Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Schriftstellerin Ally Klein. Foto: Sasha Kumaz
+
Schriftstellerin Ally Klein.

Roman Ally Klein

Ally Klein „Der Wal“: Im leeren Bauch des Wals

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Ally Klein erzählt von einer Existenzlöscherin, einem Ghostwriter und einem Künstler, der verschwindet.

Ein fesselndes, dabei schroffes und alle Geheimnisse für sich behaltendes Buch: „Der Wal“ heißt der zweite Roman der 1984 geborenen Autorin Ally Klein, die in Berlin lebt und mit „Carter“ vor zwei Jahren bereits Aufmerksamkeit erregte. Auch in „Der Wal“ geht es um die intensive Anziehung zwischen Fremden, um Einsamkeit, um ein diffuses Sich-selbst-Verlieren. Auch „Der Wal“ lässt das Publikum mindestens so alleine wie die Figuren.

In drei Kapiteln zeigt sich ungefähr diese Konstellation: Ein junger Mann hat in einer ländlichen Gegend eine Immobilie gekauft, die hier „der Wal“ genannt wird und die er in harter, in zehrender Arbeit ausschlachtet, um „den Wal in seinen Ursprungszustand“ zurückzuversetzen, wie er sagt (er sagt nicht viel, er erklärt nichts). Er lernt durch Zufall – vermutlich durch Zufall – eine junge Frau kennen, die schon in der Gegend aufgewachsen ist, auch sie eine Außenseiterin und neugierig auf ihn und den „Wal“.

Im zweiten Kapitel taucht – als Ich-Erzähler – der Zwillingsbruder des jungen Mannes auf, auch er lernt die Frau kennen, und den „Wal“. Das dritte Kapitel ist das lose Tagebuch dieses Zwillingsbruders, eine Art Protokoll seines Aufenthalts.

Interessiert begreift man jetzt: Das erste Kapitel ist ein Text des Zwillingsbruders, der als Schriftsteller versucht hat, sich Saul bei seiner Arbeit im „Wal“ und seiner Beziehung zu Q vorzustellen. Darum heißt Q erst im zweiten Kapitel Keough, Aezra konnte aus Sauls Aussprache nicht auf das Schriftbild schließen. Seltsame Namen, wohin man schaut, keine Grundlage für ein normales Leben, das auch keiner der drei zu führen scheint. Seltsame Spiegelungen auch, wohin man schaut, schon allein durch das Zwillingspaar, selbst wenn es nie zusammen auftritt. Auch die Geschichte, dass ein Mann auf der Beerdigung seines Zwillingsbruders eine Trauergesellschaft, die nichts von ihm wüsste, fürchterlich erschrecken müsste, spiegelt sich dann in die Wirklichkeit. Aber ist es nun Qs oder Aezras Geschichte?

„Der Wal“ ist als Beziehungsdreieck intensiv und zugleich banal. Drei schweigsame Menschen, über die letztlich wenig zu erfahren ist. Über Keough praktisch gar nichts. Saul war Bildhauer, bevor er sich dem „Wal“ zuwandte und so zum „Bauarbeiter“ wurde, wie Keough es nennt. Ihr Gespräch mit Aezra über die Frage, was ein Künstler ist und ob man einfach aufhören kann, einer zu sein, zeigt beide ohne besonders originellen Gedanken. Keough: „Wenn er kein Künstler sein wollte, musst du ihm den Wunsch schon lassen.“ Aezra: „Aber ... bloße Autorschaft zeichnet doch keinen Künstler aus. Es gibt doch alles Mögliche. Verweigerungskunst, wo man aufhört und das auch Teil der Arbeit ist ... .“

Das Buch

Ally Klein: Der Wal. Roman. Droschl, Graz/Wien 2021. 174 Seiten, 20 Euro.

Anregender ist die Frage, inwieweit Saul mehr Einfluss auf die Handlung nimmt, als er sich anmerken lässt. Mehr als einmal entsteht der Eindruck einer „Inszenierung“, die dann meistens wieder „Zufall“ genannt wird.

Aezra arbeitet, wenn er nicht seinem literarischen Projekt nachgeht, als „Ghostwriter“ für wissenschaftliche Texte. Aufs Land hat er den Text „Feeling of Presence“ mitgenommen – auch wieder so ein Zufall, denn das Gefühl, dass da noch etwas ist, überkommt Aezra in seiner Unterkunft und im „Wal“ immer wieder. Der „Wal“ erscheint ihm selbst wie ein lebender Organismus.

Die Leerung des zuvor offenbar völlig verbauten Gebäudes als Sauls Projekt führt das stärkste Motiv ein: Aushöhlungen treten hier auch in Gesichtern, ganzen Menschen, Lebensentwürfen auf. Keough dürfte die einzige der drei Figuren sein, die ihre Integrität einigermaßen wahren, sich selbst zusammenhalten kann, allerdings scheint ihr Einfluss unheilvoll: Sie stellt sich Saul als „Existenzauslöscherin“ vor, die einen allzu anpassungswilligen Jungen „ausgesaugt“ hat. „Da war nichts von ihm übrig, nur eine Hülle ... .“

Schuld wird aber nicht zum Thema. Ally Klein begnügt sich damit, Psychologisches nur anzudeuten. Die vage Atmosphäre ist es, auf das sie baut, in einer Sprache, die sich übrigens keine große Mühe gibt, den drei Kapiteln einen neuen, anderen Ton zu geben. Während die Figuren ihre Verschwiegenheit wahren, selbst wenn sie sprechen, werden die beiläufigsten Dinge umständlich ausgebreitet. Q lacht, nein: „Die Mundwinkel fuhren wieder auseinander, fuhren wie bei ihm auseinander, die Zähne kamen zum Vorschein. Bald öffnete sich der Mund komplett, sie kippte ihren Kopf nach hinten, und ein schallendes Gelächter bahnte sich seinen Weg durch ihre Kehle.“ Das kann zu Ungeschicklichkeiten führen, die das Lesen so hubbelig machen wie es Sauls muskulöser, hager gewordener Körper ist.

Es führt aber auch zu faszinierend ins Dramatische erhobenen Schilderungen, mit denen Klein mit der einzigartigen Macht der Autorin den Fortgang der Dinge ausbremst. Saul nähert sich, nein: „Die Steinchen rollten wie winzige Schädel unter der Sohle davon. Etwas Unsichtbares kam näher, bewegte sich durch die Dunkelheit, mit jedem Schritt mahlte es unter seiner Schwere den feinen Schotter. Zuerst hörte Q es nur, aber schon bald sah sie die Steinchen hinunterkullern... .“ Das sind auch Filmszenen. Ein ungewöhnlicher, irritierender Film.

Viele Sätze sind Klippen im Lesefluss. Der Sog, den man am Anfang des Buches – einer besonders langen Beschreibung – nicht erwartet, wird dadurch größer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare