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Alltag mit Stolpersteinen

Zwischen religiösen Traditionen und Amerikanisierung: Tom Segev über Israels Post-Zionismus

Von Thomas Kreuder

Es sieht so aus, als hätte der Zionismus alle Ziele erreicht: Israel ist das Land mit der größten jüdischen Gemeinschaft weltweit, ein Land, in dem Juden die Bevölkerungsmehrheit stellen und in dem Hebräisch gesprochen wird. Ein Land, dessen Existenz von der Völkergemeinschaft nicht mehr in Frage gestellt wird, das seit Jahren UN-Mitglied ist und in dem sich eine eigene Tradition herausgebildet hat. Israel ist ein Land, in dem Familien über mehrere Generationen miteinander leben, in denen Kinder dieselben Schulen besuchen oder in denselben Militäreinheiten dienen wie ihre Groß- oder sogar Urgroßeltern. Ein Land, in dem Historiker die eigene Geschichte kritisch aufarbeiten und Gründungsmythen entzaubern. Ein Land also, das selbst Normalität geworden ist und in dem das Leben normal verläuft?

Die Suche nach Anzeichen des Post-Zionismus, denen Tom Segev, berühmter Kolumnist der Zeitung Ha'aretz, in den sechs essayhaften Abschnitten seines jüngsten Buches nachspürt, gibt bei kritischer Betrachtung die Antwort: Leider nein! Zwar sind ultraorthodoxe Juden eine kleine Minderheit im Land, und im Leben der meisten Israelis spielt Religion keine große Rolle. Zudem schreitet die von Segev begrüßte "Amerikanisierung" der Gesellschaft auf breiter Front weiter voran. Man verzehrt nicht-koschere Hamburger und hört dazu dieselbe Musik oder sieht dazu dieselben Fernsehserien wie in den Vereinigten Staaten; man hat Internetzugang und ein Auto, und das Reihenhaus, in das man nach getaner Büroarbeit am Abend zurück fährt, steht nicht in einem Kibbuz oder Moshav, sondern in einer der zahllosen Vorstädte, die amerikanischen Suburbs in keiner Weise nachstehen.

An die USA mögen auch die strukturell konservative Politik, die Bereitschaft zu unilateraler Interessendurchsetzung und die enorme Bedeutung des Fernsehens erinnern, auf die Segev besonders eingeht. Vor allem aber hat die mit der "Amerikanisierung" verbundene Individualisierung die Wahrnehmungen nachhaltig verändert. Wie der Autor schildert, gab es schon während des ersten Golfkrieges keinen Zweifel daran, dass die irakischen Scud-Raketen Israel nicht ernsthaft gefährden. Doch der Beschuss war eine individuelle Bedrohung, die jeden treffen konnte.

Der anschließende Oslo-Friedensprozess machte Hoffnung, dass mit den Palästinensern eine tragfähige Lösung gefunden und der Normalisierungsprozess fortgesetzt werden könne. Zu dieser Zeit, 1993, vereinigte die Linke fast fünfzig Prozent der Wählerstimmen auf sich. Bei der letzten Wahl 2003 erreichten die Arbeiterpartei und die mit ihr verbündete Meretz zusammen gerade noch zwanzig Prozent. Ausdruck der Individualisierung ist nunmehr ein großes Sicherheitsbedürfnis. Für eine wachsende Zahl von Israelis lässt sich die Gefahr der Terroranschläge nur noch bannen, indem man sich der Araber im Lande entledigt. Solche Überlegungen waren zwar auch dem Zionismus nicht fremd. Doch während Staatsgründer Ben Gurion Frieden in einem kleinen, säkularen Israel innerhalb der Waffenstillstandslinien - ohne Jerusalem - anstrebte, hat der Sechstagekrieg Erez Yisroel Realität werden lassen.

Der Zugang zur Altstadt von Jerusalem und der Klagemauer sowie zu den Gräbern der Patriarchen in Hebron verschob das politische Koordinatensystem Israels nachhaltig. Eine immer mehr Raum greifende Siedlungspolitik sollte den Besitz als historische Kernlande angesehener Gebiete dauerhaft sichern. Von Seiten der Regierung gefördert, gewann parallel dazu der Holocaust als identitätsstiftendes Moment an Bedeutung. Anfangs von der offiziellen Politik in den Hintergrund gedrängt griff die Regierung zum Ende der sechziger Jahre dieses Thema auf, um damit dem schwer wiegenden Vorwurf der religiösen Orthodoxie, der Zionismus habe die Judenvernichtung in Europa als ihren Zielen eher förderlich angesehen und deswegen nicht genug zur Rettung unternommen, die Spitze zu nehmen.

Schon im Zusammenhang mit der Staatsgründung war Ben Gurion den Orthodoxen vor dem Hintergrund dieses Konflikts entgegen gekommen, indem er durch das Personenstandswesen die Definition über die Zugehörigkeit zur israelischen Nation auf eine religiöse Basis stellte. Im Laufe dieses seit Beginn der siebziger Jahre einsetzenden Prozesses haben religiös motivierte Deutungsmuster die nationalstaatliche Ideologie des Zionismus überformt und immer größeren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung gewonnen.

Weil es für den Erwerb der Staatsangehörigkeit genügt, Jude zu sein, treten die von der Gründergeneration konzipierten Homogenierungsanstrengungen zur Herausbildung einer israelischen Nation zunehmend in den Hintergrund. Hebräisch ist zwar noch die dominante, aber bei weitem nicht mehr ausschließliche Sprache unter jüdischen Israelis. Mehr und mehr Ethnien, vor allem die zu Hunderttausenden eingewanderten Russen, bemühen sich schon nicht mehr um Assimilation.

In einer Gesellschaft, die gemessen an ihrem Ausgangsideal disparater wird, in der die allgemeine Verunsicherung wächst, werden, wie Segev überzeugend darlegt, Politiker eben deshalb gewählt, weil sie "jüdischer" sind als andere. Schon Menachem Begin, dessen Likud 1967 noch bei zwanzig Prozent Stimmanteil herumkrebste, profitierte bereits davon, als er 1977, unterstützt von den überwiegend aus arabischen Ländern stammenden sephardischen Juden, Ministerpräsident wurde. Segev zitiert Shimon Perez, der 1996, befragt, warum der rechte Politiker Benjamin Netanyahu die Wahl gewonnen habe, meinte, "wir, die Israelis" hätten verloren gegen jene, die "keine israelische Mentalität haben".

Gleichzeitig zu diesen Prozessen, die der israelischen Gesellschaft eher Züge von Vormodernität, weil religiös bestimmt, verleihen, stoßen Publizisten Debatten über Änderungen im Staatsangehörigkeitsrecht an oder plädieren für Mischehen. Historiker und Archäologen graben in Archiven und Wüstensand und befördern Erkenntnisse zu Tage, die lang gehegten Mythen die Grundlage entziehen: Weder wurden Israel alle Kriege von den Arabern aufgezwungen, noch gilt die Jahrtausende alte Besiedelung Palästinas durch Juden als gesichert.

Anzeichen für Normalität und die Hoffnung auf positive Entwicklungen gibt es also durchaus. Doch die von Segev kritisch vermerkte Okkupation des Zionismus durch die politische Rechte stimmt eher skeptisch. Diese Art von Post-Zionismus hat zur Zeit jedenfalls deutlich mehr Anhänger. Welche Richtung sich auch durchsetzt, Tom Segevs Bestimmungsversuche zum Post-Zionismus belegen unzweifelhaft, dass der zionistische Traum zu Ende ist; der Weg zur Normalität hingegen ist trotz "Amerikanisierung" noch weit.

Tom Segev: Elvis in Jerusalem. Die moderne israelische Gesellschaft. Siedler Verlag, Berlin 2003, 168 Seiten, 18 €.

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