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Alles muss weg

  • VonChristoph Schröder
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Ein poetischer Abgesang auf die Rituale einer vergangenen Zeit: Stewart O'Nans Familienroman "Abschied von Chautauqua"

Der Familienhund weiß alles. Er ist immer dabei, wird nicht bemerkt, darf überall zuhören und kennt die Geheimnisse. Rufus ist schon ziemlich alt, fünfzehn Jahre. Bei Autofahrten muss man eine Decke unterlegen, sonst sabbert er die Polster voll. Wenn er Popcorn frisst, muss er sich übergeben. Allzu lange mit dem Ball spielen darf er auch nicht, das strengt ihn an. Es wird bald zu Ende gehen mit ihm. Das fügt sich in die allgemeine Lage. Denn Stewart O'Nan erzählt vom Ende einer Ära.

Abschied von Chautauqua enthält die Widmung "Für Dewey, unseren Rufus." Das ist nicht das einzig Rührende dieses klassischen, raffiniert erzählten Familienromans, der so perfekt am Rande der Sentimentalität entlangbalanciert, ohne jemals peinlich zu sein, dem unspektakulärsten Roman, den der Vielschreiber O'Nan bislang veröffentlicht hat; keine Untoten, keine Serienmorde. Atmosphärisch schließt er an Sommer der Züge an, nur geschieht vordergründig noch weniger. Aber hinter den Kulissen und vor allem in den Köpfen rumort es gewaltig.

Sieben lange Kapitel, sieben Tage, neun Köpfe. Eine eindeutige Asymmetrie. Die begründet sich aus einem Todesfall: Das Familienoberhaupt ist gestorben, der Gravitationspunkt verloren gegangen; der Rest kommt zum letzten Mal traditionsgemäß zum einwöchigen Sommerurlaub im Ferienhaus am Lake Chautauqua, im Nordosten der USA im Staat New York, zusammen. Ein Ritual, das, wie sich herausstellen wird, nicht jedem Freude bereitet und bereitet hat. Danach, so hat die Witwe und Erbin beschlossen, wird das Haus verkauft. Vordergründig ist es eine Vertretung des gesunden und in jeder Hinsicht zufriedenen Mittelstandes, die hier zusammenkommt. In Wahrheit dagegen stimmt - je nach Alter - nicht mehr oder noch nicht allzu viel.

Saftiges Menschengemisch

Da ist Emily Maxwell, die den Verlust ihres Mannes Henry knapp ein Jahr zuvor noch immer mit sich herumträgt. Arlene, Henrys Schwester, unverheiratete Lehrerin im Ruhestand, die von jeher eifersüchtig war auf Emily und ihren Groll nicht immer unter Kontrolle hat. Ken, Emilys Sohn, ein gescheiterter Fotograf, der jetzt in einem Fotodiscounter jobbt; Lise, seine dauerunzufriedene, neurotische Frau; Sam und Ella, die beiden Kinder. Und da ist Margaret, Kens Schwester, frisch verlassen von ihrem Ehemann wegen einer jüngeren und blonderen Frau, soeben trocken gelegte Alkoholikerin mit genug Gras in der Tasche, einem Haufen Schulden und zwei Kindern am Hals, Sarah, ein Begehrlichkeiten weckender Teenager und der schüchterne Justin.

Sie alle werden eingesperrt in diese kleine idyllische Privathölle, für eine Woche, die gelingen muss, weil sie das Letzte ist, was noch gelingen kann. Da spielen naturgemäß nicht alle mit, und das Wetter schon gar nicht. Man kümmert sich um's Essen, um den von Ameisen heimgesuchten Briefkasten, um das Boot am Steg, um das nächste Golfspiel. Seine Dynamik gewinnt der Roman nicht durch das äußere Geschehen, sondern durch die streng durchgehaltene personale Erzählhaltung. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive eines anderen Familienmitglieds erzählt und dadurch entfaltet sich vor dem Leser ein Gewirr von Ab- und Zuneigungen, Empfindlichkeiten, Ängsten, das jedem einzelnen Bewohner des Hauses für sich verborgen bleiben muss - schließlich ist jeder von ihnen nur in seinem eigenen Kopf zuhause. Ängste haben sie alle: vor dem Versagen, vor dem Verarmen, vor dem Älterwerden. Die Familie, ein soziales Minenfeld. So ist das nun einmal, und O'Nan zeigt das mit Charme und Intelligenz. Immer wieder hat eine Figur die Befürchtung, sich so anzuhören wie eine andere. Und ironischerweise ist genau das gar nicht so selten der Fall.

Ein Mädchen verschwindet

Das einzig äußerlich Bedrohliche ist das Verschwinden eines jungen Mädchens, das an der örtlichen Tankstelle gearbeitet hat. Die Suche nach ihr zieht sich durch das Buch. Ansonsten ist das Weltgeschehen weit weg und doch scheint das Erleben unmittelbarer: "Hier, im Schatten der Veranda, wo das Dröhnen eines Motorboots übers Wasser drang, schienen die Nachrichten mehr als zwei Tage zurückzuliegen, die Welt fern und doch - sie konnte es nicht erklären - wirklicher, als gehörte sie, während sie hier war, nicht dem normalen Leben an und wäre noch machtloser gegenüber den Tragödien." Die Tragödien, die sich am Lake Chautauqua abspielen, sind familienintern: Lise ist eifersüchtig auf Margaret, Ella verliebt sich in Sarah, Ken hat Angst vor seiner Mutter, Justin hat Angst vor dem Wasser, Sam klaut Sarahs Uhr, Sarah verknallt sich in einen Dorfjugendlichen, Rufus überanstrengt sich beim Schwimmen.

Ein Drei-Generationen-Buch, der vom Schmerz der ältesten Generation erzählt, von den Schwierigkeiten der mittleren und von jenen, die die jüngste noch zu erwarten hat, und auch davon, was von der jüngsten noch zu erwarten ist. Und ständig werden Listen erstellt, wer welche Gegenstände wieder mit nach Hause nehmen darf.

Wofür aber braucht Emily überhaupt das Geld? Diese Frage wird erst relativ spät gestellt - und auch nie vollständig geklärt. Von ruinösen Steuern ist die Rede, die es unmöglich erscheinen lassen, das Haus zu halten, gleichzeitig aber auch davon, sich künftig jeden Sommer am selben Ort in einem Hotel einzumieten. Und davon, dass Emily am Ende ein wenig Geld auf der hohen Kante haben will, um im Alter unabhängig von ihren Kindern bleiben zu können; auch das eine sarkastische Pointe für einen Familienroman. Der wahre Grund, so scheint es, ist ein anderer: Dieses Haus besteht aus mehr als nur Stein und Ziegel; es ist Ausdruck eines Lebensabschnitts. Und nun ist auch seine Zeit abgelaufen, mit seiner altmodischen Küche, den alten Rohren und dem stinkenden Wasser, das aus den Hähnen tröpfelt, der säuberlich nach Henrys System (das wahrscheinlich niemand außer ihm selbst durchschaut) aufgeräumten Garage.

In diesem Ambiente, in diesem Zwischenreich zwischen Gegenwart und Vergangenheit, in dem, wie Benn schrieb, die Götter noch einmal die Waage angehalten haben, nicht für eine zögernde Stunde, sondern für eine ganze Woche, stößt irgendwer immer wieder auf irgendetwas Bedeutsames: Beim Aufräumen stöbert Kenneth eine alte 7up-Flasche mit verbogenem Hals auf, die sein Vater einmal beim Ringewerfen für ihn gewonnen hatte. Und plötzlich bemerkt er, dass sie ihm mehr bedeutet "als alles andere zusammen". Der amerikanische Mittelstand nimmt Abschied von seinen goldenen Zeiten. Ken, der Fotograf, der seine Kamera immer bei sich trägt, hat einen Traum: "Das alte Hotel, die Garage, das Putt-Putt, der Friedhof - all das gehörte zur selben verblassten Jahrhundertwendewelt von Chautauqua, und er sah kurz eine Ausstellung vor sich, ein Buch, ein Lebenswerk, das alles hier dokumentierte und eine Bibliothek bildete, aus der man die wirkungsvollsten Bilder auswählen konnte."

Das ist exakt Stewart O'Nans Verfahren - detailgenau hat er eine Welt festgehalten, die demnächst zugrunde geht. Als Emily und Rufus nach dieser Woche nach Hause kommen, muss alles neu geordnet werden, weil ein neuer Lebensabschnitt beginnt, der letzte. Die Neuordnung beginnt mit Hilfe einer Liste, versteht sich.

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