Malstrom

Der alte und der neue Poe

Eine Biographie und eine großartige Neuübersetzung des "Pym".

Von ULRIKE BRUNOTTE

Edgar Allan Poe, geboren am 19. Januar 1809, hat viele Gesichter. Während der amerikanische Poe mit dem Raben auf der Schulter in Souvenirshops zu haben ist und man an seinem Grab in Baltimore Halloweenpartys feiert, zählt sein Werk in Deutschland zu den best edierten Schriften eines fremdsprachigen Autors. Dennoch ist Poe bei uns weniger als Redakteur von Literaturzeitschriften, unermüdlicher Kritiker und philosophischer Essayist, sondern vor allem als Autor von Horrorgeschichten und als Erfinder des Meisterdetektivs Auguste Dupin bekannt.

Ein verleumderischer Nachruf, den ein gewisser Referent Rufus Griswold unter dem Pseudonym "Ludwig" gleich nach Poes Tod veröffentlichte und mehrfach verbreitete, sollte dessen Bild in den USA bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein prägen. Griswold zeichnete darin das Portrait eines amoralischen und unzuverlässigen, durch Trunksucht und Größenwahn ins selbstverschuldete Verderben gestürzten Träumers und zweitrangigen Schriftstellers. Wird der Dichter in Europa und besonders in Frankreich als Begründer des literarischen Modernismus gefeiert, so erfuhren seine Werke im puritanischen Amerika lange nur Ablehnung. Seit etwa sechzig Jahren hat sich das Bild des Dichters auch in den USA korrigiert und er wurde langsam als amerikanischer Autor anerkannt. In Deutschland liegt mit der umfangreichen Biographie von Frank T. Zumbach seit 1986 eine detailgenaue Rekonstruktion seines Lebens vor.

Wollte man Poe einzig aus den zeitgenössischen amerikanischen Quellen erläutern, würde daher ein eindimensionales Bild entstehen. Eben dies hat der emeritierte Berliner Anglist Hans-Dieter Gelfert in seinem gut lesbar geschriebenen biografischen Essay zum Thema gemacht. Er versucht, den "irritierenden Kern" aufzuspüren, der zu so viel Ablehnung geführt hat. Dazu breitet er zuerst den spannungsgeladenen amerikanischen Zeitkontext vor dem Leser aus: einerseits die radikal moderne Fortschrittsgläubigkeit unter der Präsidentschaft des Populisten Andrew Jackson, andererseits sich zuweilen fanatisch steigernde, puritanische Erhebungen, die sich mit Antisklaverei- und Abolitionbewegung verbanden. Alles zusammen führte zu einer explosiven Mischung aus enthusiastischem Optimismus und gesteigertem Moralismus, deren Opfer Poe wurde.

Leider versucht es Gelfert an keiner Stelle, Poes Werk im Kontext der neuen Penny Press und der massenwirksamen Flut von Texten, die sich mit Verbrechen, Schiffsunglücken und Entdeckungen beschäftigten, zu verorten. Dann wäre er sicher nicht zu dem fragwürdigen Urteil gekommen, Poe sei hoffnungslos romantisch gewesen und es würde ihm an Ironie mangeln. Dabei erschließen sich viele der besten Erzählungen erst als komplexe Parodien herrschender Schreibmoden.

Das Werk Edgar Allan Poes ist als Wegbereiter der literarischen Moderne zuerst von Dichtern wie Baudelaire, Melville, Conrad und Dostojewskij entdeckt und weitergeschrieben worden. Sie lasen in seinen Kurzgeschichten die existenzielle und künstlerische Reflexion moderner Zerfalls-, Einsamkeits- und Entfremdungserfahrungen. Gelfert misst hingegen Poes Erzählungen an den großen Romanen des 19. Jahrhunderts, wie "Wilhelm Meister" oder "Krieg und Frieden", und kommt dann zwangsläufig zu dem Urteil, dass "die Poeschen Helden keine moralische Entwicklung oder Bewährung durchmachen". Ihr Schöpfer übrigens auch nicht, da er von einem an "Größenwahn grenzenden Machtgefühl" (Gelfert) gelenkt werde.

Insgesamt hat der Leser der Biografie, abgesehen von der originellen Deutung des kosmologischen Spätwerks "Eureka", nicht den Eindruck, einen neuen Zugang zum Werk des Künstlers Poe zu gewinnen. Es werden vielmehr alte Vorurteile von der moralisch fragwürdigen Persönlichkeit wiederholt und mit positivistischer Akribie alle sachlichen Unstimmigkeiten in den Erzählungen aufgelistet. Um ein Beispiel zu nennen, "seziert" Gelfert die Erzählung "The Pit and the Pendulum", die noch Rilke als eine "Parabel für den Menschen und sein Existenzproblem" schätzte, indem er darin falsche Angaben über den Umfang der Gefängniszelle und die Bewegungsgeschwindigkeit des mörderischen Pendels nachweist: "Das widerspricht den Pendelgesetzen", meint Gelfert.

Noch weiter geht der Autor, wenn er die Poetologie des Dichters in bloßen Ästhetizismus einmünden lässt. Das kann nur gelingen, weil er Poes berühmte Ausführungen zur Short Story an dieser Stelle nicht erwähnt, sondern sich allein auf seine Essays zur lyrischen Dichtung bezieht, in denen Poe Lyrik als die rhythmische Schöpfung von Schönheit definiert. Nun fragt Gelfert genau nach dieser Schönheit in den Horrorgeschichten und kommt zu einem vernichtenden Schluss: Die Erzählungen erzeugen nur eine "amoralische, ja vielleicht unmoralische Lust am Bösen". Unerwähnt bleibt freilich, dass Poe als Theoretiker der Short Story auch eine Ästhetik des Sublimen entwickelt hat. Schönheit ist das Feld der Lyrik, "anders freilich", so fährt Poe fort, "verhält sich's mit dem Schrecken, dem Leiden und dem Entsetzen..."

Wer ein wirklich neues Bild Edgar Allan Poes kennenlernen will, muss die bibliophile, akribisch kommentierte und mit Illustrationen versehene Neuübersetzung der "Geschichte des Arthur Gordon Pym" von 1837/38 aufschlagen, die im marebuchverlag erschienen ist. In ihrer ausführlichen Einleitung haben Michael Farin und Hans Schmid keinerlei Anstrengungen gescheut, Poe bis in die Abgründe des Populären zu folgen.

Der ganze Roman ist eine subtile Parodie. Er nimmt das zeitgenössische Interesse an haarsträubenden Berichten über Schiffskatastrophen, Meutereien und wilden Abenteuern in fernen Südmeeren ebenso auf wie die visionären wissenschaftlichen Spekulationen über einen "Malstrom" am Südpol und die Gier nach den letzten weißen Flecken der Erde. Bei der "Geschichte des Arthur Gordon Pym" handelt es sich um ein auf mehrere Teile hin angelegtes Seeabenteuer. Sein Held ist ein Junge, der im Verlauf der Ereignisse erwachsen wird. Von Anfang an hat er freilich für die lichtere Seite des Seemannsdaseins nur begrenzte Sympathie. Er träumt "von Schiffbruch und Hunger; von Tod oder Gefangenschaft bei Barbarenhorden". Und eben das wird er auf seiner Reise bis an den Südpol auch erleben.

Der Roman erscheint 1837, wenig beachtet, zuerst in zwei Teilen in der Zeitschrift Southern Literary Messenger. Er hat Montagecharakter und setzt sich zu etwa einem Drittel aus Zitaten und Parodien zusammen: Poe schreibt seitenlang aus nautischen Handbüchern, Expeditionsberichten und Romanen ab. Gleichwohl ist dem Dichter, vielleicht mit Ausnahme seiner berühmtesten Seegeschichte, dem "Sturz in den Maelstrom", nirgends so eindringlich gelungen, eine nautische Grenzerfahrung in eine Kartografie des Schreckens zu verwandeln.

Die Autoren der kommentierten Neuausgabe führen den Leser mit archäologischer Kleinstarbeit vor, auf welche Quellen Poe zurückgegriffen hat. Durch reiche Anmerkungen erfährt der Leser beinahe auf jeder Seite, wie viele Subtexte - auch biografischer, politischer und literarischer Natur - sich in Poes Seegeschichte verbergen. Ergänzt werden diese Hinweise durch eine Chronik der literarischen Fortschreibungen des Pym: von Jules Verne bis zu Travens "Totenschiff".

Warum aber eine Neuübersetzung, wenn es seit dem 19. Jahrhundert doch sehr viele und mit Carl Ehrenstein und Alfred Wolfenstein bereits vor Arno Schmidt auch Übertragungen von bekannten Schriftstellern gab? Leider sind dem Buch keinerlei Erläuterungen zur Übersetzung beigegeben. Arno Schmidt hat sich in seiner Übersetzung die Lizenz zu größtmöglicher Freiheit genommen. So ersetzt er die Manierismen eines Edgar Poe durch seine eigenen. Das geht an vielen Stellen zu weit. Andererseits kommt sein Verbalstil dem englischen Textduktus und dem dramatischen Sog des Grauens an manchen Stellen näher als die oft nominalistischer gehaltene Neuübersetzung. Dennoch: Zum ersten Mal kann der Leser nun einen vollständige deutschen "Pym" in Händen halten, in dem die angeblichen Fehler Poes, seine Redundanzen und nautischen Obsessionen nicht weglektoriert wurden.

M. Farin, H. Schmid (Hrsg.): Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket. Neuübersetung von Hans Schmid. marebuchverlag 2008, 524 S., 39,90 Euro.

Hans-Dieter Gelfert: Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms. Verlag C. H. Beck 2008, 249 Seiten, 19, 90 Euro.

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