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Hochbegehrter Buchpreisträger: Frank Witzel bei  Open Books im Schauspiel Frankfurt.
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Hochbegehrter Buchpreisträger: Frank Witzel bei Open Books im Schauspiel Frankfurt.

Buchpreisträger 2015 Frank Witzel

„Es ist alles noch völlig unwirklich“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der vom Deutschen Buchpreis überrumpelte Frank Witzel im FR-Interview über Rhythmen in seinem Roman „Die Erfindung“, die anstrengenden Tage nach der Preisvergabe und sein Leben in Offenbach.

Herr Witzel, Sie sind ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker. Beides ist eng miteinander verzahnt.
Ja. Die Musik ist sogar die ältere Erfahrung, weil ich in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen bin. Ich erinnere mich nicht mehr, wann ich zum ersten Mal am Klavier gesessen bin. Die Musik hat mich begleitet, aber als Beruf habe ich mich doch frühzeitig für das Schreiben entschieden, in das die Musik natürlich immer wieder hineinspielt.

Heute ist es hauptsächlich die Gitarre, mit der Sie sich ausdrücken. Ist das Rock-Musik, was Sie spielen?
Ich habe klassische Gitarre studiert und pendele ein wenig zwischen den Stilen. Auch Jazz interessiert mich oder zeitgenössische Komposition. Rock klingt für mich eher etwas antiquiert und stehengeblieben, so wie Bands, die heute noch Deep Purple nachspielen. Gerade arbeite ich an der Musik für eine Hörspielfassung meines Romans.

Man findet den Rhythmus der Musik in Ihrem Roman, mit dem Sie den Deutschen Buchpreis gewonnen haben, wieder.
Das stimmt, genau.

Es gibt langsame Passagen, aber auch schnelle Läufe.
Die Struktur des Buches ist musikalisch angelegt. Wenn ich Kapitel einteile, muss das für mich immer auch einen musikalischen Klang haben. Das geht bis in die einzelnen Passagen hinein, die dann manchmal nahezu lyrisch werden.

Können Sie eine Rangfolge bilden, was Ihnen wichtiger ist, das Schreiben oder die Musik?
Das Schreiben ist mein Hauptberuf. Daran arbeite ich, wenn möglich, jeden Tag und versuche anschließend, das Erarbeitete mit einer gewissen Professionalität nach außen zu geben.

Sie treten aber auch als Musiker mit anderen zusammen auf.
Das kommt vor. Meistens spiele ich aber alleine. Früher, in Wiesbaden, habe ich in Schüler-Bands gespielt, in Pfarrkellern und Gemeindesälen.

Sie haben musikalische Freunde wie den Autor und DJ Klaus Walter...
...oder Thomas Meinecke, der neben dem Schreiben ja auch in einer Band spielt und als DJ auftritt. Im Gegensatz zu ihm hatte ich damals in den Siebzigern allerdings das Gefühl: Man kann jetzt keine Band mehr haben. Ich fühlte mich einfach zu alt. Als der Punk anfing, lief ich immer noch mit meinen langen Haaren rum. Ich konnte mir die nicht gleich abschneiden oder zum Irokesen föhnen, dafür hatte ich zu lange für sie gekämpft. Bei Thomas Meinecke war das anders, der hat gesagt: Man kann immer noch etwas Neues mit ner Band machen.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, hatten Sie gehofft: Beim Deutschen Buchpreis werden sie mit der Kamera ja nicht auf die Verlierer draufhalten. Jetzt sind Sie plötzlich der Gewinner.
Es ist jetzt genau 24 Stunden her. Wir waren genau eine Stunde zuhause in dieser Zeit. Da habe ich es mir noch mal kurz als Aufzeichnung angeschaut. Da durchfuhr es mich noch mal so richtig. Man sieht, wie alles jubelt, und ich schaue so nach unten. Das war keine Demut. Ich hatte das einfach noch nicht richtig begriffen. Ich war völlig unvorbereitet, aber habe versucht, das Beste draus zu machen. Es ist alles noch völlig unwirklich.

Sie haben allen anderen erlaubt, ihren Roman nur „Die Erfindung“ zu nennen, statt „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.....
Ja, genau. Von nun an einfach: Die Erfindung.

Was ändert sich sonst noch? Sie haben jetzt schon 24 Stunden in ihrem neuen Leben verbracht.
Ich hab sehr viele Interviews gegeben, mehr als 24 auf jeden Fall. Unter anderem ist es schön, jetzt völlig betreut zu werden: Du musst jetzt dahin, um 15 Uhr kommt übrigens der und der. Das ging bis in die Nacht und am anderen Morgen um acht hatte ich dann schon wieder den ersten Termin. Man warnt mich auch immer wieder vor dem Zusammenbruch. Mit wurde erzählt, Lutz Seiler, der Preisträger des vorigen Jahres, sei donnerstags zusammengeklappt.

Bei Uwe Tellkamp, dem Preisträger 2008, soll es zwei Tage gedauert haben. Dann erkannte er, dass er nie mehr unerkannt auf den Kinderspielplatz gehen würde.
Das ist das Gute, wenn man in Offenbach wohnt: Da bin ich mir hundertprozentig sicher, dass ich weiter unerkannt bleibe. Meine Tochter ist allerdings aus dem Alter für den Kinderspielplatz schon raus. Ich bin ja fast 60. Da sollte man sich auch nicht mehr allein auf Kinderspielplätzen rumtreiben.

Das Schreiben geht weiter.
Ja, natürlich. Das ist das einzig Tröstliche.

Sie schreiben an einem neuen Buch?
Ja. Da kann ich allerdings noch gar nicht abschätzen, wie das genau gehen wird. Ich dachte ja, ab Dienstag hätte ich wieder Zeit. Das ist jetzt nicht so. Aber ich muss ja auch nicht gleich im nächsten Jahr wieder mit einem 800 Seiten-Roman auftreten.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Definieren Sie jetzt für sich Grenzen, was Sie nicht mitmachen? Die Mediengesellschaft ist ja gnadenlos.
Ich bin gerade dabei, das festzustellen. Ich hatte ja viele Jahre wenig oder keinerlei Aufmerksamkeit. Ich bin quasi ein- zweimal im Jahr raus wie ein Vampir ans Tageslicht. Aber es sind erst 24 Stunden als Preisträger und bei den vielen Gesprächen waren auch einige sehr interessante dabei.

Sie haben sehr zurückgezogen gelebt und geschrieben. Geht das jetzt noch?
Ich muss jetzt eine neue Messlatte für mich finden. Das Buch hatte einen langen Entwicklungsprozess: über 15 Jahre.

Sie hatten viele Selbstzweifel.
Ja, immer wieder. Ich fragte mich oft: Wird das noch was? Schaffe ich das oder überfordert mich der Stoff? Jetzt komme ich als Preisträger aus dem Nichts, um nicht zu sagen: Aus der Kälte.

Werden Sie sich jetzt hinsetzen und ganz für sich selbst Gitarre spielen, um das zu verarbeiten?
Ja, natürlich. Das brauche ich. Das erdet mich.

Das neue Buch...
...der Stoff spielt knapp zehn Jahre später als „Die Erfindung“. Es geht um einen Kunst-Zerstörer, einen Mann, der Kunstwerke zerstört. Bestimmt werden aber auch die Erfahrungen eine Rolle spielen, die ich gerade als Träger des Deutschen Buchpreises sammele. Auf welche Art das sein wird, weiß ich allerdings noch nicht. Ich freue mich aber schon wieder darauf, am Schreibtisch zu sitzen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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