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Alte Wunden heilen nicht

Alice Munros hinreißende Geschichten über das Leben der Frauen zwischen Himmel und Hölle

Von ALMUT FINK

Manchmal findet ein einziger Kuss lebenslange Verwendung. Nicht, weil er zwei Menschen zusammengeführt hätte. Sondern weil er es nicht getan hat. Weil er stattdessen als phantastisches Versprechen einer unbegrenzten Liebe Eheleben und Familienalltag - nun ja: lebbar macht, eines dieser gar nicht katastrophalen, aber ereignisarmen Frauenleben eben, die zwischen Kuchenbacken, Unkrautjäten und Windelwechseln an Glanz und Abenteuer verloren haben. Die Figuren der kanadischen Erzählerin Alice Munro, im Zentrum ausnahmslos Frauen, sind realistisch genug, um zu wissen: Glück fällt einem nicht in den Schoß. Himmel und Hölle liegen zu nah beieinander, als dass man etwas aufs Spiel setzen sollte, das mühsam ausgehandelt ist. Kleine Fluchten sind erlaubt. Jenin: Einmal verlässt sie ihren Mann, kommt aber nur bis zur Bushaltestelle.

Wer wirklich ausbricht aus seinem Leben, landet nicht unbedingt in der Freiheit. Queenie, ein wilder Feger: Als Teenager brennt sie mit einem viel älteren Mann von zu Hause durch. Jahrzehnte später sieht man sie auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt einen leeren Einkaufswagen schieben, heruntergekommen, alt und hutzelig, eine verfilzte Strickjacke und eine violette Hose über dem Trommelbauch, die aus einem Secondhandladen stammen könnte.

Melancholie liegt über den Geschichten Munros, die von Abschied und Fortgehen handeln, von Krankheit und Tod, von der Erinnerung, von der Vergeblichkeit. Wie kommt es, dass sie trotzdem nicht traurig sind und jeder bittere Unterton fehlt? Es liegt wohl daran, dass Alice Munro, inzwischen 72 Jahre alt, weniger abgeklärt als altersweise, ihren Figuren nicht mit herablassendem Mitleid begegnet, sondern mit großem Ernst, mit so etwas Altmodischem wie Taktgefühl, fast Ehrfurcht.

Spott ist ihr unbekannt

Spott kennt diese Autorin nicht. Nicht einmal Johanna belächelt sie, eine prüde, ältliche Jungfer, die reinfällt auf einen üblen Scherz und ihr Herz verliert an einen Nichtsnutz und Schürzenjäger. Dass Johanna schließlich doch noch kriegt, was keiner für möglich gehalten, macht aus der banalen Geschichte ein Märchen. Himmel und Hölle liegen nah beieinander. Prosa und Poesie auch. Eine Meisterin der Andeutungen ist diese Autorin, deren Geschichten fast immer von einer Vergangenheit handeln, die plötzlich - ein halber Satz, eine Wendung nur - wiederkehrt. Alte Wunden, doch noch nicht vernarbt, eine frühere Liebe, doch noch nicht vergessen. Keine 30 Seiten lang ist die kürzeste der neun Erzählungen. Aus Bruchstücken entwickelt Munro ganze Lebensläufe. Andere brauchen dazu einen Roman.

Himmel und Hölle ist Munros zehnter Band mit Kurzprosa. Vieles darin ist aus den anderen Büchern der Autorin vertraut. Diese Mischung aus Tschechow und Erica Jong. Der Ort, irgendwo in einer kanadischen Kleinstadt der sechziger und siebziger Jahre. Diese Enge, diese Weite. Frauen am Rande des Ehebruchs. Noch erzählen Mütter den Töchtern, dass krank wird, wer die Finger unter die Bettdecke wandern lässt.

Munro, die seit über 30 Jahren Kurzgeschichten schreibt, hat sich nie dem Druck ausgesetzt, ständig neue Typen erfinden zu müssen. Auch in Himmel und Hölle begegnen die vertrauten Munro-Figuren in Konstellationen, die man heute so gerne mit dem Wort Geschlechterverhältnisse umschreibt: die kränkelnde Mutter, der dominante Vater, das altkluge Mädchen, das raus will aus dem Mief der Provinz, die Cousine aus der Stadt, berufstätig, unabhängig. Beneidet, verachtet. Eine, die Nagellack und Lippenstift trägt, wo andere Frauen ein Sonntagsgesicht auflegen und gutes Geschirr. Immer wieder im Hintergrund: alte Frauen, von Demenz umweht, oft klüger als all die jungen Hühner. Tante Muriel, einst aufmüpfig und verwegen. Sie pflegte den Umgang mit Künstlern. Jetzt ist sie fast blind, sitzt in eine Plastikschürze gewickelt im Rollstuhl Dass ihre Nichte bald ihren Mann betrügen wird, weiß sie eher als diese selbst. Auch Munro, in ihrem achten Lebensjahrzehnt, weiß vieles besser, lässt die Kinder aber gewähren.

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