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Und auch das Dorf verändert sich ...

Literatur

Alles ist bedroht

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Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Enteignung“ spielt mit Wissen und Nichtwissen.

Ein Journalist, der Walter oder auch Jan heißen könnte, kehrt in sein von einer unerträglichen Hitze lahmgelegtes Dorf in Österreich zurück, wo er zunächst seinem alten Beruf halbherzig nachgeht, aus einer Liebschaft heraus jedoch auf einem Bauernhof landet, wo er erst aushilft, später fest arbeitet.

Das ist die Handlung des neuen Romans „Enteignung“ des österreichischen Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker, der außerordentlich glatt erzählt wird. Es gibt ein übersichtliches Inventar immer wiederkehrender Figuren und Motive wie die Katze des Protagonisten oder seine Flugrunden in einem Kleinflugzeug über den Ort. Das alles ist sehr sorgfältig ausgewählt und geschickt angeordnet, kein einziger Satz ist zu entbehren. Doch diese erzählerische Glätte ist trügerisch, erscheint zunehmend als fragile Oberfläche, unter der es brodelt. In einem einzigen Nebensatz erfährt der Leser beispielsweise folgendes tragisches Ereignis: „Kaum wäre ich vor fünf Jahren hierher zurückgekehrt, hätte mir meine Tante nicht dieses Haus hinterlassen, in dem ich jeden Winkel kannte, weil ich, das Waisenkind, der Einzige, der das Bootsunglück überlebt hatte, hier aufgewachsen war.“

Dieses Thema wird mit keiner weiteren Zeile ausgeführt. Mit ebendieser Beiläufigkeit wird später im Roman offenbar, dass dem Protagonisten die verstorbene Tante immer wieder erscheint. Sie macht ihm Vorwürfe, er spricht mit ihr und das Ganze wird mit einer derartigen Normalität erzählt, dass man als Leser daran nichts ungewöhnlich findet. Durch diese Risse erhält die Geschichte eine Untergründigkeit, die einem das Gefühl verweigert, man könne den Protagonisten durchschauen.

Man wird aus diesem Mann nicht so recht schlau, auch wenn sein Handeln durch seine Reflexionen im Lichte einer gewissen inneren Plausibilität erscheint. Die schweißtreibende Arbeit bei Flor, dem Liebhaber seiner eigenen Affäre Ines, einer trinkfreudigen Mutter dreier Kinder, begründet der Protagonist damit, dass er sich von ihm erniedrigen lassen wolle, damit er später das Recht habe, ihn aus seinen Rachegefühlen heraus zu demütigen.

Er verliert jedoch Ines und das damit verbundene Ziel zunehmend aus den Augen und arbeitet weiterhin auf dem Hof. Warum tut er das? Weder der Leser, noch der Erzähler scheinen das so recht zu verstehen. Man begegnet dem Wahrheitsgehalt seiner Reflexionen sehr skeptisch. Der Erzähler bleibt sich selbst wie dem Leser bis zuletzt intransparent.

Dieses geschickte Spiel mit Wissen und Nichtwissen, während alles so erzählt ist, als gehöre es an seinen Platz, ist definitiv eine Qualität dieses Romans. Es wird auch auf der Handlungsebene ausgeführt: Der Protagonist weiß, dass Flor eine Affäre hat. Weder die Affäre noch Flor noch dessen Frau Hemma wissen, dass er das weiß. Dann hat der Protagonist eine Affäre mit Hemma, wovon wiederum Flor nichts weiß. Seinem Redakteur verschweigt er, warum er kaum noch in der Arbeit erscheint. Die Affäre verschweigt bis zum Ende, dass sie an einer schweren Krankheit leidet.

Alles ist bedroht. Da ist die Zeitung „Rundschau“, für die der Protagonist arbeitet und die sich zunehmend aus finanziellen Nöten heraus von einer seriösen Zeitung in ein reißerisches Boulevard-Blättchen verwandelt. Da ist der Bauer Flor, der um sein finanzielles Überleben gegen den Bürgermeister Beham kämpft, der auf dubiose Weise Teile seines Hofes enteignen will, um dort einen Windpark zu bauen. Da ist das Dorf, seit einigen Jahren an einer Autobahnabfahrt gelegen, das sich dadurch zunehmend verändert. Das alles schreit förmlich nach einer klassischen Mordgeschichte auf dem Land: Wir haben rohe Bauern, denen man einen Mord zutrauen würde. Im hinteren Teil des Buches bestätigt sich dieser Verdacht, auch wenn der Mord schließlich keine große Rolle spielt, wie so vieles, das der Erzähler nur flüchtig streift – wie sogar seine eigene existenzielle Bedrohung.

Nachdem am Ende der Bürgermeister unter Umständen stirbt, die der Erzähler besser zu verstehen scheint als der Leser, steht ein großes Fragezeichen über dem Text. Welchen Schuss habe ich nicht gehört? Ist da noch etwas? Das alles geht einem beim Lesen viel zu glatt durch das Hirn, sodass man schließlich auch dem eigenen Textverständnis misstraut. Dennoch ist die Untergründigkeit des Textes nie so deutlich gestaltet, dass man sich beim zweiten Lesen groß auf Spurensuche machte.

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