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Philip stellt fest, wie gut es wäre, immer eine Ration für den Bedarfsfall zur Hand zu haben.

Literatur

Bis alles verschwindet

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Der Schweizer Lukas Bärfuss erzählt in seinem neuen Roman "Hagard" virtuos von einem totalen Ruin in zwei Tagen – und von der Welt, in der wir leben.

Wäre der neue Roman des Schweizers Lukas Bärfuss allein die Geschichte eines Mannes, der – offenbar in Zürich – von einer Sekunde auf die andere einer Fremden nachgeht und dadurch in knapp zwei Tagen vollständig aus seinem Leben fliegt (für immer!), müsste man nicht zu lange darüber nachdenken. Obwohl auch dieser Teil intensiv ist.

Die Desintegration verläuft geradezu rasend, während der Mann seine Zeit überwiegend mit Warten verbringt. Dass man atemlos warten kann, ist ebenfalls nichts Neues, aber ebenfalls selten so konsequent zu Ende überlegt. Zu den naheliegenden Missgeschicken gehört die allmähliche Entladung des Akkus, auf Seite 99 steht das „kluge Telefon“ bei sieben, auf Seite 117 bei vier Prozent. Es dauert eigentlich erstaunlich lang, bis auf Seite 134 dann „die Welt verschwindet“.

Freunde des Smartphones kennen das Problem, aber dieser Mann hat noch mehr Sorgen. Seinen Wagen musste er stehenlassen, um jener Frau zu folgen, schon sind Papiere und Portemonnaie weg. Die Welt der Pendler, Arbeitnehmer, unsere Welt wird zum Dschungel. In einer sagenhaften Szene, dem Kabinettstück einer Belagerung und Flucht, entgeht der Mann zwar den Kontrolleuren einer Vorortbahn, verliert dabei aber wie weiland Aschenputtel einen Schuh. „Darauf war Philip nicht vorbereitet. Er hat den nächsten Schritt, nachdem man einen Schuh verloren hat, nie gelernt. Seine Zivilisation hat diesen Fall nicht vorgesehen.“

Die enttäuschende Pantoffel

Da dies am 12. März 2014 geschieht, dem zweiten Tag dieser stummen, sinnlosen und existenzvernichtenden Verfolgung, ist es kalt und nass. Da es schwierig ist, sich ohne Geld einen Schuh zu beschaffen, klaut der Mann, der einigen Überlebenswillen an den Tag legt, einen flauschigen Pantoffel in lustiger Tierform. „Das Krokodil gefällt ihm am besten“, aber Grün ist ihm zu auffällig, so entscheidet er sich für ein etwas blau geratenes Grauhörnchen. Jedoch: „Als Grauhörnchen ist Silly eine Enttäuschung“, denn bei der wilden Flucht vor der Verkäuferin droht sie ihm schon vom Fuß zu fallen.

Wie bei vielen existenziellen Ereignissen krallt sich das Komische also an die Geschichte wie die arme Silly an Philips Fuß. Man wohnt gleichwohl dem Ruin eines bisher recht erfolgreichen, ordentlich gebildeten, gut sortierten Liegenschaftsvermittlers mit Sekretärin und Tagesmutter für das kleine Kind bei. Aber dieser schmale, eher wie eine Langerzählung wirkende Roman bietet mehr. Vor allem gibt es einen vorerst mysteriösen Ich-Erzähler, der von Philip weiß, der sich furchtbare Gedanken um ihn macht. „Meine Existenz“, so der Erzähler, „hängt an dieser Geschichte … Tatsächlich wäre ich gerettet, wenn ich eingestehen könnte, dass ich an Philips Geschichte gescheitert bin. Sie ist zu groß für mich – obwohl sie ganz einfach erscheint.“

In der Tat. Erstens kommt der Ich-Erzähler zumindest zwischenzeitlich zu dem Schluss, dass Philips Geschichte uralt ist. „Seltsam war allerdings, wie einfach es gewesen wäre, sein Verhalten zu entschlüsseln. Meine Bibliothek, meine Kultur und auch mein Kopf waren bevölkert von Menschen wie Philip, Menschen, die ihr Leben hingegeben hatten – wofür? Für die Liebe.“ Liebe also. Zweitens räumt der Ich-Erzähler ein, dass er Autor ist. „Man war stolz auf mich, aber Wochen und Monate und Jahre vergingen, und kein Buch erschien, das schwarz auf weiß den Beweis erbrachte.“ Ein Schreibproblem also. Das kennen wir alle.

Drittens steht man aber trotzdem verblüfft vor dieser doppelten Verfolgungsjagd: Eine Romanfigur läuft einer Figur hinterher, die kein Gesicht hat. Ein Autor läuft einer Romanfigur hinterher, mit der er nichts anfangen kann. Und wer ist der „Kollege“, der ihm bei den „Reparaturarbeiten“ hilft? Autor Bärfuss, der sich den Romanautor im Roman zunutze macht, um seine Virtuosität bei gleichzeitig offenen Karten zu dokumentieren?

Es ist eine Virtuosität jedenfalls, die es ihm ermöglicht, ferner von einem groben, seit jeher in prekären Verhältnissen lebenden Taxifahrer zu erzählen, der zum Gegenstück und Antagonisten des eben erst abgerutschten Philip wird. Außerdem von einem hoffnungsvollen japanischen Wissenschaftler, der sich das Leben nimmt. Jetzt wird es wirklich kompliziert, was aber noch mehr Gelegenheit gibt zu bewundern, wie klug und unberechenbar Bärfuss komponiert – trotz, nein, einschließlich des mit seinem literarischen Scheitern kokettierenden, daran eventuell sogar ebenfalls zugrundegehenden Ich-Erzählers.

Groß ist die Welthaltigkeit dieses Buches, die Gegenwart des März 2014 findet etwa Platz, indem die hilflose Suche nach Flug MH370 mitläuft. Das ist keine platte Analogie zur chimärenhaften Frau. Das ist eine platte Analogie zur chimärenhaften Frau, aber sie entspricht den Gedankengängen, die sich der Mensch von heute macht. Er weiß unheimlich viel und es hilft ihm unheimlich wenig. „Hagard“, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, könnte sich übrigens auf das französische „hagard“, verstört, beziehen. Jäger nennen einen Falken so, der spät gefangen wird und darum nicht mehr ganz gezähmt werden kann.

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