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Amanda Gorman am 20. Januar.
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Amanda Gorman am 20. Januar.

„The Hill We Climb“

Amanda Gorman: „Den Hügel hinauf“ – Redemption und Ausgleich

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Amanda Gormans „Den Hügel hinauf“ liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor.

Am 20. Januar 2021 wurde die literarische Welt mit einem Genre konfrontiert, das in Deutschland ausgestorben zu sein scheint: Nationale Lyrik. Amanda Gorman trug ein Gedicht vor, über und an die Nation. Ein Trost, eine Aufforderung und eine Hoffnung. Ort der Handlung war Washington, die Inauguration des neuen Präsidenten Joe Biden. Bei einem solchen Anlass, den Mund nicht zu voll zu nehmen, hieße das Thema verfehlen. Das ist Amanda Gorman nicht passiert.

Gegen die Rede von den gespaltenen USA setzte sie: „eine Nation, die nicht zerbrochen ist, nur unvollendet“. Ihr Wir-schaffen-das lautete: „Wir werden erneuern, einen, genesen, an allen Ecken und Enden unserer Nation.“ Und die Zukunft, in die sie blickt, ist eine biblische Verheißung: „Ein jeglicher wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen ohne Scheu.“ Wir kennen diese Stelle beim Propheten Micha. Sie beginnt mit der Vision von den Schwertern, die zu Pflugscharen gemacht werden.

Die Friedensbewegung hat diesen Passus gerne zitiert und den Satz weggelassen, dass jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum angstfrei in Frieden werde sitzen können. Bei dieser Rede wurde der umgekehrte Schnitt vollzogen. Das Privateigentum wurde gepriesen und der neue Präsident nicht mit der Abschaffung oder auch nur der Idee einer Reduktion des größten Atomwaffenlagers der Welt behelligt.

Das Weinstock-und-Feigenbaum-Zitat, erklären die Übersetzerinnen und Herausgeberinnen der deutschen Ausgabe, habe George Washington gerne zitiert. Für Amanda Gorman wahrscheinlich ein Grund, es ihm nachzutun. Allerdings wäre doch genau das ein Grund, sehr kritisch mit derartigen Äußerungen umzugehen. Sie stehen nicht für das, was ist, nicht einmal für das, was man anstrebt. Sie sind die schön bemalten Paravents, die man aufstellt, um dahinter seine Verbrechen – zum Beispiel die Sklaverei – weiter betreiben zu können.

Dichtung hat gerne den Herrschenden ihr Lied gesungen. Nur ganz selten mal den Marsch geblasen. Amanda Gormans Rede gehört erklärtermaßen zur ersten Kategorie.

Es ist schön, dass sie jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Übersetzerinnen heißen Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüsay. Jede Einzelne von ihnen wäre mit der Aufgabe der Übersetzung dieses Textes deutlich unterfordert gewesen. Die drei Köchinnen aber haben sich zu viele Gedanken gemacht.

Ambivalenz des „only“

Zum Beispiel die bewegende Stelle, da Amanda Gorman von sich selbst spricht, dem dünnen Mädchen, der Nachfahrin von Sklavinnen, dem Kind einer alleinerziehenden Mutter, das davon träumen kann, Präsidentin zu werden „und nun hier, heute für einen Präsidenten vorträgt“. Gorman dagegen sagte: „....can dream of becoming president, only to find herself reciting for one.“ Ich liebe die Ambivalenz dieses „only“.

Ein andermal wiederum machten sich die Übersetzerinnen zu wenig Gedanken. Wenn sie „This is the era of just redemption“ mit „Es ist die Zeit des gerechten Ausgleichs“ übersetzen, dann ist die religiöse, endzeitliche Dimension, um die es bei „redemption“ (Erlösung) geht, getilgt und eine gute – sagen wir mal – sozialdemokratische, ganz und gar diesseitige Lösung anvisiert. Das hat aber mit der Rede von Amanda Gorman nichts zu tun.

Ich kenne von Amanda Gorman nur diese Rede, dieses Gedicht, das eine Ansammlung amerikanischer Klischees ist. Schon der Titel bezieht sich natürlich auf die Angriffe aufs Kapitol, das aber bezieht sich selbst auf Jerusalem. Die Stadt auf dem Hügel ist das himmlische Jerusalem, das die Pilgerväter und die so lange verschwiegenen Mütter und ihre Nachfolger und Nachfolgerinnen fest entschlossen waren zu errichten. Gegen das alte Europa. Die Bürgerrechtsbewegung der USA, die schwarze vor allem, war geprägt von Predigern und ihren Träumen von der Erlösung.

In dieser Falle stecken die USA oder doch große Teile ihrer Bewohner. Sie wollen alle, dass das Land „God’s own country“ sei. Aber keiner will, dass es einem anderen als dem eigenen Gott gehören soll. Gott und die Nation, die US-Bürger als die Nachfolger des auserwählten Volkes – damit sollte gebrochen werden. In dieser Utopie steckt nichts Gutes. Sie heiligt die Nation, und sie nationalisiert Gott. Wie das funktioniert, lässt sich wunderbar nachlesen in der Rede von Amanda Gorman.

Aber die Rede wurde ja nicht von vierzig Millionen Amerikanern gelesen. Sie verfolgten an den Bildschirmen oder wo auch immer die Inauguration des neuen Präsidenten und wohnten so der Performance von Amanda Gorman bei. Die 1998 in Los Angeles geborene Aktivistin und Lyrikerin begleitete ihren Vortrag mit den Gesten, die an eine balinesische Tempeltänzerin erinnerten. Die langen Finger unterstrichen nicht nur, was sie sagte, sie schickten auch jenen Gedanken hinaus in die Welt und wehrten einen anderen ab. Die Sprache der Pilgerväter vorgetragen von einer, deren Vorfahren Sklavinnen und Sklaven waren, mit einer Gestik aus anderen weit entfernten Kulturen. 22 war sie. Wenn sie von Zukunft sprach, war es ihre. Das gab ihren Worten einen Beigeschmack von Wahrheit. Auf dem Papier ist davon nichts zu spüren.

Amanda Gorman: The Hill We Climb – Den Hügel hinauf: Dt. / engl. Ausgabe, über- setzt/kommentiert v. Uda Strätling, Hadija Haruna- Oelker, Kübra Gümüsay, Vorwort v. Oprah Winfrey, Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 64 S., 10 Euro.

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