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Als Goethe ein Hund war

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„Goethe mit Hoepfner, Merck und Schmid an der Wirtstafel in Giessen“, Holzstich nach Kaspar Koegler, um 1880.
„Goethe mit Hoepfner, Merck und Schmid an der Wirtstafel in Giessen“, Holzstich nach Kaspar Koegler, um 1880. © picture alliance / akg-images

Gegen Despoten und für die Autonomie der Kunst: Der Jahrgang von 1772 der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ war einmalig - auch wegen seiner illustren Autoren. Von Malte Osterloh

Noch Jahrhunderte später hat die Literaturkritik Goethe folgendes Gedicht von 1774 übelgenommen: „Da hatt ich einen Kerl zu Gast,/ Er war mir eben nicht zur Last, / Ich hatt so mein gewöhnlich Essen./ Hat sich der Mensch pump satt gefressen/ Zum Nachtisch was ich gespeichert hatt!/ Und kaum ist mir der Kerl so satt,/ Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,/ Über mein Essen zu raisonnieren,/ Die Supp hätt können gewürzter sein,/ Der Braten brauner, firner der Wein./ Der tausend Sackerment!/ Schlagt ihn tot den Hund! Es ist ein Rezensent.“

Doch es gibt eine biografische Pointe, die oft übersehen wird: Zwei Jahre zuvor war Goethe, was seine literarischen Betätigungen anging, fast ausschließlich das gewesen, ein Rezensent. Im März 1772 hatte ihn Johann Heinrich Merck für die Mitarbeit an den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ gewinnen können, die man später als das „Rezensionsorgan des Sturm und Drang“ bezeichnet hat. Merck, ein Freund Goethes, Beamter aus Darmstadt, dessen Interessen aber der Literatur, den Künsten und Naturwissenschaften galten, hatte im Januar die Leitung des Blattes übernommen, das bis Ende 1771 eine eher mäßig beachtete Existenz gefristet hatte als „Frankfurter Gelehrte Zeitungen“. Ein Verlegerwechsel brachte den neuen Namen und den neuen „Chefredakteur“ Merck, der neben Goethe auch Herder, Goethes späteren Schwager Johann Georg Schlosser und andere Männer, unter ihnen Ärzte, Theologen, Juristen und Gymnasiallehrer, um sich scharte (um Frauen bemühte er sich wahrscheinlich nicht).

Die „Anzeigen“ erschienen zwei Mal wöchentlich. Die Verfasser der Kritiken blieben, keineswegs unüblich für die damalige Zeit, anonym, weswegen die Artikel nicht immer zweifelsfrei zuzuordnen sind. Selbst Goethe konnte sich, als er 1823 seine Werkausgabe zusammenstellte, nicht mehr richtig erinnern und nahm Rezensionen auf, die nicht von ihm waren. Erschwert wird eine eindeutige Zuschreibung noch durch die kuriose Entstehung vieler Besprechungen. Diese waren nämlich oft ein Gemeinschaftswerk. „Wer das Buch zuerst gelesen hatte“, schreibt Goethe in Dichtung und Wahrheit, „der referierte, manchmal fand sich ein Korreferent; die Angelegenheit ward besprochen, an verwandte angeknüpft, und hatte sich zuletzt ein gewisses Resultat ergeben, so übernahm Einer die Redaktion.“

Die „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ erhoben nicht den Anspruch, alle wissenschaftlichen Neuerscheinungen zu besprechen – was Zeitschriften des 18. Jahrhunderts durchaus von sich behaupteten –, sondern „nur“, wie es in der ersten Ausgabe des Jahres 1772 in einer „Nachricht an das Publikum“ hieß, „die gemeinnützigen Artikel in der Theologie, Jurisprudenz und Medizin zu beurteilen und anzuzeigen, hingegen das Feld der Philosophie, der Geschichte, der schönen Wissenschaften und Künste in seinem ganzen Umfange zu umfassen“.

Die „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ wurden innerhalb kurzer Zeit vielleicht nicht sehr berühmt, aber zumindest etwas berüchtigt. Das lag nicht nur an der Themenwahl, sondern auch an den klaren Urteilen, die im Rezensionswesens des 18. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit waren. Der Ton war frisch, mitunter frech, manchmal dunkel, und einige Rezensionen wurden eher dazu genutzt, sich über ein Thema als über das Buch zu verbreiten. Von der Erbsünde hielt man wenig, in der Ökonomie plädierte man für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen, politisch verdammte man Despoten, ohne jedoch adelsfeindlich zu sein – ganz im Gegenteil –, und trat ein für Patriotismus, wusste allerdings noch nicht genau, wie der beschaffen sein sollte; in der Kunst pochte man auf deren Autonomie und gerade Goethe forderte, dass sie keinesfalls in „Tugend, Wohltätigkeit, Empfindsamkeit zerfließen“ dürfe.

Wenn der Ton zu stürmisch und drängend wurde, schritt Merck ein. Nicht immer konnte oder wollte er den Besprechungen die Schärfe nehmen, sonst hätte er Goethes Kritik des Trauerspiels „Carl und Leonore“ von Benignus Pfeufer so nicht drucken lassen: „Herr Benignus Pfeufer mag sonst ein braver Mann sein; aber seinen Namen hat er durch dieses leidige Spiel ein vor allemal prostituiert.“ Dass jemand seinen Namen durch ein schlechtes Stück entehrt, denn das heißt „prostituiert“ hier, wird man in heutigen Rezensionen nicht mehr lesen, aber die oft apodiktischen Urteile, ohne Rücksicht auf mögliche Empfindlichkeiten, zeugen nicht nur von der Chuzpe des Rezensenten, sie sind vor allem unterhaltend.

Doch Klarheit und Unterhaltung waren nicht das, wonach der Kirche der Sinn stand, und so mussten von September an, auf einen Beschluss des Magistrats der Stadt Frankfurt hin, alle Besprechungen theologischer Werke zensiert werden. Wenige Wochen zuvor hatte Merck bereits die Leitung an Schlosser abgegeben und Ende des Jahres verließen alle bisherigen Rezensenten das Blatt. Der Jahrgang 1772 blieb damit einmalig.

Mehr „Ergießungen meines jugendlichen Gemüts“ als „eigentliche Rezensionen“ nannte Goethe mehr als 50 Jahre später seine Kritiken, ein „unbedingtes Bestreben, alle Begrenzungen zu durchbrechen“ sei in ihnen zu erkennen, und das ist im Vokabular des alten Goethe wahrlich kein Lob. Und doch lässt er keinen Zweifel an ihrer Bedeutung für das Verständnis dieser Epoche: „Die Rezensionen in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen von 1772 geben einen vollständigen Begriff von dem damaligen Zustand unserer Gesellschaft und Persönlichkeit.“

Dass Goethe allerdings die ersten Jahre nach seiner Kritikertätigkeit für die „Anzeigen“ ein schlechtes Bild vom Rezensenten hatte, mag an seinen eigenen Buchbesprechungen gelegen haben: Es waren ausnahmslos Verrisse.

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