Alles ist möglich

Vladimir Sorokin spricht über Hitze in Japan und die verquere deutsch-russische Liebe

Frankfurter Rundschau: Die Sowjetunion galt immer, ähnlich wie die DDR, als ein Land der Leser. Was hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geändert, und wie sieht es heute aus? Was wird verlegt, was lesen die Menschen?

Vladimir Sorokin: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist natürlich das ganze staatliche Verlagssystem sowie dessen Vertrieb und seine Förderung nach und nach in sich zusammen gefallen. Der Einfluss der großen Dissidenten ließ nach, Literaturzeitschriften gingen ein, die klassischen Literaturpreise verloren an Strahlkraft. Westliche Literatur wurde importiert, Kriminalromane, Pornografie, Frauenliteratur. Mit der nächsten Welle überspülten dann die russischen Kopien die Buchhandlungen. Heute, in Zeiten der Unsicherheit, lesen die Menschen vermehrt ernsthafte Literatur. Der Literaturmarkt hat sich aufgeteilt, es gibt neben der reinen Unterhaltungsliteratur wieder einen starken Anteil ernsthafter Literatur, auch aus Russland.

Könnten Sie einen dieser jungen Autoren der deutschen Leserschaft empfehlen, vielleicht auch einen, der noch nicht übersetzt ist?

Michail Jelisarow. Und ein Roman von ihm, Die Nägel, ist ja auch schon ins Deutsche übersetzt worden (Reclam, Leipzig 2003).

Aus dem er übrigens auch schon hier in der Frankfurter "Romanfabrik" gelesen hat.

Die deutschen Übersetzter arbeiten sehr schnell und sehr gut. Das trifft auch auf die literarischen Veranstalter zu. Dass ich zum Beispiel so gute und dauerhafte Beziehungen zu Frankfurt habe, dass ich so oft hier lesen darf, möchte ich an dieser Stelle einmal gerne als Lob zurückgeben.

Kommen wir auf Ihr jüngstes Buch zu sprechen,"Bro", in dem die Vorgeschichte zu"Ljod - Das Eis" erzählt wird. Bro ist der Urvater einer Sekte, deren Ziel darin besteht, aus der Masse der "Fleischmaschinen", den Menschen, die 23 000 Auswählten ausfindig zu machen.

Diese Trilogie, der dritte Teil ist schon fertig, ist eine Abrechnung mit jeglicher sozialen Utopie des 20. Jahrhunderts.

Ist dies eine Erfahrung, die speziell aus der des sowjetischen Systems herrührt?

Sicherlich. Aber entscheidend war für mich der Blick von außen auf die Gesellschaft, auf uns selbst. Die Mitglieder dieser Sekte sind blind und fanatisch, sie nehmen die menschliche Gesellschaft unter völlig anderen Gesichtspunkten wahr.

Kürzlich ist mein Hund gestorben, jeden Tag besuchte er mich in meinem Arbeitszimmer, er schaute mich an mit seinem Hundeblick. Und ich dachte mir, wenn ich mich so sehen könnte wie er, dann würde ich mehr über mich wissen.

Die Auserwählten erwecken ihre Brüder und Schwestern, die noch im menschlichen Körper Schlummernden, in dem sie ihnen mit kosmischem Eis die Brust aufklopfen, um ihr Herz zum Sprechen zu bringen. Warum Eis?

Ich habe im Jahr 2000 an der Universität von Tokio russische Literatur gelehrt. Es war enorm heiß und schwül. In der Sauna habe ich vom Eis geträumt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ihre Schriftstellerkarriere begann ja im literarischen Underground bei den Medizinischen Hermeneuten und den Moskauer Konzeptualisten. Arbeiten Sie noch mit deren Mitgliedern zusammen?

Nein, heute sind es vor allem Filmemacher und Theaterleute, mit denen ich zusammenarbeite.

Gibt es zur Zeit vergleichbare Zusammenschlüsse von Künstlern, wenn ja, wie und wo produzieren sie?

Das ist mir so nicht bekannt. Heute hat prinzipiell jeder in Russland die Möglichkeit, publiziert zu werden. Und möglicherweise hat ja das Internet die Rolle des "Underground" übernommen.

Welchen Einfluss haben heute Massenmedien wie das Fernsehen?

Natürlich einen großen. Aber auch hier gibt es Gegenbewegungen. Ich kann da natürlich nur für meinen Bekanntenkreis sprechen. Die Freunde meiner beiden Töchter zum Beispiel boykottieren das Fernsehen, sie besitzen keines, sie schauen keines.

Eines Ihrer letzten Bücher ist in Moskau in einer riesigen Kloschüssel gelandet, Sie sind in teilweise dadaistisch anmutendem Terror von einer Organisation angegriffen worden, die Russland vom "geistigen Müll" befreien und es wieder zur "Reinheit" führen will. Sie wurden wegen angeblicher Pornografie angeklagt. Ihr Libretto für die OperRosenthals Kinderfür das Bolschoi Theater wurde ebenfalls von rechter Seite stark angegriffen, die Sache hat sogar die Duma beschäftigt. Viel Feind, viel Ehr - oder bereitet Ihnen das Ganze nicht doch auch Sorge?

Ach, wissen Sie, das ist schon wieder so lange her. Ich mag auch in meinem Land an Bekanntheitsgrad gewonnen haben. Mehr Menschen haben sich für meine Bücher interessiert, ich wurde auf der Straße erkannt. Die Medien aber, die über mich berichtet haben, machten aus meiner Schriftstellerexistenz ein Klischee.

Im Westen, wohl auch bei Ihnen, beobachten viele mit Besorgnis die zunehmende Machtkonzentration, den Abbau der Presse- und Informationsfreiheit unter Putin. Ist Russland nach Ihrer Einschätzung überhaupt imstande, eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu werden?

Russland ist ein seltsames Land. Hier kann sich alles wiederholen. Wahrscheinlich würde sich niemand wundern, wenn morgen die Monarchie wieder eingeführt würde.

Wie wird Sich Ihrer Meinung nach das Liebesverhältnis Russland - Deutschland nach Schröder und mit Merkel entwickeln?

In der Tat habe ich das Verhältnis Russland - Deutschland des öfteren schon mit einem Liebesverhältnis verglichen, aber eines, das einen starken S/M-Charakter hat. Ich kann zur Zeit aber noch nicht sagen, welche Variante sich unter Bundeskanzlerin Merkel durchsetzen wird.

Interview: Jürgen Lentes

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