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Große Krisen sind auch bloß große Ensemblenummern, lehrt Rossini, hier anhand der "Italienerin in Algier" in Aix-en-Provence.
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Große Krisen sind auch bloß große Ensemblenummern, lehrt Rossini, hier anhand der "Italienerin in Algier" in Aix-en-Provence.

Biografie

Alles könnte auch ein großer Spaß sein

  • VonWilhelm v. Sternburg
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Joachim Campe erinnert anlässlich des 150. Todestags von Gioachino Rossini an Leben, Werk und Widersprüche.

Auch die Musikgeschichte kennt keine Stunde Null. Bach ist ohne seine großen Vorgänger in der Kirchenmusik so wenig denkbar, wie Beethoven ohne Haydn oder die Musik Richard Wagners ohne die Werke Ludwig Spohrs und Giacomo Meyerbeers. Der Einfluss Bachs, Beethovens und Wagners auf Johannes Brahms, Gustav Mahler, Anton Bruckner oder Richard Strauß wiederum öffnete den Weg in die musikalische Moderne.

Zu den Revolutionären des Musiktheaters zählt auch der 1792 in der an der Adria gelegenen Hafenstadt Pesaro geborene und vor bald 150 Jahren, am 13. November 1868, gestorbene Gioachino Rossini. Die Opera buffa bewahrte die einst berühmte und von ganz Kultureuropa gefeierte italienische Oper vor dem drohenden Niedergang. „Die Bürger des napoleonischen Norditaliens“, so konstatiert Joachim Campe in seiner Rossini-Biografie, „wollten eine andere buffa hören als Jahrzehnte zuvor der Untertan des Königs von Neapel; was man um 1780 spritzig fand, langweilte dreißig Jahre später – jedenfalls schien Rossini die Musik Paisiellos, der 1786 seinen ersten Barbier komponiert hatte, antiquiert und banal.“ Ähnliches empfanden wohl auch die Opernbesucher in Paris oder London, Berlin oder Wien. So löste in Berlin der in der Mark Brandenburg geborene Giacomo Meyerbeer – auch er ein „Neuerer“ – den von Friedrich Wilhelm III. hochgeschätzten, vom Publikum aber zunehmend als „Mann von gestern“ kritisierten italienischen Opernintendanten Gaspare Spontini ab.

Der Schöpfer des „Barbiere di Siviglia“, von „La Cenerentola“ oder der „Italiana in Algeri“ aber gab den entscheidenden Anstoß dafür, dass die italienische Oper im 19. Jahrhundert neuerlich triumphierte. Die Partituren offenbaren seinen spöttischen Blick auf eine Welt der Eitelkeiten und der treulos-treuen Liebe, auf die Hinwendung des Menschen zum Endlichen der Lust und des Genusses, die auch im Alter nicht vor Torheit schützt. Rossini befriedigte ein bürgerliches Publikum, das bereit war, das Leben auch als einen großen Spaß zu deuten.

Vierzig Opern komponierte der „Schwan von Pesaro“, und bis zum Auftritt seines Landsmannes Guiseppe Verdi war er der meistgespielte Komponist seiner Zeit. Zu seinem Werk zählen auch mehrere ernste Opern – „Mosè in Egitto“, „Tancredi“, „Guillaume Tell“ –, die heute nur noch selten zu hören sind. Dagegen wurde in den letzten Jahrzehnten die Bedeutung seiner geistlichen Werke – das „Stabat mater“, die „Petite Messe solenelle“ – glücklicherweise wieder entdeckt. Auch Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti oder Verdi – die ihm folgenden Könige der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts – wussten genau, was sie ihrem Landsmann zu verdanken hatten, und sie verschwiegen das auch nicht in Briefen und öffentlichen Äußerungen.

„Rossini war ein großer Anekdotenerzähler, wie viele Zeitgenossen berichten“, schreibt Campe, „er war gesellig, plauderte gern und wusste immer eine neue Geschichte zu erzählen.“ Hinter der Fassade des Gesellschaftslöwen, Frauenlieblings und Genussmenschen Gioachino Rossini verbarg sich aber eine lebenslange, seine Kreativität schließlich erstickende Tragödie. Campe beschreibt, wie Rossini von schweren Depressionen heimgesucht wurde. Die Unruhe, die ihn immer wieder zu Reisen und Ortswechseln veranlasste, der oft wochenlange Rückzug in eine unfreiwillige Einsamkeit und dann sein im Alter von 37 Jahren überraschend früh vollzogener Abschied als Opernkomponist – die Ursache für diese von seinen Zeitgenossen und Biografen häufig seiner Bequemlichkeit oder Faulheit zugeschriebene Lebensweise lag in den schweren seelischen Krisen, die ihn im Laufe der Jahre immer stärker heimsuchten. Als regelmäßiger Bordellbesucher zog er sich schon in frühen Jahren eine Geschlechtskrankheit zu, die ihn lebenslang gesundheitlich bedrängte. Qualvolle Jahre und zahlreiche Kuraufenthalte waren die Folge.

Rossinis Ehe mit der einstigen Primadonna der Oper von Neapel, Isabella Colbran, endete unglücklich und mit einer Scheidung. Die einstige Pariser Kurtisane Olympe Pélissier wurde seine zweite Frau und hilfreiche Lebensgefährtin. In seinen späteren Pariser Jahren führte er einen Salon, in dem sich die gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Größen seiner Zeit trafen und seine Kochkünste bewunderten. Im Schöpfer der „Comédie humaine“, Honoré Balzac, häufig Besucher auf Rossinis Empfängen, sah der Komponist einen geistesverwandten Deuter seiner Zeit und ihrer Gesellschaft.

Mit seinem Zeitgenossen und Meister der Grand opéra, Meyerbeer, verband ihn eine kühle, aber von Respekt getragene Freundschaft. Das „Problem Wagner“ interessierte ihn nicht. Campe zitiert den Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick mit den Worten, Rossini habe außer einer gewissen „Neugierde“ kein Interesse für „musikalische Wendepunkte und Kontroversen, wie beispielsweise die Zukunftsmusik“.

Der Revolutionär ist alt geworden. Felix Mendelssohn aber schreibt am 14. Juli 1856 nach einem Besuch bei dem ihm musikalisch fremden Kollegen an seine Mutter: „Ich kenne wahrlich wenig Menschen, die so amüsant und geistreich sein können, wie der, wenn er will; wir kamen die ganze Zeit aus dem Lachen nicht heraus.“

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