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Julie Orringer "Die unsichtbare Brücke"

Die amerikanische Enkelin

  • VonKatharina Granzin
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Für einen Roman zu wenig Distanz, für eine Chronik jedoch zu viel: Julie Orringers "Die unsichtbare Brücke" ist ein seltsames literarisches Hybrid. Immerhin aber ein dicker Schmöker.

Schön, dass es schreibende Enkelkinder gibt. So manche dramatische Familiengeschichte wird auf diese Weise vor dem Vergessen gerettet. Auch die junge amerikanische Autorin Julie Orringer, die bisher erst einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hatte („Unter Wasser atmen“, dt. 2005), greift für ihren ersten Roman „Die unsichtbare Brücke“ auf die Familienhistorie zurück, genauer: die Lebensgeschichte ihres Großvaters, eines eingewanderten ungarischen Juden.

Letztlich zu ihrem Roman inspiriert hätten sie, so verrät sie in Interviews, dessen Erzählungen über seine Pariser Studentenzeit. Ach, Paris! Man kann sich vorstellen, wie Orringers Großvater, der, wie der Protagonist des Romans, nach Kriegsbeginn sein Architekturstudium in Paris abbrechen und nach Ungarn zurückkehren musste, im Rückblick ins Schwärmen geraten sein mag. War die Pariser Zeit doch die letzte Phase der Unbeschwertheit vor der langen Zeit der Repression der ungarischen Juden durch die eigene Regierung und ihrer zwar späten, aber umso verheerenderen Verfolgung durch die gegen Kriegsende noch in Ungarn einmarschierten Deutschen.

Der Enkelin, die ja weiß, wie die Geschichte weitergeht, muss eigentlich bewusst gewesen sein, dass sich in der Rückschau des Großvaters gerade die Pariser Zeit hoffnungslos verklärt haben musste. Und selbstredend entsprechen ohnehin nicht sämtliche in diesem Buch geschilderte Begebenheiten der Realität. Schließlich ist das ein Roman. Problematisch wird es erst, wenn sich dabei Verklärung und konventionelle amerikanische Paris-Phantasien zu einer doch reichlich klischeehaften Melange zusammenklumpen. Das pittoreske Dachkämmerlein des sich durchwurschtelnden Künstlers fehlt da ebenso wenig wie die große romantische Liebe und die märchenhaften Zusammentreffen mit großen Architekten der Zeit.

Naivität der Protagonisten

Aber könnte eine derart romantisierende Darstellung auch ihren literarischen Sinn haben? Es spricht immerhin manches dafür, die Frage mit Ja zu beantworten. Schließlich begibt sich die Autorin damit ganz auf Augenhöhe der Protagonisten, gibt der Schilderung, auch durch das Fehlen einer übergeordneten Erzählinstanz, eine arglose Naivität, die die Weltsicht der handelnden Personen ganz gut spiegeln mag. Nichts bereitet sie und uns auf den Horror des Zweiten Weltkriegs vor, der später folgt. Zwar tauchen bereits in der Pariser Zeit antisemitische Menschenverächter auf, doch nehmen wir sie hin wie Nebendarsteller im Theater, die gleich wieder abgehen, kaum dass sie die Bühne betreten haben. Kann schon sein, dass man das damals so empfunden hat. Kann sein, dass Orringer eben diese Empfindung transportieren will. Im weiteren Lauf der Lektüre muss man aber zur Einsicht kommen, dass diese Erzählhaltung wahrscheinlich weniger schriftstellerischer Absicht geschuldet ist als vielmehr schlichter Überforderung durch den allzu geschichtsmächtigen Stoff. Denn derselbe naive Pinselstrich zieht sich durch die gesamten 800 Seiten des Buches.

Bei Orringer ist Schwarzes stets schwarz und Weißes weiß, und Böse und Gut sind überhaupt ganz und gar voneinander zu trennen. Lebendige Romanfiguren gelingen nach dieser Methode nicht. Manche Personen tragen zumindest grob charakterisierende Züge, die ahnen lassen, was aus ihnen hätte werden können.

Am schwersten aber wiegt die völlige Konturlosigkeit der Hauptfigur. Der junge Andras, der in Paris ein wundervolles Jahr erlebt, um sich kurze Zeit später in verschiedenen ungarischen Arbeitslagern für jüdische Zwangsarbeiter wiederzufinden, bleibt als Person eine Leerstelle – positiv gewendet, eine Art neutraler Stellvertreter für alle jungen Männer, die ihre Familien liebten und nur mit sehr viel Glück den Zweiten Weltkrieg überlebten. Sein Schicksal aber ist jederzeit größer als er selbst. Wie schade für den Roman.

Die auffallende Schwäche in der Personenzeichnung ist eher verzeihlich, wenn man das Buch weniger als Roman und mehr als Chronik betrachtet. Eine Chronik legt Wert auf die Darstellung der Ereignisse an sich; zumal in einer Familienchronik sind die handelnden Personen bekannt und bedürfen der Charakterisierung nicht. Andererseits sollte eine Chronik sich an die Realität halten.

Und so ist aus Julie Orringers Familiengeschichte nun dieser seltsame literarische Hybrid gewachsen. Um einen echten Roman aus dem Stoff zu machen, hat der Nachfahrin wohl der nötige Abstand gefehlt, der erst kreative Freiheit möglich macht. Und um das Leben in Zeiten des Krieges wirklich nacherlebbar zu machen, war der Abstand wieder zu groß. Eine nüchterne Chronik aber ist dieses Buch auch nicht mehr. So ist vor allem eines daraus geworden: ein dicker Schmöker.

Julie Orringer: Die unsichtbare Brücke. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 816 Seiten, 24,95 Euro.

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