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Die Autorin Ruska Jorjoliani auf der Frankfurter Buchmesse.

Buchmesse ? Gastland

"Alles, was in mir brennt, kommt von meinen georgischen Wurzeln"

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Ruska Jorjoliani ist in Georgien geboren und lebt in Italien. Für ihren Debütroman "Du bist in einer Luft mit mir" wurde der Rotpunktverlag auf der Hotlist Preisverleihung mit dem Istanbul-Stipendium der Kunststiftung NRW ausgezeichnet.

Frau Jorjoliani, Sie sind 1985 in Mestia in Georgien geboren und leben heute in Palermo. Wie kam es dazu? 

Zunächst zog ich mit meiner Familie nach Abchasien, heute eine separatistische Region. Nach dem Krieg 1993 flohen wir nach Tiflis. Wir lebten zu fünft in einem Raum. Über ein Humanitäre-Hilfe-Programm für Kinder aus der Region Abchasien, die Opfer des Georgisch-Abchasischen Krieges wurden, kam ich nach Italien. Ich lebte dort bei einer Familie, die für meine Ausbildung sorgte. Danach studierte ich in Tiflis Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, reiste jedoch weiterhin regelmäßig nach Italien. Ich machte meinen Abschluss an der Universität in Tiflis 2007 und entschied dann, ganz nach Italien zu ziehen, und in Palermo Philosophie zu studieren.

Kehren Sie noch oft nach Georgien zurück? 

Ich reise immer wieder nach Georgien. Das ist mein Heimatland, mein Ursprung. Alles, was in mir brennt, kommt von meinen georgischen Wurzeln. In mir treffen die italienische und die georgische Kultur aufeinander und daraus wird etwas Neues, Literarisches. Die italienische Sprache ermöglicht mir eine gewisse Distanz zu emotionalen Themen, auf Georgisch bin ich emotionaler.

Sie haben Ihren Debütroman auf Italienisch geschrieben. Beeinflusst Ihre Muttersprache, wie Sie Italienisch schreiben?

Das Georgische ist die Melodie in mir, die Art, wie meine Gedanken sich formieren. In meinem Kopf ist zunächst die georgische Syntax. Die übersetze ich ins Italienische. Das Resultat ist eine Osmose. Die Form ist italienisch, aber der Geist, die Seele ist georgisch. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich dabei bin, eine eigene Sprache für mein Sein zwischen den Kulturen zu erfinden. Keine andere Sprache ist ihr ähnlich.

Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen? 

2011 schrieb ich mein erstes kleines Gedicht und gewann damit einen Lyrikwettbewerb. Danach beschloss ich, etwas Beständigeres zu schreiben, etwas, das mehr Anstrengung, Zeit und Leidenschaft brauchen würde. Ich fing mit einer Kurzgeschichte an, und sie diktierte mir, wie ich weitermachen musste. Ich folgte dieser Stimme, die zu mir sprach und mir sagte, dass ich möglicherweise etwas Wichtiges zu sagen habe.

Ihr Buch wurde ins Deutsche übersetzt und ist beim Rotpunktverlag erschienen. Wie fühlt es sich an, wenn die eigenen Worte in eine fremde Sprache übersetzt werden? 

Es war ein eigenartiges Gefühl. Mit meiner deutschen Übersetzerin Barbara Sauser konnte ich Italienisch und Russisch sprechen. Die Zusammenarbeit mit ihr war sehr fruchtbar. Manche Dinge gehören nur zu einer Sprache und sind kaum zu übersetzen. Es ist stets die Charakteristik meines Daseins gewesen, an der Kreuzung zwischen den Kulturen zu stehen. Und dieses Mal war ich dort nicht allein. Wir übersetzten einander in unterschiedliche Sprachen, weit weg von unserer Muttersprache. 

Ihr Buch erinnert sehr an die russische Literatur. Mit den Namen und Spitznamen kommt man zeitweise durcheinander, wie in jedem großen russischen Roman. 

Ich hatte eine Liebesaffäre mit der russischen Literatur. Während des Krieges habe ich viele russische Autor*innen gelesen, um aus der Situation, in der ich leben musste, zu entkommen. Doch Russland hat den Krieg, vor dem ich fliehen musste, in gewisser Weise verursacht. Als ich nach Italien ging, hatte ich das Problem, dass ich keine russische Literatur mehr lesen konnte, vier Jahre lang. Als Schriftsteller*in kann man aber die russische Literatur nicht auslassen. Also entschied ich, wenn ich schon keine russische Literatur lesen kann, kann ich vielleicht selbst welche schreiben. Es war eine Herausforderung, der ich mich stellte. Und auch eine Therapie. Russland war der Feind, aber das konnte ich der russischen Literatur doch nicht vorwerfen.

Die Väter in Ihrem Buch repräsentieren zwei sehr unterschiedliche politische Einstellungen. Der eine wirft ein Leninporträt aus dem Fenster, der andere steht hinter der russischen Revolution und verrät ihn. Haben Sie Sympathien für beide Charaktere? 

In dem, was ich schreibe, kann ich keine Feinde haben. Ich wollte nicht urteilen. Echte Literatur urteilt nicht. Mit dem Buch habe ich mich selbst und die Art, wie ich mich sehe, herausgefordert. In der richtigen Literatur fühlen wir uns zu Hause, egal aus welchem Land sie kommt. Wir können spüren, dass diese Literatur zu uns spricht, auch wenn sie nicht über uns spricht. Sie kann uns erzählen, wie wir uns verhalten sollen, wie wir unser Leben und unsere Zukunft sehen.

Die Hauptcharaktere in Ihrem Buch sind vier Männer. Wieso haben Sie sich dafür entschieden? 

Vielleicht, weil die Politik und die Geschichte des 20. Jahrhunderts von Männern gemacht wurde, leider. Als Kind war der Krieg für mich etwas, das Männer machten, auch mein Vater und andere männliche Mitglieder meiner Familie. Die Frauen in meinem Buch sind keine Hauptpersonen, aber sie sind sehr wichtige Figuren. Sie zeigen sich nicht so, sind in einer Weise phlegmatisch, aber sie bewegen die Hauptcharaktere, wie Drehbuchautorinnen. Wir Frauen haben unsere eigene Art, Geschichte zu machen, die nicht weniger wichtig ist.

 

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