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Der niederländische TV-Star Martine Bijl, 2018.
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Der niederländische TV-Star Martine Bijl, 2018.

Martine Bijl „Königin außer Dienst“

Als die Tür zu meinem Gehirn geöffnet war

  • vonCornelia Geißler
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„Königin außer Dienst“: Der niederländische Fernseh-Star Martine Bijl hat ein starkes Buch über sich als Patientin geschrieben.

Ziemlich früh im Buch, sie kann sich wieder orientieren und klare Sätze bilden, fragt Martine Bijl den Chirurgen, der sie operiert hat, weshalb man eine Hirnblutung bekomme. „Ohne zu zögern antwortete er: ,Zufall.‘“ Die Leserin kennt das Zitat bereits, in dem eine klirrende Kälte steckt, der Verlag hat es hinten auf den Umschlag von „Königin außer Dienst“ gedruckt.

Ein Zufall nur ist schuld, dass die Erzählerin nicht mehr arbeiten kann, über Monate ihren geliebten Garten nicht mehr sieht, ihrem Mann gegenüber quengelnd auftritt. Einem Zufall hat sie zu verdanken, dass sich in ihr etwas breitmacht, das ihre Beine verwirrt, über ihre Reaktionen bestimmt, diese Gefühle abklemmt und jene verstärkt. „Als ich eine kahle Stelle am Kopf hatte und die Tür zu meinem Gehirn geöffnet war, ist es hineingekrochen.“

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff sein Buch „Hamster im hinteren Stromgebiet“, in dem er mit viel Selbstironie, aber auch satirischem Spaß an seiner Umgebung von einer Schlaganfall-Rekonvaleszenz schreibt. Martine Bijl ist in den Niederlanden ebenfalls eine bekannte Schauspielerin, jahrelang mit einer Comedy-Sendung im Fernsehen, später einer Kochshow, als in ihrem Hirn ein Aneurysma platzt. Ursache für einen Schlaganfall ist entweder ein Gefäßverschluss (wie bei Meyerhoff) oder eine Blutung im Gehirn (wie bei Bijl). Doch jede Krankheit verläuft anders, es hängt nicht nur von der Geschwindigkeit der Entdeckung ab („Zeit ist Hirn“, wusste Meyerhoff, als es ihm passierte), sondern vor allem davon, wo die betroffenen Areale im Hirn liegen und wie groß sie sind.

Das Buch:

Martine Bijl: Königin außer Dienst. A. d. Niederländ. v. Lisa Mensing. Zsolnay, Wien 2021. 134 S., 19 Euro.

Martine Bijls Buch ist nicht lustig, obwohl man über den sarkastischen Humor der Autorin zuweilen dennoch lachen muss. Sie fällt 2015 sehr weit aus ihren normalen Verhältnissen, die Frau, die sie einmal war „hatte ihre Siebensachen gepackt und war abgereist“. Sie weiß das und kann es nicht ändern. Oder nur in kleinen Schritten. „Irritation und Mitleid“ entdeckt sie in den Augen um sich her.

Die Betreuerin einer Mitpatientin sagt, dass es Mut mache, sie zu sehen. Nicht etwa, weil sie eine besondere Ausstrahlung hätte oder tolle Erfolge bei der Rekonvaleszenz. „Die Leute denken“, zitiert Bijl diese Frau, „wenn sie eine Hirnblutung bekommen kann, dann kann es wirklich jeden treffen.“ Also fungiert sie bloß als Beleg für den Zufall.

„Königin außer Dienst“ beweist die riesigen Schritte, die Martine Bijl in Wirklichkeit gegangen ist. Dieses Buch zeigt sie als Schriftstellerin, die in wechselndem Ton und mit ungewöhnlichen Worten die Menschen um sich schildert. Das zentrale Objekt ihrer Betrachtung mit seinen Fortschritten und Rückschlägen ist das veränderte Ich. In den Niederlanden mag es ein Verkaufsargument für das Buch gewesen sein, dass es von einer prominenten Person stammt. Wirklich bedeutend daran aber ist seine literarische Qualität. Der Vergleich zu Meyerhoffs melancholisch-komischer Krankheitsgeschichte passt nicht so gut. Erinnert sei aber an Kathrin Schmidts ausgezeichnetes Buch „Du stirbst nicht“, ihren Roman vom Triumph des Denkens und der Sprache über den verwundeten Körper.

Im Original ist „Königin außer Dienst“ 2018 erschienen, ein Jahr vor Martine Bijls Tod im Mai 2019. Sie wurde 71 Jahre alt.

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