+
Ein Kaff in Nebraska - hier: Monowi - zu Zeiten des Romans, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Jim Thompson "Fürchte den Donner"

An allen Ecken bröckelt ihre Macht

  • schließen

Jim Thompsons rabenschwarzer Roman „Fürchte den Donner“, in dem die Niederträchtigen auch die Dummen sind.

Die „Heyne Hardcore“-Reihe macht sich schon eine ganze Weile um das Werk von Jim Thompson verdient. Man möchte kaum glauben, dass dort Band um Band als deutsche Erstausgabe und in taufrischer Übersetzung erscheinen kann. In den USA freilich brauchte es Anfang der 90er auch das erneuerte Interesse von Filmregisseuren an seinen Stoffen, etwa an „The Getaway“, damit einige seiner Bücher wieder aufgelegt wurden.

James Myers Thompson (1906-1977) muss sich zu Lebzeiten doch schwer getan haben mit seinen Mitmenschen; weder mit Stanley Kubrick noch Sam Peckinpah soll er ausgekommen sein. Er war zudem schwerer Alkoholiker. „The Alcoholics“ heißt ein Thompson-Roman von 1953, der in einer Entzugsklinik spielt und in den USA ebenfalls neu aufgelegt wurde, mit einem Cover wie ein Groschenheft: Der Autor mochte es durchaus grell. Er schrieb nicht mit spitzer, sondern mit farbtropfender Feder.

In der Heyne-Reihe ist nun Ende vergangenen Jahres die rabenschwarze, drastische Familiensaga „Fürchte den Donner“ („Heed the Thunder“, 1946) erschienen, übersetzt vom (Krimi-)Autor Franz Dobler.

Erzählt wird der Niedergang der Fargos, die zwar gemein, aber auch dumm und eitel sind. Matriarchin Pearl überschreibt den Besitz an Gott. Sohn Sherman setzt nach ein bisschen Schmeichelei vom Mähdrescher-Verkäufer die Ernte und damit das Familieneinkommen in den Sand. Sohn Grant ist ein alberner Dandy, der es mit seiner prallen Kusine Bella treibt. Tochter Edie wurde von ihrem Mann verlassen, deponiert ihren kleinen Sohn beim Bruder und geht als Lehrerin arbeiten, immerhin. Der Mann einer weiteren Fargo-Tochter, Myrtle, betrügt seinen Banker-Boss. Er hat zudem eine Schwäche für Edie: Einen Jungen aus ihrer Schule schlägt er so mit der Hundepeitsche ins Gesicht, dass der für immer entstellt ist. War der Lümmel vorher nur niederträchtig, so machen ihn die Prügel, das Leiden, die Ausgrenzung zum Mörder.

Karikaturen sind die meisten dieser Figuren – abgesehen vielleicht von den Kindern. Sie tragen ihre moralischen Defizite vor sich her und finden sie normal. Sie sind einerseits gerissen, andererseits naiv und zu täuschen von denen, die noch ein Stück gerissener sind. Sie haben sich an die Macht gewöhnt – wird nicht Verdon, Nebraska, von den Fargos beherrscht seit Jahrzehnten? – und sehen dabei nicht, wie sie schon bröckelt an allen Ecken und Enden. Sie treffen die falschen Entscheidungen. Sie haben durch Inzucht ihren Grips verspielt.

Erstaunlich für einen Roman, der 1946 erschienen ist: Dass Jim Thompson darin den schlauen, fleißigen, geradlinigen deutschen Siedler – Wilhelm mit Namen – zeichnet. Der lässt sich nichts aufschwatzen vom Landmaschinenvertreter. Der lässt sich auch nicht durch Speichelleckerei verführen, den Unterhalt seiner Familie aufs Spiel zu setzen. Die Deutschen sind zudem die idealen Einwanderer, anpassungswillig einerseits, ihre Wurzeln nicht verleugnend andererseits. Aus Übersee kommen ihre alten Zeitungen, aber selbstverständlich abonnieren sie auch amerikanische.

Die Fargos können nur darauf hoffen, ab und zu von ihnen zum Essen eingeladen zu werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion