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Susanne Röckel im Frankfurter Literaturhaus.

Belletristik

Alles, was wir fürchten

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Susanne Röckels fabelhafter Schauerroman „Der Vogelgott“.

Der Vogelgott“ ist ein veritabler Schauerroman, und seine Bestandteile sind ganz von heute und stammen doch auch aus dem Reservoir der schwarzen, schwärzesten Romantik. Auch will man beim Lesen ständig oder abwechselnd Rätsel lösen (sozusagen den Da-Vinci-Code) und psychologisch die Übersicht gewinnen. Das eine funktioniert so wenig wie das andere. Glücklicherweise.

Drei Geschwister, zwei Jungen, ein Mädchen, aus einem bürgerlichen Ornithologenhaushalt. Menschlich ging es zu Hause offenbar etwas ungemütlich zu, man kann auch sagen, die üblichen Reibereien mit dem Vater, unter den Geschwistern. Der frühe Tod der lange kranken Mutter liegt als Schatten über den dafür viel zu kleinen Kindern und erscheint im Rückblick wie eine Art Katalysator für – einiges. Jedenfalls haben es alle drei, wie nach und nach zu erfahren ist, im Leben nicht leicht. Sie geraten in die prekären Verhältnisse, die das Akademikerleben von heute prägen können.

Der etwas verwöhnte, aber nach einem abgebrochenen Medizinstudium nun gänzlich untätige Thedor – „Ich mogelte mich durch; ich wartete ab“ – lässt sich von einem windigen Mann für eine windige Hilfsorganisation in einem windigen Land rekrutieren. Die Kunsthistorikerin Dora verzettelt sich mit einer Doktorarbeit über einen Maler (Johannes Wolmuth, man sucht ihn vergebens, obwohl man seine Bilder geradezu vor sich sieht) und namentlich eine mysteriös übermalte Mariendarstellung.

Laurenz schließlich, der leicht verbitterte, insofern typische Älteste, ist schon als junger Redakteur in eine frühe Entlassungswelle der Zeitungskrise geraten, schlägt sich als Freier durch und recherchiert derzeit – „auf unklare, ziellose Art tatendurstig“ – eine mehr als sonderbare Geschichte über halluzinierende Mitbürger und einen Mann, der vor den Machenschaften einer windigen Hilfsorganisation warnt.

Vorgeschaltet ist ein Ausschnitt aus Reiseaufzeichnungen des Vaters (vermutlich). So unterschiedlich diese und die folgenden drei Geschichten der Geschwister – nacheinander aus ihrer Perspektive erzählt – sein mögen, so unerbittlich führen sie alle immer in den Umkreis eines mehr als rätselhaften Vogelkultes. Eines schaurigen Vogelkultes, in dem es um Menschenfresser und Menschenopfer geht. Die Möglichkeit, dass nichts davon wahr ist, besteht, andererseits sind die Erlebnisse unangenehm greifbar. Während sich Thedor selbst in einen Vogel zu verwandeln scheint – in seiner Figur schwingt am deutlichsten noch Röckels nach eigenem Bekunden ursprünglicher Plan mit, über traumatisierte Soldaten zu schreiben –, werden die Bande zwischen Dora und dem Madonnenbild immer enger. Journalist Laurenz, der einzige der drei, der eine eigene Familie gegründet hat, wird persönlich am wenigsten verwickelt, dafür können bei ihm die Informationsfäden zusammenlaufen. Hilft aber keinem, nicht den Geschwistern, nicht dem Leser.

Zu den Elementen, mit denen Röckel unwiderstehlich pseudo-plausibel arbeitet, gehören neben den übergroßen Vögeln (Harpyien?), die hier kreisen und Schatten werfen oder dort eine riesige Feder verlieren, auch eine Reihe Männer mit ähnlichen Namen und ähnlich unangenehmem Geruch: Vic Tally, Victor Lalyt, V. Littal, Torvyk Allt eint eine unergründliche Boshaftigkeit, ähnlich wie die diversen Schufte in „Hoffmanns Erzählungen“. Ihnen stehen auf verlorenem Posten die seltsamen, dabei offenbar brav biederen Petrys gegenüber, Vater und Sohn als vergebliche Warner aus dem Hintergrund. Den Geschwistern ist nicht zu helfen.

Zu E.T.A. Hoffmann passt sogar das hier auf den Kopf gestellte Brillenmotiv (eine unheimliche Verbesserung der Sehschärfe, als die Brille im Zuge der allmählichen Vogelwerdung zerbricht), und wie in Offenbachs Oper wirkt „Der Vogelgott“ wie ein Sammelsurium romantischer Details. Halluzinationen, Träume, ihr wirrer Ausdruck auf bizarren Zeichnungen; verborgen die Zeit überdauernde Aufzeichnungen, geheimnisvolle Zeichen und Warnungen, dazu Kinderschreck-Motive: Gefressen werden, entführt werden. Dass die Geschwister, wie sie sich alle drei an irgendeiner Stelle ihrer Erzählung erinnern, als kleine Kinder Versteck gespielt haben, ohne jemanden suchen zu lassen, erscheint wie eine Überlebensübung.

Röckel lässt die Geschwister lapidar erzählen, entgegen ihrer sympathischen Lebensuntüchtigkeit geben sie sich durchaus Mühe, zurande zu kommen. Vor allem das Dora-Kapitel – denn Dora ist fleißig, steigert sich hinein in ihre Doktorarbeit – enthält so fabelhafte kunstgeschichtliche Einzelheiten, dass man beim Lesen aus dem Nachschlagen nicht mehr herauskommt. Jedes Mal jedoch zerrinnt das Gelesene, und selbst wenn barocke Buchtitel einmal zu finden sind, können es nicht die sein, auf die Dora sich bezieht.

Die Nähe zum Realen macht das Irreale erschreckender. Auch damit arbeitet E.T.A. Hoffmann, der neben internationalen Schauerromantraditionen, vor allem wohl der englischen, ein wesentliches Vorbild für den „Vogelgott“ sein könnte. Die Lässigkeit und zugleich Virtuosität, die präzise Leichtigkeit, mit der Röckel vorgeht, lässt diesen klassischen Außenseiter auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis zum reellen Kandidaten werden. Der Jung und Jung Verlag und die Jury sollen hochleben.

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