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Theodor Fontane auf einer Aufnahme um 1874.
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Theodor Fontane auf einer Aufnahme um 1874.

Theodor Fontane

Als der Dichter hingerichtet werden sollte

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Als Kriegsreporter im Deutsch-Französischen Krieg geriet Theodor Fontane 1870 in den Verdacht, ein Spion zu sein. Ein Buch deckt auf, wie es wirklich war.

Im Dezember 1870 kam der Schriftsteller Theodor Fontane nach einer Abwesenheit, die länger geraten war, als ihm lieb sein konnte, nach Berlin zurück, warf seine Reisetasche in die Ecke, sich selbst aufs Sofa, kreuzte die Hände über der Brust, „atmete hoch auf und sagte das eine Wort: Frei.“ So steht es in dem Buch „Kriegsgefangen“, das Fontane einige Zeit später als journalistisch-literarischen Bericht über seine Erlebnisse im Deutsch-Französischen Krieg veröffentlichte.

Am 19. Juli 1870 hatte Kaiser Napoleon III. mittels einer kurzen Depesche Preußen den Krieg erklärt, der erst im Mai 1871 endete. Fontane beobachtete die Kampfanbahnungen mit angespannter Neugier sowie aus sicherer Distanz aus seinem Urlaubsort in Warnemünde an der Ostsee. Dass er sein Gepäck bald auf das Nötigste würde beschränken müssen, war für den zu dieser Zeit vor allem als Theaterkritiker und Reiseschriftsteller reüssierenden Fontane eher etwas Gewohntes als Bedrohliches.

Rudolf von Decker, der Verleger der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, hatte angefragt, ob Fontane umgehend als Kriegsreporter nach Frankreich aufbrechen möge. Der 50-Jährige hatte Erfahrung in diesem Sujet. Für von Deckers Verlag hatte er bereits über den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 berichtet.

In den Auftrag über eine dritte Reportage willigte Theodor Fontane spontan ein, schien sie ihm doch die Gelegenheit zu bieten, zwei der bedeutendsten Stätten der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc in Domrémy und Vaucouleurs zu besuchen. Der Krieg war für Fontane nur eine Gelegenheit, seine kulturhistorischen Begierden zu befriedigen. Es kam natürlich anders.

Das Buch:

Gabriele Radecke/Robert Rauh: Fontanes Kriegsgefangenschaft. Be.bra Verlag, Berlin 2020. 190 Seiten, 22 Euro.

In ihrem Buch „Fontanes Kriegsgefangenschaft. Wie der Dichter in Frankreich dem Tod entging“ rekonstruieren Gabriele Radecke und Robert Rauh die Umstände dieser abenteuerlichen Reise, auf der Fontane bald in diplomatische Verwicklungen und sogar an den Rand seiner Hinrichtung geriet. Er sei dem „Totschießen“ nah gewesen, rekapituliert Fontane erschrocken in nüchtern-naiver Knappheit.

Radecke und Rauh haben für ihre detektivische Recherche bislang unbekannte Dokumente und Notizen ausgewertet und sie mit dem Bericht „Kriegsgefangen“ abgeglichen, in dem sich Fontane einmal mehr als Fabulierer präsentiert, der es mit Authentizität und Fakten nicht so genau nimmt, wenn sich erzählerisch anderes dabei herausschlagen lässt. Es ist ein ergiebiges Spiel, in dem Radecke und Rauh jedes Detail einer Spurensuche umdrehen und sich vor allem auf die diplomatischen Aktivitäten konzentrieren, die schließlich zu Fontanes Freilassung führten.

Über seinen Freund, den Psychologen Moritz Lazarus, war es gelungen, wichtige französische Regierungsbeamte dazu zu bewegen, sich für den in Verdacht geratenen Kulturfreund zu verwenden. Am Ende war selbst Bismarck in die Affäre verwickelt, auch wenn Fontane zeitlebens darüber grübelte, auf wessen Geheiß er am Ende tatsächlich freigekommen war.

Und so ist das dicht auf das Fontane’sche Schreiben und Denken ausgerichtete Buch auch ein aufschlussreiches Werk über die langsamen, sich oft kreuzenden und verfehlenden Motive der Diplomatie sowie die Abwesenheit vom Kriegsgeschehen im Krieg. Die Haftbedingungen des prominenten Schriftstellers sind dabei geprägt von französischer Vornehmheit und burlesker Komik, zu der Theodor Fontane sich als genauer Beobachter in eigener Sache verhält. Als er nach Berlin zurückkehrt, sind große Passagen seines Werks bereits geschrieben.

Gabriele Radecke und Robert Rauh aber haben nicht nur wertvolle Hinweise zur Poetologie Fontanes geliefert, sondern auch Einblicke in das Kriegsgeschehen vor dessen radikaler Beschleunigung gewährt.

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