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Als Zeichen für die Liebe: Deutscher Buchpreis für Kim de l’Horizons „Blutbuch“

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Von: Judith von Sternburg

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Kim de l’Horizon am Montagabend im Römer. Arne Dedert/dpa
Kim de l’Horizon am Montagabend im Römer. © Arne Dedert/dpa

Kim de l’Horizon gewinnt mit „Blutbuch“, einem Roman über die Suche nach Identität und Sprache, den Deutschen Buchpreis.

Kim de l’Horizon, nach eigenen Angaben 2666 auf Gethen geboren, hat am Montagabend im Frankfurter Römer den Deutschen Buchpreis gewonnen. Kim de l’Horizon war glücklich, weinte, sagte ein paar Worte auf Schweizerdeutsch in Richtung von Mutter und anderen nahestehenden Personen, sang ziemlich gut und auch ausführlich „Nightcall“ von London Grammar, dankte dem Verlag (Dumont), dankte hilfreichen Menschen, die es für ein Romandebüt gewiss braucht, zog dann einen Rasierer und rasierte sich die Haare ab.

Der Preis, sagte Kim de l’Horizon, „ist nicht nur für mich“, er sei gewiss auch als Zeichen für die Liebe und gegen den Hass gedacht, für alle Menschen, die ihres Körpers wegen unterdrückt werden. Darum auch für die mutigen Iranerinnen, so Kim de l’Horizon und überraschte an dieser Stelle ein wenig mit dem Hinweis, bisher gedacht zu haben, emanzipierte Frauen gebe es nur im Westen. Aber vielleicht denken das auch viele Menschen. Es waren insgesamt überraschende Momente, eine sympathische, menschliche Mischung aus Performance und Aufregung. Es ist auch ein überraschendes Buch. Die Jurysprecherin Miriam Zeh berichtete, es sei nicht einfach gewesen, sich zuletzt zu einigen.

„Mit einer enormen kreativen Energie“, heißt es in der Jurybegründung, suche „die non-binäre Erzählfigur nach einer eigenen Sprache. Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht?“ Die Form des Romans sei dabei „in steter Bewegung“ und jeder „Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern ließ.“

„Blutbuch“ ist ein Einsaug-Buch, was wörtlich zu verstehen ist, indem man es gegen Ende umdrehen und von der anderen Seite weiterlesen sollte. Ohne spiralförmiges Druckbild kann ein Buch einer Spirale kaum näher kommen. Oder einem Wirbel. Die Person, die hier erzählt, heißt ebenfalls Kim. Zunächst ist Kim ein Kind. „Das Kind muss sich bald entscheiden. Die Leute fragen. NA DU. WAS BIST DENN DU? BUB ODER MEITSCHI?“ Bei Kim funktioniert das nicht so wie bei den meisten anderen Kindern, die sich schon entschieden haben. Kim sucht dann einen eigenen Weg, findet ihn auch, bis die Demenzerkrankung der Großmutter – das Wort „Großmeer“ wird jeder Mensch, der das Buch liest, mit hinaus ins Leben nehmen – Kim auf die Vergangenheit stößt.

„Blutbuch“ entzieht sich dabei gängigen Vorstellungen autobiografischen Schreibens, indem die Suche nach Sprache grundlegender als gewohnt ist. Dass Kim sich auf Neuland fühlt, sucht Ausdruck und Ausdrücke. Es gibt aber auch klassische Erzählpassagen, es gibt krasse Sexszenen, das Berner Dialekt (jedenfalls ein Schweizer Dialekt) belebt das Vokabular und die Sprachfantasie von Kim. Auch schreibt Kim der Großmutter seitenweise auf Englisch, was sonst nicht gesagt werden könnte. Es ist letztlich eine Irritation, selbst dafür keine andere Sprache zur Verfügung zu haben als eben diese hier.

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