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Schriftstellerin Amanda Lasker-Berlin.
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Schriftstellerin Amanda Lasker-Berlin.

Roman

Amanda Lasker-Berlin: „Wer eine Auflösung will, der muss Tatort gucken“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Eine Begegnung mit der 27-jährigen Autorin Amanda Lasker-Berlin, die soeben ihren zweiten Roman veröffentlicht hat, „Iva atmet“.

Ein eiskalter Wind fegt über das südliche Mainufer, doch ein wärmender Kaffee bleibt uns verwehrt. Coronabedingt alles verrammelt. So tigern wir im Gespräch, von dem einzelne Worte verweht werden, an den geschlossenen Museen entlang. Gerade ist Amanda Lasker-Berlin aus Süddeutschland nach Frankfurt umgezogen, „der Liebe wegen“, gerade ist sie 27 Jahre alt geworden, und jetzt hat sie ihren zweiten Roman vorgelegt, „Iva atmet“. Sie lebe vom Schreiben, erklärt die Arzttochter aus Essen. „Ich mache das einfach, und ich hoffe, es geht so weiter.“

Schreiben, das ist für sie der kreative Mittelpunkt eines sehr aktiven Lebens. Sie fotografiert viel, sie malt seit langem und hat an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg gerade ihre Abschlusstheaterinszenierung vollendet. Im Juni soll ihr neues Stück „Ich, Wunderwerk und how much I love Disturbing Content“ bei der „Langen Nacht der Autor_innen“ am Deutschen Theater in Berlin seine Uraufführung erleben. Kaum vorstellbar, dass für eine weitere Leidenschaft, das „Stadtteillaufen“, gegenwärtig viel Zeit bleibt. Bei „Streifzügen“ nimmt sie Anregungen für ihre Texte auf. Bilder, Gerüche, Laute.

Tatsächlich, so sagt die Autorin, seien „die Farben“ und „die Stimmungen“ zuerst da, über sie suche sie dann den Text. Sehr prägnant findet sich das auch in ihrem jüngsten Roman. „Iva atmet“ beschwört immer wieder aufs Neue Atmosphäre in eindringlichen Bildern. Weil ihr Vater stirbt, kehrt Iva in ihr Elternhaus zurück, das ihr stets unheimlich war. Die ausgestopften Tiere an den Wänden. Die einbetonierten Köcherbäume am Portal. Iva bekommt keine Luft. In ihrer Lunge sitzt schwarzes Laub.

Mit dieser Erzählebene verschränkt Lasker-Berlin zwei weitere. Da ist die Großmutter als Kind in der afrikanischen Kolonie Deutsch-Südwest, die miterlebt, wie die Kolonialtruppen den Widerstand der einheimischen Herero blutig niederschlagen. Da ist der Vater, ein prominenter Richter, der in seinem Haus dumpfe deutschnationale Runden Ewiggestriger versammelt. Die drei Ebenen verschwimmen ineinander, verlangen Aufmerksamkeit. Konsequent erzählt die Autorin ausschließlich aus der Perspektive der Frauen. Iva, die zu ersticken glaubt, die sich nicht traut zu atmen, lernt Ismene kennen, die sich als Gelegenheitsprostituierte durchs Leben schlägt, die sich nimmt, was sie braucht.

Dass die Autorin Frauen in den Mittelpunkt stellt, leitet sie aus der eigenen Wahrnehmung ab. Noch immer, erklärte sie, würden Frauen viel weniger wahrgenommen, noch immer gebe es „keine Gleichberechtigung in den Narrativen von und über Frauen“. Den Prozess hin zu einer möglichen Gleichrangigkeit von Männern und Frauen in der Gesellschaft erlebt Lasker-Berlin als „sehr schleppend“.

Als Jugendliche, erzählt sie, habe sie „Erweckungsmomente“ in der Lektüre von Texten Ingeborg Bachmanns und Simone de Beauvoirs erlebt. Aber vor allem eine Schriftstellerin prägt die Heranwachsende. Im Alter von 15 Jahren liest sie den Roman „Atemschaukel“ der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Die Poesie dieses Buchs über das Leben eines Jungen aus Siebenbürgen in einem russischen Arbeitslager packt sie. Der Satz „Ich weiß, du kommst wieder“, mit dem die Großmutter den Jungen gehen lassen muss. Die Herzschaufel und der Hungerengel, die miteinander um das Leben des Jugendlichen ringen. „Ich habe danach von Herta Müller alles gelesen“, sagt Lasker-Berlin.

Und die poetischen Bilder Müllers spiegeln sich auch in ihrem eigenen Erzählen. Immer wieder frieren die Frauen in frostigen Nächten unter freiem Himmel, sie tanzen sich frei zu lauter Musik, sie wärmen sich in dampfend heißem Wasser. 18 Tage dauert es, bis der Vater am Ende seinen Kampf mit dem Tod verliert, bis er beerdigt ist. In einem drastischen Bild erlebt Iva dann ihre Befreiung: Sie erbricht schwarzes Laub, kann endlich frei atmen.

Aber so eindimensional ist auch die Figur des Vaters nicht. Eher beiläufig erfährt man, dass der verhasste autoritäre Mann, der seiner Tochter die Luft zum Atmen nahm, selbst als zweijähriges Kind von deutschen Truppen aus Polen verschleppt worden ist. Er kommt dann in die deutsche Familie, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Amanda Lasker-Berlin lässt in diesem Buch viel Raum, um beim Lesen die Geschichten selbst im Kopf zu vollenden. Vieles wird nur angedeutet, nicht auserzählt. Die Autorin bekennt sich zu dieser Erzählweise. Ein Leben lasse sich erzählend nie ganz greifen, „es gibt immer nur Fetzen und Fragmente“. Und spöttisch fügt sie hinzu: „Wer eine Auflösung will, der muss ‚Tatort‘ gucken.“

Sie hat sehr gezielt diesen historischen Stoff gewählt, der bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Gerade die Geschichte des deutschen Kolonialismus sei in Deutschland sehr wenig präsent, immer noch wisse kaum jemand vom deutschen Völkermord an den Herero.

Das Buch:

Amanda Lasker-Berlin: Iva atmet. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2021. 320 Seiten, 22 Euro.

„Iva atmet“ ist Lasker-Berlins zweite Familiengeschichte nach ihrem Debütroman „Elijas Lied“, in dem drei ungleiche Schwestern auftreten. Die Familie erscheint Lasker-Berlin eine probate Methode, gegensätzliche Menschen aufeinandertreffen zu lassen. „Sie begegnen sich, weil sie miteinander verwandt sind.“ Ihr neuer, der dritte Roman, der bereits abgeschlossen ist, sei aber keine Familiengeschichte, sagt sie lachend.

An der Schweizer Straße in Sachsenhausen gibt es endlich die Gelegenheit für einen Kaffee. Eine Frage steht im Raum. Amanda Lasker-Berlin ist nicht der wirkliche Name der Schriftstellerin, deren Großvater noch als Bergmann im Ruhrgebiet unter Tage gearbeitet hat. Es ist ein Pseudonym, das sie sich mit 15 zulegte. Kurz zuvor hatte sie ihren ersten größeren Text geschrieben. „Mein Berufswunsch stand fest“, sagt sie. Und als angehende Schriftstellerin „brauchte ich eben einen Namen“. Mehr will die 27-Jährige dazu nicht sagen.

Was für viele junge Frauen ein Traum bleibt, hat Amanda Lasker-Berlin wahr gemacht. Drei Monate schrieb sie an den 300 Seiten von „Iva atmet“. „Ich lasse den Text lange in mir reifen, und dann ziehe ich das Schreiben durch.“ Genauso war es auch bei ihrem Stück „Ich, Wunderwerk und how I love Disturbing Content“. Hintergrund ist die Geiselnahme von Gladbeck im August 1988, bei der zwei Gangster über Tage hinweg Menschen in ihrer Gewalt hatten und zwei von ihnen töteten. Vor allem aber war dieser 54 Stunden währende Gewaltexzess ein Medienereignis, das Millionen von Menschen faszinierte und abstieß zugleich und bei dem sich Journalisten zu Komplizen der Täter machten.

Lasker-Berlin ist später ganz in der Nähe des Hochhauses aufgewachsen, in dem die Geiselnahme ihren Ausgangspunkt hatte. Immer wieder war das blutige Geschehen in ihrer Kindheit vom Hörensagen her für sie „ganz abstrakt“ präsent. Jetzt hat die Autorin ein Stück geschrieben, in dem das Verhältnis von Gewalt und Medien aus fünf Perspektiven reflektiert wird. An der Rolle der Medien habe sich seit Gladbeck „extrem wenig geändert“, gerade Videos behaupteten inzwischen einen „Allmachtsanspruch“, den sie „absurd“ findet. Wieder so ein klarer und bestimmter Satz.

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