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Vom Alltag des Geistes

Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Hans Jonas liegen seine aus Gesprächen rekonstruierten "Erinnerungen" vor

Von Micha Brumlik

In Saul Bellows Roman Ravelstein, der vom Sterben des politischen Philosophen Allen Bloom handelt, lässt der Autor seinen schwatzsüchtigen Helden bemerken, dass bei ihm Klatsch eine Form der Sozialgeschichte sei. Viel war es nicht, was in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt mit der entstehenden ökologischen Bewegung verband. Eines immerhin war ihnen gemeinsam: ein aus den Tiefen der deutschen Romantik, der Zivilisationskritik und einer aufs Pflichtgemäße verkürzten Kantischen Philosophie stammendes Gefühl dafür, Verantwortung übernehmen zu müssen. Es war der alte Hans Jonas, eines jener jüdischen "Kinder Heideggers" (Richard Wolin), der dieser Stimmung die Worte lieh.

Zu den jenen Schülern Heideggers zählten neben Jonas Werner Marx, Karl Löwith, Günther Anders, Herbert Marcuse, Leo Strauss, Elisabeth Blochmann und last, but not least Hannah Arendt. Dem deutsch-jüdischen Bildungsbürgertum entstammend, dem traditionell religiösen Judentum entfremdet und auf der Suche nach einem Selbstverständnis, das ihnen erfahrener Ablehnung zum Trotz einen Ort erst in der deutschen, dann in einer Menschheitsgesellschaft ermöglichen sollte, artikulierten sie die Widersprüche der Moderne, ohne sie doch lösen zu können. Gewiss lässt sich ihr Denken nicht auf die Bedingungen ihrer Herkunft reduzieren - doch ohne Blick auf diese Herkunft dürften ihre Argumente eigentümlich stumpf bleiben und das nicht zum Vorschein kommen, was sie doch alle erlitten: das Schicksal der Entwurzelung als der Conditio humana jener Moderne.

Jonas Erinnerungen liegen als von dem Judaisten Christian Wiese sorgfältig kommentierte Verschriftung autobiographischer Gespräche vor, die Rachel Salamander in den neunziger Jahren mit Jonas geführt hatte. Salamander, Kind jüdischer DPs aus Polen, die als Kind nur Jiddisch sprach und mit ihren Buchhandlungen, Salons und Zeitschriften zu einer Erneuerin jüdischen Geistes wurde, ist damit ein Brückenschlag über den Abgrund, weit zurück ins neunzehnte Jahrhundert, in die auf immer versunkene, weil von den Nationalsozialisten zerstörte Welt des klassischen deutschen Judentums gelungen.

Jonas Erinnerungen präsentieren ein Stück deutsch-jüdischer Alltagsgeschichte und ein Kapitel gelebter Philosophie, sie enthalten indezenten Klatsch so gut wie bewegende menschliche Szenen und wirken bisweilen überaus komisch. Der Knabe, der die Propheten ebenso studierte wie Nietzsche, von Kant ebenso beeindruckt war wie von Martin Buber, wurde gegen sein Elternhaus zum Zionisten. Als 1920 bekannt wurde, dass sich ein Dr. Sally Löb aus Vallendar in Mönchengladbach niederlassen wollte, eilte diesem schon ein Ruf voraus: "Es kommt ein jüdischer Nervenarzt. Und der ist ein Zionist." Jonas stellte sich diesem Mann - "der Möbelwagen stand noch vor seiner Tür" sofort zur Verfügung. Die Ortsgruppe Mönchengladbach der Zionistischen Vereinigung für Deutschland bestand aus zwei erwachsenen Ehepaaren, der Tochter eines Hauptlehrers, die einen Mann "aus der Unterschicht geheiratet hatte" sowie einigen Jugendlichen, die Geld mit der blauen Büchse des jüdischen Nationalfonds sammelten.

Obwohl sich der junge Jonas bald zu einem militanten, auch militärisch interessierten Zionisten entwickelte, ging es zunächst zum Studium nach Freiburg und Berlin, wo er bei Husserl und Heidegger hörte. In Berlin studierte er an der "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" und hielt sich, vom Antisemitismus ebenso bedrängt wie von nationaljüdischen Überzeugungen getragen, ausschließlich unter Juden auf: etwa im Verein Makkabäa, der sich im Unterschied zu den "Muskeljuden" eines jüdischen Rudervereins für eine Vereinigung von "Intelligenzjuden" hielt. Die wenigen, die sich dem Denken verschrieben hatten, fanden sich bald. So auch Hans Jonas und Leo Strauss.

War das intellektuelle Vorkriegsjudentum eines unter mehreren Saatbeeten des us.amerikanischen Neokonservativismus? Etwa im Sinne jener giftigen Bemerkung Adornos über Herbert Marcuse, der Marcuse noch 1935 für einen "durchs Judentums verhinderten Faszisten" hielt? Dass der bereits 1932 emigrierte Leo Strauss der geistige Gewährsmann von Bushs Kriegsintellektuellen und des populistischen Antiliberalismus der republikanischen Mehrheitsführer darstellt, steht inzwischen fest. Strauss bildete in Chicago eine Schule, die kaum zufällig solche jüdischen Intellektuellen anzog, die weder zionistisch noch religiös, aber atheistisch und ethnisch fühlten und sich seit dem Vietnamkrieg von einer hedonistischen Linken bedroht wähnten.

Jahre zuvor jedenfalls beichtete Strauss dem Freund in der britischen Emigration sein Leid: Bei einem Spaziergang 1934 offenbarte er, dass er sich schrecklich fühle. Warum? "Es war Jom Kippur, der Versöhnungstag, und wir waren beide nicht in der Synagoge, sondern gingen im Hyde Park spazieren." Strauss litt unter diesem Glaubensverlust mit Folgen, die sich bis heute nachzeichnen lassen. Jedenfalls war er ein Leben lang bemüht, an die Stelle des verratenen Gottes eine andere Größe zu setzen, die Sicherheit bieten sollte. "Ich habe so etwas", protokolliert Jonas Strauss'' verzweifelte Worte "wie einen Mord begangen oder einen Treueid gebrochen oder mich an etwas versündigt."

Anders Jonas: Er hatte seine jede Weltablehnung kritisierende Dissertation zur Gnosis 1929 in Marburg abgeschlossen, wo er seit 1924 bei Heidegger hörte und mit Hannah Arendt, die bald dessen Geliebte werden sollte, Rudolf Bultmanns neutestamentliches Seminar belegte. Dem Autobiographen geht der Mund über, wenn er wissen lässt, dass es niemals eine "physische Liebesbeziehung" zwischen Arendt und ihm gegeben habe und wenn er als "Confidant" Arendts haarklein schildert, wie Heidegger in seiner Sprechstunde vor ihr auf die Knie gesunken sei. Der Rückblick auf die Marburger Zeit kann Jonas Gewissheiten nicht erschüttern: Heidegger war ihm zufolge kein persönlicher Antisemit, allenfalls seien ihm die vielen jüdischen Schüler "unheimlich gewesen" und: Mit Ausnahme Günther Sterns seien ohnehin alle Heideggerschüler "apolitisch" gewesen, wobei Arendt keine Ausnahme bildete: "Man kann sich gar nicht vorstellen", resümiert Jonas jene Jahre, "wie fern der Welt man sich in Marburg bewegen konnte, ohne dem Zeitgeschehen überhaupt Beachtung zu schenken."

Jonas politisches Erwachen kam spätestens in der palästinensischen Emigration, als Großbritannien in Reaktion auf den Überfall auf Polen dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Er verfasste darauf einen erstmals in diesen Erinnerungen abgedruckten Aufruf "Unsere Teilnahme an diesem Krieg", in dem er hellsichtig diagnostizierte, dass es um die Vernichtung der Juden gehen werde, in denen der Nationalsozialismus die Menschengattung schlechthin negiere. Der Kriegsausbruch beendete das trügerische Idyll eines intellektuellen Lebens deutsch-jüdischer Emigranten in Jerusalem, ihrer Amouren und ihres Diskussionszirkels, an dem unter anderem Gerschom Scholem beteiligt war, dem Jonas das eine oder andere humoristische Gedicht widmete und an dessen Rande er seine Frau Lore kennenlernte, der er nach der Hochzeit von der Front - Jonas trat in die britische Armee ein, aber Philosoph bleibt Philosoph - in diesem Band abgedruckte "Lehrbriefe" zum Verhältnis von Leben und Geist zusandte.

Hans Jonas erzählt ein gelungenes Leben und fand auch noch auf das Grauen der Vernichtungslager und die Ermordung seiner Mutter eine philosophisch überzeugende Antwort. Seine spät entwickelte Lehre von der selbst gewollten Ohnmacht Gottes überzeugt im Begriff, lässt das religiöse Bedürfnis indes unbefriedigt. Die Stationen des weiteren Lebensweges nach dem Kriege: Reisen im Nachkriegsdeutschland, seine wechselhafte Freundschaft mit Arendt, akademische Tätigkeiten in Kanada und den USA sowie die zwar späte, aber triumphale Anerkennung in Deutschland zeugen von einem Mann, der das Glück hatte, der Lebensbejahung treu bleiben zu dürfen.

Ebenso treu blieb er freilich dem autoritären Habitus des Kaiserreichs: Ein Demokrat wurde aus Jonas ebenso wenig wie aus den anderen SchülerInnen Heideggers. Am Ende des Kapitels über das Prinzip Verantwortung beklagt Jonas, dass kein Geringerer als Karl Popper ihn beschuldigt habe, faschistische oder autoritäre Positionen zu vertreten: habe er doch lediglich offen ausgesprochen, dass "Demokratie und Individualismus nicht unter allen Umständen die den Herausforderungen der Gegenwart angemessenste Herrschafts- und Lebensform" seien. Wie relativ das alles ist, wird an einer weiteren Anekdote über den von Jonas als "Mussolinianhänger" bezeichneten Strauss deutlich: Der an esoterisches Schreiben glaubende Philosoph hielt Jonas' kritische Auseinandersetzung mit der Gnosis in Wahrheit für das verkappte Propagieren einer revolutionären Idee. Der Geist - so ließe sich kurz vor Pfingsten bemerken - weht eben, wie er will. Dass er gleichwohl einen Sitz im Leben hat, wird an den Erinnerungen Jonas' deutlich wie kaum je zuvor an der Biographie eines Philosophen.

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