Martin Walser

Die alten Männer und das Mädchen

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Eine Legende von Martin Walser.

Anton Schweiger ist sein Name, und er ist zumindest stiller als die Familie, bei der er zur Untermiete wohnt. Das sind die Zürns, lebhafte Leute, wie man sich vorstellen kann. Die Wutanfälle des Vaters nehmen bald brutale Züge an, bevor sie in einen Wahnsinn übergehen. Ferner gibt es den Ludwig Proll, ein schlimmer Finger. Alles aber kreist um eine der Zürn-Töchter, das Mädchen aus dem Titel, das sich selbst den Namen Sirte gegeben hat. Während Sirte ihrer Wege geht, himmeln Zürn und Schweiger sie an, und der Vater will die Tochter alsbald heilig sprechen lassen. Schweiger wäre darauf nun nicht gekommen, aber er macht sich kundig.

Heillos ist er vernarrt. „Dass sie ein Mädchen ist wie kein anderes, habe ich bemerkt. Und sie hat bemerkt, wie sehr ich mich für sie interessiere, wie wichtig für mich alles ist, was sie sagt und tut. Zwischen uns ist etwas entstanden, wofür ich keinen Namen habe.“ Schweiger ist nicht fromm, aber sirtegläubig, außerdem fühlt er sich wie die meisten Gläubigen schuldig. Als Sirte zwischenzeitlich verschwindet, kommt er in U-Haft. „Aber ich konnte eine Unschuld nachweisen, die ich nicht habe ...“

Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende. Rowohlt. 94 S., 20 Euro.

Während Zürn auf Wunder lauert – eine Heilige muss Wunder vollbringen –, opfert sich Sirte bereits für die Frau des argen Proll auf, indem sie sich statt ihrer von ihm schlagen lässt: Das Wunder bahnt sich an.

„Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“ ist wahrlich ein Buch, das sich in Martin Walsers eigenwilliges Alterswerk einpasst. Der jetzt 92-Jährige, der unverdrossen weiter schmale, walserisch lebhafte und unweise Bände vorlegt. Die Legende pendelt zwischen Verrückheit, Satire, Zärtlichkeit, Einsamkeit einerseits – denn für den Autor wie für Zürn und Schweiger ist Sirte schiere Projektionsfläche. Jeder bleibt allein, Annäherungen sind peinlich oder grob oder unwahrscheinlich. Andererseits vertraut Sirte dem Untermieter leider ihre Aufzeichnungen an, so dass die Geschichte durch lange Passagen mit Walser-Aphorismen unterbrochen wird. Da merkt der Letzte, dass es Sirte nicht geben kann.

Wie der Autor aktuelle Debatten nicht nur beiseitelässt, sondern ihnen einen von alten Männern umlagerten Engel mit Schwanenhals entgegenstellt, wirkt zugleich souverän und trotzig, also groß und albern. Ein echter Walser auch insofern. Der Glanz der Sprache ist durch die Routine kaum matt geworden. 

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