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Amanda Cross: „Thebanischer Tod“ – Antigone und die Emanzipation

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Von: Sylvia Staude

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Protest gegen den Vietnamkrieg in New York. Foto: afp
Protest gegen den Vietnamkrieg in New York. © AFP

„Thebanischer Tod“, ein geistvoller Kriminalroman von Amanda Cross, ist wieder aufgelegt.

Menschen, die sich damit rechtfertigen, dass man dies oder jenes wirklich nicht hätte wissen können, braucht man eigentlich nur einen frühen Kriminalroman von Amanda Cross alias Carolyn Gold Heilbrun (1926-2003) in die Hand zu drücken. Denn so leichtfüßig, spitzzüngig amüsant ihre Romanreihe um eine scharfsinnige Laienermittlerin ist – eigentlich ist Hauptfigur Kate Fansler Literaturprofessorin, wie Carolyn Gold es war –, so hellsichtig und auch messerscharf formuliert sind viele Beobachtungen. Die sich keineswegs lesen, als wären sie vor vielen Jahren gemacht worden: „The Theban Mysteries“, jüngst als „Thebanischer Tod“ auf Deutsch (wieder)erschienen, kam im Original bereits 1971 heraus, insgesamt veröffentlichte Gold 14 Bände zwischen 1964 und 2000. Es ist das Verdienst des Züricher Dörlemann Verlags, sie mit dem Untertitel „Kate Fansler ermittelt“ jetzt nach und nach neu aufzulegen.

Carolyn Gold beschäftigte sich nicht nur mit feministischer Literaturkritik (sie lehrte an New Yorks Columbia University), sie mischte sich auch in der Praxis ein, indem sie dem Genre Krimi eine geistvolle Heldin hinzufügte. Zunächst tat sie das unter Pseudonym, da sie sicher nicht grundlos befürchtete, das Schreiben ausgerechnet von unterhaltender Literatur werde ihrem Ruf als Wissenschaftlerin schaden. Aber bereits beim dritten Fansler-Band sollen Kollegen verdächtige Parallelen zu ihrer Universität aufgefallen sein. Und vermutlich tippte man angesichts einer so herrlich schlauen und selbstbewussten weiblichen Hauptfigur schnell auf die Feministin Carolyn Gold.

Diesmal spielt die Handlung hauptsächlich an einem College für Frauen, dem Theban, mit starker und gerechter Hand geleitet von Miss (!) Tyringham. Zuerst wird Kate Fansler nur gebeten, bei einem Seminar über „Antigone“ für die erkrankte Dozentin einzuspringen (tatsächlich lernt man in „Thebanischer Tod“ auch einiges über Sophokles’ Text). Dann gibt es in den ehrwürdigen Räumen eine Tote.

Das BUch

Amanda Cross: Thebanischer Tod. Kate Fansler ermittelt. A. d. Engl. von M. Blaich und K. Kamberger. Dörlemann 2022. 288 S., 19 Euro.

Kompliziert wird die Sache, weil in einer Wohnung auf dem Dach des Theban immerhin ein einziger Mann lebt, der Hausmeister des Colleges. Und weil dieser zwei scharfe Hunde hält, darauf abgerichtet, abends das Gebäude zu durchkämmen, falls sich – wieder – ein junger Mann versteckt und Unheil anrichtet. (Diese Durchsuchungen erfolgen allerdings nicht aus Gründen der Moral, denn die jungen Frauen wohnen ja gar nicht im College.) Könnten Lily und Rose, die beiden Hunde, die nervenschwache Mutter einer Schülerin so erschreckt haben, dass sie tot umgefallen ist? Aber warum hätte sich ausgerechnet eine als ängstlich bekannte Frau des Nachts im Theban aufhalten sollen? War es also Mord?

Intrikat genug, so dass die Leserin gespannt ist auf Kate Fanslers Geistesblitze und ihre Auflösung des Rätsels. Aber der Who-dunnit-Aspekt ist, siehe oben, trotzdem nicht die Hauptsache an Carolyn Golds „Thebanischem Tod“. Denn es geht auch um den Vietnamkrieg und einen jungen Mann, der sich versteckt, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Um repressive Polizeigewalt gegen Protestierende. Um junge Frauen, die sich engagieren und diskutieren, sich dabei Stückchen für Stückchen emanzipieren, nicht zuletzt dank der Vorbilder, die sie haben. Darunter eine gewisse Antigone, die in Kriegszeiten eine Entscheidung treffen musste.

Es geht am Rande um Umweltverschmutzung und die „mangelnde Bereitschaft der Menschen, die Konsequenzen für ihr Handeln zu tragen“, sogar schon um das Problem der wild wuchernden Technologien und überbordenden Verpackungen. Keineswegs wird ein Klagelied über die Jugend von heute angestimmt, doch bereits vor gut 50 Jahren und lang vor Erfindung der sozialen Medien festgestellt, dass „das ständige Ausleben von Emotionen zum Selbstzweck wird“.

Alles, was uns heute beschäftigt, zeichnet sich in den Kriminalromanen von Amanda Cross bereits ab. Sogar einen Verschwörungstheoretiker gibt es, den Kate Fansler ebenfalls mit kühler Logik abserviert, als er ihr mit einer angeblich „kommunistischen Verschwörung“ der so eklig langhaarigen Studenten kommt: „Ich glaube ohnehin nicht an Verschwörungen – sie sind zu schwierig in die Tat umzusetzen.“ Leider hilft Logik bis heute nicht gegen die Übel der Welt, sonst bräuchte man den Uneinsichtigen tatsächlich nur ein Buch in die Hand drücken.

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