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Also brauchen wir Mut

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Von: Arno Widmann

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Vordenker deutscher Liberaler und Britischer Adelstitel-Träger: Es ist die Verbindung eines klaren Verstandes mit einem aufmüpfigen Temperament, die Ralf Dahrendorf einzigartig macht. Von Arno Widmann

Ausgerechnet am ersten Mai wird Ralf Dahrendorf achtzig Jahre alt. Wer ihn nur als Liberalen kennt, mag sich über diesen Geburtstag mokieren, wer aber weiß, dass sein Vater sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter war, den wird die Vorstellung amüsieren, dass Lord Dahrendorf das Produkt genauester Planung war. Ein Neunmonatsplan, der exakt eingehalten wurde.

Wer in Dahrendorf nur den sieht, der mit den Verhältnissen einverstanden ist, der wird registrieren müssen, dass dieses Planprodukt sein Leben lang gegen die Vorstellung kämpft, das Leben ließe sich planen. Er ist dagegen, weil sein Verstand ihm sagt, dass die Pläne nicht funktionieren. Er ist aber auch dagegen, weil sein Herz nicht verplant werden möchte.

Es ist diese Verbindung eines beneidenswert klaren Verstandes mit einem aufmüpfigen, den Ein- und Widerspruch liebenden, ihn erhebenden und provozierenden Temperament, die Dahrendorf zu einer so einzigartigen Erscheinung macht. Der Vordenker der deutschen Liberalen der Endsechziger Jahre - zusammen mit Karl Hermann Flach -, war ein paar Jahre zuvor noch im Sozialistischen Deutschen Studentenbund gewesen. Ein paar Jahre später gründete er die Uni Konstanz, wurde Chef der London School of Economics und Rektor des St. Antony's College der Universität Oxford. Er ist Engländer geworden, wurde Lord und Baron. Baron des Clare Market lautet sein Titel. Wenn die Legende stimmt, hat er sich den selbst ausgesucht. Es handelt sich um den Parkplatz der London School of Economics.

Von Ralf Dahrendorf kann man lernen, dass Gesellschaften Widersprüche nicht aufheben sondern austragen müssen. Der Versuch, die Gegensätze zu beseitigen enden notwendig in der Diktatur. Freie Gesellschaften sind nur möglich, wo gegensätzliche Interessen organisiert und im Streit, in der Auseinandersetzung entfaltet werden. In diesem Weltbild ist viel Platz für freies Unternehmertum. Aber ebenso wichtig sind starke Gewerkschaften. Nichts aber liegt Dahrendorf ferner als die Vorstellung eines Gleichgewichts der Kräfte. Ihm geht es um die Dynamik einer Gesellschaft, um ihre Fähigkeit sich weiterzuentwickeln.

Das geschieht fast immer gegen die korporierten Interessen. Das geschieht meist von den Rändern aus. Sei es von oben wie bei Margaret Thatcher, sei es aus einer Garage wie bei Bill Gates. Die Zerstörung des Alten, das weiß Ralf Dahrendorf, gehört zum Neuen dazu. Das macht Angst. Also brauchen wir Mut.

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