es auf Instagram geschrieben haben. Welche Botschaft senden Sie mit Ihrem Kommen?

Ich kann nachvollziehen, dass Schwarze und POC-Autorinnen und -Autoren sich dagegen entschieden haben. Einige aus eigenen Sicherheitsbedenken, andere als Akt der Solidarität. Genau so wichtig finde ich es, dass jede und jeder für sich selbst entscheiden kann, erst recht hinzugehen. So habe ich mich entschieden. Ich möchte über genau diese Themen sprechen und den Raum eben nicht Rechten überlassen. Genau darum geht es auch in meinem Buch – Raum einnehmen, Türen öffnen für Menschen, die sonst nicht an solchen Orten vorkommen. Ich bin mit diesem Inhalt auf der Messe und möchte gerne darüber sprechen. Auch darüber, wie die Frankfurter Buchmesse sich positioniert oder eben nicht positioniert.

Die Anwesenheit rechter Verlage auf der Buchmesse ist nicht neu. 2017 war der Protest schon einmal sehr laut. Danach passierte nichts. Es scheint, als habe es den Boykott gebraucht, damit wieder darüber gesprochen wird. Aber genügt das?

Ich glaube, dass es gut ist, dass diese Debatte wieder geführt wird. Ich hoffe aber sehr, dass die Frankfurter Buchmesse in Zukunft einen anderen Umgang damit pflegen wird und alle juristischen Möglichkeiten ausschöpft und vor allem in der Positionierung klarer und eindeutiger ist, als sie es derzeit ist.

In Ihrem Buch geht es um Machtverteilung. Sie sagen, dass Sie sich den Raum auf der Frankfurter Buchmesse nicht nehmen lassen wollten. Sie und all die anderen Autorinnen und Autoren stellen dieses Jahr einen weit vielfältigeren Chor aus dem Diversitätsspektrum dar als all die Jahre zuvor. Man könnte dies auch positiv deuten.

Auf jeden Fall. Deshalb ist es so schade, dass so viele dennoch nicht teilnehmen werden. Das ist eben auch die Konsequenz daraus, wenn man sagt, die einen sollen bleiben auf Grund der Meinungsvielfalt, und andere sich gezwungen sehen, dieser Veranstaltung fernzubleiben.

Und deshalb viele neue Bücher wie „Schwarzes Herz, „Wut und Böse“, „Schwarz wird groß geschrieben“ oder „Wie kann ich was bewegen“ nicht besprochen werden, weil wir stattdessen über rechte Verlage sprechen.

Das ist der zentrale Punkt, weil sie da sind. Ich hatte mit der Lust bei der Buchmesse zugesagt, über mein Buch zu sprechen und all die andere Autorinnen und Autoren zu treffen, um mich darüber auszutauschen, wie wir eine wehrhafte Demokratie sein können und das auch über unsere Bücher transportieren. Das es nicht so gekommen ist, liegt auch daran, dass sich die Buchmesse nicht klar positioniert hat. Sie hätte die Möglichkeit gehabt.

Zur Person

Aminata Touré wurde 1992 in Neumünster geboren. Ihre Eltern waren zuvor aus Mali nach Deutschland geflohen.

Für die Grünen ist sie seit 2017 im schleswig-holsteinischen Landtag. Sie ist Sprecherin für u. a. Migration und Flucht, Antirassismus, Frauen und Gleichstellung.Seit 2019 ist sie Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages.

Die Anwesenheit rechter Verlage hat auf der Frankfurter Buchmesse eine Debatte ausgelöst, auch deshalb, weil viele Autorinnen und Autoren ihre Teilnahme abgesagt haben. In sozialen Netzwerken wird nun darüber diskutiert, welche Form des Protests der richtige sei.

„Wir können mehr sein“ heißt Tourés Buch, das bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist (14 Euro).

Am heuten Samstag ist sie um 14 Uhr zu Gast im „Sheroes“-Programm und am Sonntag um 12.30 Uhr mit Per Leo im Gespräch über den Umgang mit Rechten, auf der ARD-Bühne. Foto: Epd

Immer wieder heißt es, dass man Rechtsextremen keine Bühne bieten solle. Sie sind es als Politikerin gewöhnt von Rechten umgeben zu sein, müssen das aushalten. Ähnlich argumentierte auch die Buchmesse und der Börsenverein. Was halten Sie von der Argumentation der Meinungsfreiheit?

Also, Institutionen und auch Politikerinnen und Politiker sind in einer anderen Rolle und müssen mehr aushalten als Einzelpersonen. Ich bin ja Vize-Präsidentin und Landtagsabgeordnete, es ist für mich eine normale Situation in Räumen zu sein, wo auch Rechte sind. Da würde ich schon einen Unterschied machen. Aber der Verweis auf Meinungsfreiheit bei rechten Positionen finde ich höchst problematisch. Diese Debatten führen wir seit Ewigkeiten, und wir sprechen hier ja dezidiert über Verlage, die andere Menschen abwerten Wenn man das unter dem Spektrum der Meinungsvielfalt dulden möchte, ist das problematisch. Ich berufe mich auf die Würde des Menschen, die unantastbar ist. Genau mit diesem Grundsatz brechen Rechte.

Welche Verantwortung hat die Buchmesse?

Eine Diskussion zu führen, die nicht so oberflächlich ist, und sich nicht dahinter zu verstecken, dass nicht mehr ginge. Es gibt immer Wege. Die Pressemitteilungen, die die Buchmesse herausgegeben hat, zeigt, wie politisch instabil sie bei diesem Thema unterwegs ist.

Die Satzung der Frankfurter Buchmesse sieht „keinerlei Zensur“ vor und dass es nur dann Ausschlüsse gebe, wenn Gerichte entschieden hätten. 1956 beschloss die Buchmesse den Druffel Verlag auszuschließen. Was würden Sie der Buchmesse empfehlen? Soll sie rechte Verlage besser prüfen und den juristischen Weg gehen?

Ich glaube, dass es gar nicht meine Aufgabe ist diese Frage für die Frankfurter Buchmesse zu beantworten oder sie zu beraten. Da arbeiten viele Menschen, die sich mit dieser Frage eben intensiver auseinandersetzen sollten und Wege finden könnten. Sie müssen schauen, welche Möglichkeiten haben sie juristisch. Ich weiß von der Leipziger Buchmesse, dass Rechte Verlage wieder hinein geklagt haben. Aber es ist trotzdem ein Statement zu sagen, wir versuchen es und schöpfen die Möglichkeiten aus. Die Buchmesse muss die Debatte führen und das am besten nicht, wenn sie schon läuft, sondern vorher.

Es heißt, Rassismus lebt auch vom Nicht-Handeln. Wie müsste der Raum der Buchmesse gestaltet sein, damit Autorinnen und Autoren in marginalisierten Positionen sich eingeladen fühlen und mit einem guten Gefühl kommen können?

Die Buchmesse hätte als Minimum einen weniger prominenten Platz für Rechte finden können. Dazu eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Den Autorinnen und Autoren im Vorfeld Bescheid geben. Ich habe es zum Beispiel als Teilnehmerin auch nur aus der Presse mitbekommen und bin das erste Mal auf der Buchmesse. Viele können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass man mit einem sichtbaren Migrationshintergrund noch schneller zur Zielscheibe von Rechten werden kann. Ich kenne das Gefühl, wenn sich diese an einem abarbeiten, beleidigen oder bedrohen. Dieses Problem ist nicht zu banalisieren. Gerade im Kontext, was wir in den letzten Jahren in Deutschland erfahren haben mit Halle, Hanau oder dem Mord an Walther Lübcke. Es ist da auch eine Verantwortung, die die Buchmesse an dieser Stelle hat. Ich erwarte von den Veranstalterinnen und Veranstaltern, sich damit besser auseinanderzusetzen.

Interview: Hadija Haruna-Oelker

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