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Michel Houellebecq, hier in New York.

Michael Houellebecq

Die EU, die alte Schlampe

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Michel Houellebecq erzählt in seinem neuen Roman von der Suche nach Glück und vom Niedergang der Landwirschaft in Frankreich.

Voilà, er hat seine Dosis Provokation abgeliefert, die Öffentlichkeit kann zufrieden sein. Sex und Gewalt stecken zuverlässig in dem neuen Roman von Michel Houellebecq, außerdem Depression und eine deutliche Kritik an der politischen Entwicklung Frankreichs innerhalb der Europäischen Union. Am Freitag kam das Original in die Läden, die Übersetzungen in Deutschland und Italien sind am Montag dran, am Mittwoch kommt die spanische Ausgabe heraus. Erste Einschätzungen stehen bereits im Netz. Michel Houellebecq ist einer der Weltstars in der Literatur, von sich selbst und seinen Verlagen so inszeniert. Und nicht erst, seit der Vorgängerroman „Unterwerfung“ mit der Vision von einem islamischen Frankreich spielte.

Seit „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) und „Elementarteilchen“ (1999) wurden immer auch die Ideen der Romane diskutiert. Im Film hat der Autor sein eigenes Verschwinden probiert, die Frage der Identität des Künstlers behandelte er in dem exzellenten Roman „Karte und Gebiet“. Um es gleich zu sagen: „Serotonin“ lässt sich gut lesen, wenn man es schafft, über einige eklige Stellen hinwegzukommen. Es ist ein Buch zu Fragen der Zeit und es handelt auch von der Suche nach Liebe und Glück, wirklich.

Der Autor ist nicht der Erzähler, Florent-Claude Labrouste heißt der, hat immerhin wie Michel Houellebecq Landwirtschaft studiert. Die Haupterzählung setzt Ende der 2010er-Jahre ein, da er Menschen aufsucht, die ihm einmal etwas bedeutet haben. „Ich meine mich zu erinnern, dass Emmanuel Macron Staatspräsident war.“ Er blickt aus der Zukunft auf unsere Gegenwart. Da ist er praktisch aus der Gesellschaft verschwunden, zwar noch mit Bankkonto ausgestattet, aber ohne Arbeit und festen Wohnsitz.

Das Medikament Captorix soll den depressiven Erzähler vor Suizidgedanken schützen, indem es den Serotoninspiegel reguliert. Das mit dem Glück in Verbindung gebrachte Hormon gibt dem Buch den Titel. Die deutlichste Nebenwirkung des Medikaments ist der Libido- und Potenzverlust für den Erzähler, und so ist seine Reise durch Frankreich und in die Erinnerung auch ein Abschied von seinem erotischen Leben.

Der Erzähler, Ende vierzig ist er, denkt viel über das Wesen der Liebe nach. Für Frauen sei sie „eine schöpferische Kraft vom Rang eines Erdbebens oder eine Klimaumwälzung“. Dass der Mann Liebe „durch den Phallus, Kern seines Seins“ spüre, überrascht Houellebecq-Leser nicht, doch dass er durch die Frau „in die Kant’sche Dimension der Achtung“ gelangen könne, ist eine neue Erkenntnis aus der Tastatur dieses Autors. Kant gesellt sich zu Schopenhauer, den Houellebecq schon lange mit sich trägt, französische Philosophen der Gegenwart werden ebenfalls durchgenommen und ein kleiner Exkurs gehört der Literatur von Dostojewski über Fontane zu Thomas Mann und Arthur Conan Doyle.

Frauen sind bei ihm dazu da, Sex zu beschreiben

Die jüngste Beziehung endete mit der Entdeckung von Porno-Videos der Freundin, die hier detailliert beschrieben sind. Wer nichts über Sex mit Hunden wissen will, sollte Seite 50 überspringen. Im Prinzip ist der Erzähler pornografischen Erfahrungen gegenüber aufgeschlossen, selbst von der verflossenen Kate („vermutlich die intelligenteste Person, der ich je begegnet bin“) hat er ein pornografisches Foto aufbewahrt.

Frauen sind in Houellebecqs Romanen immer auch dazu da, Sex zu beschreiben, oft technisch genau. Yuzo zum Beispiel war „auf dem Gebiet des Analverkehrs außergewöhnlich begabt“, Claire begann als Schauspielerin in einem Georges-Bataille-Stück, wo sie auf der Bühne masturbiert, und ist dann rollenmäßig festgelegt. Camille aber, die der Erzähler als Studentin der Veterinärmedizin kennenlernt und spätestens zu lieben beginnt, als sie verstört vom Besuch eines industriellen Hühnerbetriebs wiederkommt, wird bis zum Ende seine Gedanken beherrschen.

Der gedankliche Kern des Romans allerdings behandelt nicht die Frage nach dem Glück, sondern die Entwicklung der französischen Landwirtschaft. Labrouste hat bei Monsanto gearbeitet, war beim Vermarktungsverband der Normandie für Käse zuständig, und er war Vertragsmitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums. Der Einsatz für heimische Produkte scheint aussichtslos, die Handelsfreiheit gilt den Behörden als hohes Gut. Zwar bezeichnet der Erzähler radikale Umweltschützer als „ahnungslose Blödmänner“ und räumt ein, dass man über die Auswirkungen der Genmanipulationen von Pflanzen noch nicht genug weiß, doch geißelt er die Folgen der intensiven Landwirtschaft, der Monopolisierung der Saatgutherstellung durch Monsanto und der Milchwirtschaft durch den Konzern Lactalis.

Bei seinem Studienfreund Aymeric, der in einem alten Schloss lebt, Kühe züchtet und doch Land verkaufen muss, um über die Runden zu kommen (an ein chinesisches Konglomerat!), sieht der Erzähler alles konzentriert. Die Regulierung der Milchpreise durch die Europäische Union bringt die Bauern in Not. Der Erzähler nennt die EU eine „alte Schlampe“. Aymeric führt schließlich einen Protestzug an, der Autobahnen blockiert, ein Großaufgebot der Polizei herausfordert und in einer heftigen Gewaltszene endet.

Klar, dass erste Interpreten schon an die Gelbwesten denken, zumal Houellebecq seit dem Roman „Plattform“ prophetische Fähigkeiten attestiert werden. Am 11. September 2001 erschien dazu ein Interview mit ihm in der New York Times – er sprach über die Gefahr eines islamistischen Anschlags. Doch die Not der Milchbauern hatte in Frankreich bereits 2009, 2015 und 2016 zu Demonstrationen und Blockaden geführt.

Alkohol und Einsamkeit

Der Erzähler konstatiert Aymerics Verfall durch Alkohol und in Einsamkeit mit einer gewissen Sorge, er beobachtet die Bilder der Revolte, ohne sich gemein zu machen mit dieser Art des Protestes, er staunt darüber, dass hinterher Politiker sogar Verständnis äußern.

Die Beziehung des Lesers zum Erzähler entwickelt sich in Wellen: Früh präsentiert er sich als sexgetriebener Diesel-Geländewagen-Fahrer, als unsympathische Person, die „systematisch“ nicht den Müll trennt: „Zumindest würde ich meinen Teil zur Zerstörung des Planeten beigetragen haben.“ Mit witzigen Wendungen und Szenen gleicht der Roman dann aber die Stellen aus, da sich das Lesen anfühlt, als würde man sich Schorf von einer Wunde reißen.

Dabei wirkt die deutsche Übersetzung angenehm flüssig, man stockt nie der Sprache wegen. Die Überlegungen zur Liebe, speziell die Wärme, mit der er von seinen Eltern berichtet, der kritische Blick auf den Niedergang des Landwirtschaft in Frankreich und sein Einsatz gegen einen pädophilen Deutschen lassen sogar zu, dass man sich mit dem Erzähler identifizieren kann. Über sein degeneriertes Stadium in der Rahmenhandlung legt er selbst Distanz. Da hat ja das Serotonin die Hauptrolle übernommen, durch erhöhten Konsum von Captorix.

Der Leser kann gleich zum Jahresanfang viel Nutzen ziehen aus diesem Roman. Zwar wird sich die Wirtschaftspolitik kaum ändern. Doch die Komplikationen rund ums Rauchen, die verfettende und benebelnde Wirkung von zu viel Alkohol und Antidepressiva sind noch nie so im Gleichklang behandelt worden. Es ist erstaunlich, dass ein dermaßen unter Erwartungsdruck stehender Schriftsteller das hinbekommen hat. Nach der Lektüre drängt sich der Gedanke an seine Hochzeit im letzten Herbst auf. Er könnte glücklich sein.

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