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Auf Spurensuche in der Ukraine an Schreckensorten: Herta Müller und Oskar Pastior im Frühsommer 2004.

Affäre Oskar Pastior

„Als wäre er der größte Spitzel“

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Noch einmal: Herta Müller, Oskar Pastior, die Securitate und eine Stuttgarter Ausstellung. Zur Eröffnung spricht die Literatur-Nobelpreisträgerin noch einmal darüber, wie sie zu Pastiors Tätigkeit als IM "Stein Otto" steht.

Eine kleine Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart sollte eigentlich vor allem die Zusammenarbeit zwischen Herta Müller und Oskar Pastior für Müllers Lager-Roman „Atemschaukel“ beleuchten. Man kann die Arbeitsjournale anschauen und Fotos von der gemeinsamen Spurensuche. Man kann sich an Herta Müllers Wort-Collagen erfreuen. „Lieber Oskar, wenn ich DICH einmal VERPASSE, such mich in der BLEIBTREU STRASSE.“

Während der Planungen zur Schau, vorbereitet von Ernest Wichner und Lutz Dittrich, den Kuratoren auch der Münchner Müller-Ausstellung, zeigte sich jedoch, dass Pastior (1927–2006) Anfang der sechziger Jahre vom rumänischen Geheimdienst Securitate angeworben worden war. So werden nun auch Dokumente zum Kapitel „Stein Otto“ gezeigt.

Und so drehte sich auch das Gespräch, das die gerade noch amtierende Literaturnobelpreisträgerin am Donnerstagabend zur Eröffnung mit Wichner führte, zum wiederholten Male um die Securitate-Mitarbeit des Freundes und Kollegen.

"Schlimm sind die Berichte nicht"

Natürlich habe sie zunächst gehofft, dass es keine Berichte von „Stein Otto“ gebe, betonte Müller (wer dabei war, erinnert sich, wie sie im Oktober in Frankfurt von einer „Karteileiche“ sprach). Die drei Berichte, die mittlerweile aufgetaucht sind, seien belanglos. „Vielleicht gibt es noch andere Berichte, die schlimm sind, diese sind es nicht.“

Wichner, auch er rumäniendeutscher Dichter, wies die Vorwürfe scharf zurück, die Dieter Schlesak, auch er rumäniendeutscher Dichter, anlässlich seines Aktenstudiums gegen Pastior erhob. „Stein Ottos“ Hinweis, dass Schlesak sich für deutsche Gegenwartsliteratur interessiere, sei für die Securitate damals (1966) nicht mehr wesentlich gewesen. Bereits im Jahr zuvor sei westliche Lyrik in offizieller Übersetzung erschienen.

Schlesaks in der Tat dramatische Darstellung sei „blanker Unsinn“, so Wichner, während man als Zuhörer erneut schauderte darüber, was also in Rumänien wenige Jahre zuvor noch zur existenziellen Belastung werden konnte.

Auf das dadurch erforderliche Verstecken und Verschweigen bezieht sich indirekt auch der Titel der Ausstellung, „Minze Minze flaumiran Schpektrum“, drei Zeilen aus Pastiors „Krimgotischem Fächer“. Ja, sagte Herta Müller, das Verrätselte der Verse sei immer hervorgehoben worden. Auch Hinweise auf die aktuellen Enthüllungen „prügle“ man jetzt gern hinein.

Das Wort vom „Minze reiben“

Für sie selbst als junge Fabrikarbeiterin hingegen sei der „Krimgotische Fächer“ konkret und realistisch gewesen. „Minze Minze“ spiele auf das rumänische „Minze reiben“ an, das heiße: „So tun als ob“. „So zu tun als ob, das war es doch, was wir die ganze Zeit getan haben, das war der Alltag in der Fabrik und im Land.“

Es sei eine seltsame Situation entstanden, sagte Herta Müller: Über Pastior werde heute gesprochen wie über den größten, gefährlichsten Spitzel aller Zeiten. „Dabei kenne ich so viele Spitzel aus meiner Akte, die keinerlei Gefahr liefen, verhaftet zu werden.“ Diese Leute seien ebenfalls in die Bundesrepublik gekommen, viele seien bis zum Sturz des Ceausescu-Regimes für den Geheimdienst tätig geblieben. Manchmal weiß man nicht, wie man Herta Müller deutlich genug zustimmen soll.

Im Anschluss stellte sie noch die in Rumänien berühmte Sängerin Maria Tanase (1913–1963) vor. Sie verstehe bis heute nicht, wie es Tanase gelinge, durch Trostlosigkeit zu erleichtern. Und bis sie Sanda Weigl gehört habe, habe sie sich nicht gedacht, dass jemand das nachahmen könne. Im Konzert stellte Sanda Weigl dann vor, wie beides geht: das Nachahmen und das Erleichtern durch Trostlosigkeit.

Literaturhaus Stuttgart: bis 31. März. www.literaturhaus-stuttgart.de

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