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Von Allem bis Zettel

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Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. © FR

Während die einen hoffentlich gute Geschäfte machen, können die anderen wieder auf der Frankfurter Buchmesse drängeln, gucken, zuhören. Ein Buchmessen-ABC von Judith von Sternburg

A: Aller guten Dinge....

Aller guten Dinge sind drei. Was aber sind die drei allerersten Dinge, die auf der diesjährigen Buchmesse gereicht wurden? Erstens die Mahnung von Menschenrechtlern, dass die Türkei zwar das Land der Farben (so das Buchmessenmotto), aber auch der Verbote sei. 20 Journalisten und Schriftsteller befinden sich derzeit in Haft, steht auf dem Zettel. Einem Kind einen kurdischen Namen zu geben, sei weiter ein Problem. Zweitens ein Beutel ayurvedischer Yogi-Tee. Drittens ein Knochen aus Schokolade.

B: Bücher

Trotz der Weihnachtsdeko und berühmten Personen erregen die Bücher weiterhin Aufmerksamkeit. Sie machen 42 Prozent der "Messe der Inhalte" (Buchmessechef Jürgen Boos) aus. 124.000 sind neu. Immer wieder beobachtet man allerdings, dass sie als Tische oder Vasen (seltsam!) zweckentfremdet werden. Hätte ein Buch eine Seele, wäre das infam. Aber Papier ist geduldig, und es sind gewöhnlich die Leser, die eine Seele haben. Nicht so auf der Buchmesse. Eine einzige ernsthafte Leserin zeigte sich. Ich gab ihr einen kleinen Stips, da war sie aus Gips, nein, aus Pappmaché.

C: Chen Yingming

So heißt der Chef des Organisationskomitees für Chinas Gastland-Auftritt 2009. Auf der ersten PK machen er und seine Kollegen klar, dass sie große Brote backen werden und ihnen ein Buch-Olympia vorschwebt. Seit der "Unterzeichnung des Abkommens" ist sicher nichts dem Zufall überlassen. Unverbrämte Wirtschaftsambition, der Wille, "noch mehr hervorragende Kulturprodukte herzustellen", und Worte wie "Harmonie" und "höherer geistiger Horizont" werden vermengt, als gehörten sie logisch zusammen.

D: Durscht

"Können wir noch mal zu Fischer gehen, wenn ihr Durscht habt", sagt die Unbekannte aus dem Schwabenländle. Lebensmittel und Getränke sind auf der Buchmesse teils überteuert, teils kostenlos zu haben. Insofern sieht jeder, wo er bleibt. Uns ist eine Person bekannt, die sich quasi einen Tag lang mit den Knochen aus Schokolade über die Runden brachte. Andere konzentrieren sich auf Minibrezeln oder Gummikrokodile. Öffentliches Kochen scheint glücklicherweise langsam wieder aus der Mode zu kommen.

E: Elf Uhr

Als es elf schlägt, sagt eine Fachbesucherin, deren Muttersprache weder deutsch noch englisch ist: "But what's the Sinn of it?" Da sie Englisch spricht, sagt sie "sin". Ihre Zuhörer staunen, bis sie endlich "result" sagt. Die Buchmesse ist ein Babylon. In der lebhaften Debatte zwischen Frauen mit und ohne Kopftuch bleibt die Dolmetscherin auf der Strecke. So wirr, wie sie redet, kann das Gespräch nicht sein. Es ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass Türkisch doppelt so schnell gesprochen wird wie Deutsch.

F: Finanzkrise

Die Finanzkrise spielt auf der Buchmesse keine große Rolle. Das Verlagswesen ist hurtig (siehe L), aber so hurtig nicht. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dagegen äußert sich im Zuge eines Gesprächs zum Thema "So lese ich die Bibel". Er sagt, das Rettungspaket der Regierung sei sehr gut und kein Freibrief für die Banken. Menschen können nicht gleich etwas Originelles äußern, nur weil sie von Büchern umgeben sind. Auch dieser Dialog ist zu hören: "Ja, die Krise …" - "Welche Krise? Ach so, die."

G: Gedichte

Es hagelt stattdessen Bekenntnisse zur Lyrik. Der designierte SPD-Chef Franz Müntefering erklärt, er lese lieber Gedichte als Romane. Der Journalist Ulrich Greiner erklärt, es sei doch eigentlich die deutschsprachige Lyrik, in der sich am meisten tue. Der Schriftsteller Martin Walser erklärt, Lyriker seien voll von sich, Prosaschreiber hingegen voll von Bedenken. Ohne Lyrik sei eine Literaturzeitschrift in der Türkei nicht denkbar, erklären die Chefredakteure türkischer Literaturzeitschriften (siehe V).

H: Hasen, Ältere

Hier klopfen sich Erhard Eppler und Friedrich Schorlemmer auf die Schultern. Dort palavert Elke Heidenreich an einem Oblaten-Stand. Oblaten sind Bilder fürs Poesiealbum. Poesiealben sind Bücher, in die man sich gegenseitig zarte Verse schreibt. Während die Prominenz auf der Buchmesse eine verlässliche Größe darstellt, sinkt anderes tief in die Vergangenheit. Aber da ist schon wieder Müntefering und lässt sich ein Verlagsprogramm erläutern, während die Kameras blitzen und die Menge sich knäult.

I: Innen

Irgendwo tief im Inneren der Buchmesse werden garantiert gute Verträge abgeschlossen und wichtige Gespräche zwischen Verlegern und Autoren geführt. Aber wie kommt man da hinein? Karen Duve ("Taxi") beantwortet die Frage, wie sie das geschafft habe, gegen den rasch generalisierten Trend, Auszeichnungen doof zu finden: Das Berliner Festival Open Maik sei ihr Eingangstor gewesen, und sie könne die Teilnahme nur jedem empfehlen. Allerdings komme sie derzeit nicht mehr zum Schreiben.

J: Jungs

Die Autorin Alexa Hennig von Lange weiß noch, dass sie als Mädchen vergeblich hoffte, im Theater Jungs kennenzulernen. Beim Thema Kinder und Kultur redet sie sich ansonsten schier um Kopf und Kragen, hält "Rigoletto" für eine Operette und nennt "Die Physiker" und den "Hauptmann von Köpenick" als Beispiele für Stücke, "die'n bisschen dröge sind". Einem Mitredner fällt noch "Nathan der Weise" ein. Es ist zugleich ein sympathischer Zug der Buchmesse, dass jeder sagt, was ihm durchs Hirn pfeift.

K: Kommata

Müntefering, der sein Buch "Macht Politik" vermarktet, sagt, es sei ihm beim Schreiben nicht so wichtig, ob jedes Komma sitzt. Ottmar Schreiner, ebenfalls SPD, der sein Buch "Die Gerechtigkeitslücke" vermarktet, sagt, er hätte beim Schreiben kein Komma anders gesetzt, wenn Becks Abgang von der Parteispitze ihm schon bekannt gewesen wäre. Wie soll man da der Jugend die Kommaregeln beibringen? Bei einem Rechtschreibtest ist mordsmäßig viel los. Allerdings funktionieren die Computer nicht richtig.

L: Le Clézio

Es hat Vorteile, dass der Literaturnobelpreis diesmal eine Woche vor der Buchmesse zuerkannt wurde. So knallt zwar vor Ort kein Sektkorken, aber es gibt auch keine gekrakelten Banderolen und keine wirre Suche nach dem Verlag des Preisträgers, wo womöglich noch niemand etwas weiß. Diesmal hängt bei Kiepenheuer ein ausgereiftes Plakat und steht eine reichhaltige Auswahl Le-Clézio-Titel bereit. Es sieht so aus, als sei er selbstverständlich einer der wichtigen Autoren des Verlags. Ist er ja nun auch.

M: Mario

Wir würden es nie wagen, "Mario" zu sagen. Aber die Zuhörerin hat ihn wohl einfach zu oft im Fernsehen gesehen. Mario Adorf redet druckreif über den großen Schauspieler Alexander Granach, dessen Erinnerungen er auf CD gesprochen hat. Später bekommt er kurz die Wut. Heute klinge es im Theater manchmal, als werde Textverständlichkeit mit dem Tode bestraft. Was für ein Original er ist, sieht man aber am besten, wenn er klein und allein durch die Halle läuft.

N: Nervensache

Neben die traditionell nervenden Aspekte einer gut besuchten Frankfurter Buchmesse (und eine Frankfurter Buchmesse ist immer gut besucht!) wie das trichterförmige Eintröpfeln in die Rolltreppe oder das prinzipielle Zustellen der Laufbänder, tritt vermehrt das Rollköfferchen. Es folgt seinem Herren wie ein Hund, kann aber nicht ausweichen. Der Herr sieht nicht, wie hinter ihm die Leute hüpfen und purzeln. Ein Rollköfferchen auf der Messe ist wie ein nicht abgeschnallter Wanderrucksack in der U-Bahn.

O: Optimismus

Hinsichtlich der deutsch-türkischen Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen rankt sich der Optimismus um das Bild vom Fenster: Es sei schon weit oder zumindest ein wenig offen, ein frischer Wind wehe hinein, die Aussicht sei nicht länger getrübt, mehr Licht falle ein und so weiter. Die Journalistin Baha Güngör sieht drei Punkte: Erstens Vielversprechendes, zweitens Vielfältiges, drittens Zukunftsträchtiges. Das Durchnummerieren von leicht verwechselbaren Aspekten trifft man hier und da auf der Messe.

P: Pessimismus

Nicht umsonst liegen Pessimismus und Optimismus nebeneinander: Während die Moderatorin den Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Armut belegt, belegt Ottmar Schreiner die Zunahme der Hartz-IV-Empfänger und der Armut. So kann es ewig gehen. Ayse Önal, Autorin eines Buches über Männer, die so genannte Ehrenmorde begangen haben ("Warum tötet ihr?"), erklärt: "Wir können das Problem nur nicht lösen, weil wir uns ihm nicht stellen." Ist das nun Grund zum Optimismus oder Pessimismus?

Q: Quinn

Im Übersetzer-Zentrum erzählt Gerhard Meier von den Herausforderungen bei der Übersetzung von Murat Uyurkulaks Roman "Zorn". Wie er für eine "Meeressprache" Wörter wie "Sakrele" und "Fahrelle" erfand. Sich aber entschloss, "Anthony Quinn" zu schreiben und nicht das türkische "Kuin" zu lassen. Während wir noch denken, schade eigentlich, sagt Meier: Wie man es als Übersetzer macht, macht man es falsch. Meier ist ein ruhiger Typ. Sein Dolmetscher ins Türkische wiederum gestikuliert in der Kabine, dass es eine Lust ist.

R: Rätsel

Warum werden bei der Buchmesse so große Fragen gestellt, die so einfach zu beantworten sind? "Brauchen wir noch Literatur?", fragen sich diesmal der Literaturkritiker Denis Scheck und die Schriftsteller Kiran Nagarkar und Alaa Al-Aswani und sagen: Ja. Ein Nein, das wäre was gewesen. Ein weiteres Rätsel ist der Auftritt einer Kinderschar, die in einer osteuropäischen Sprache und mit den dünnsten Stimmchen der Welt vermutlich einige Gedichte vorträgt. Ihre Zuschauer sind offenbar mit ihnen verwandt und haben Tränen in den Augen.

S: Sirin

Das Forum des Gastlandes ist ein Labyrinth mit Nischen für alte Bücher und moderne Fotos. Vor allem aber werden große Autoren auf großen Fotos präsentiert. Die versprochene Farbe entsteht durch bunte Regale und Podiumsgespräche. Diesmal geht es um türkische Literatur in Deutschland. Die Türkei, erfahren wir, sei auf die große Auswanderung nicht vorbereitet gewesen. Die Literatur habe als erste erfasst, dass hier eine zweite Heimat entstand und Sirin künftig um ihre Ostereier kämpfen würde.

T: T-Shirts

Besonders schick sind diesmal die T-Shirts mit der Aufschrift "Lesen fetzt und macht keinen Krach". Das ist wohl wahr. Markant auch das T-Shirt mit der Aufschrift "Ich will keinen Prospekt", eine Opposition nicht nur gegen 7373 Aussteller, sondern auch gegen alle übrigen Besucher, für deren anschwellenden Papierbesitz keine Tüte zu groß ist. Eine Gruppe hat sich "Der Frauenversteher" auf die Brust geschrieben. In der Mitte steht ein Frauenversteher, sieht fesch aus, redet und hört zwischendurch sogar zu.

U: Unheimlich

Wo viele Menschen sind, passiert immer Mehreres gleichzeitig. Ruth Klüger spricht im Zusammenhang mit ihrem Buch "unterwegs verloren" darüber, wie sie nicht mehr Zeugnis ablegen wollte von ihrem Überleben und sich darum die KZ-Nummer vom Arm entfernen ließ. Dutzende junge Leutchen mit der T-Shirt-Aufschrift "Willkommen im Leben. Gewinner" stehen daneben. Das ist unheimlich. Der "Willkommen im Leben. Gewinner"-Aufschrift werden Sie in diesem Jahr allerdings kaum entgehen können.

V: Varlik

Chefredakteure verschiedener türkischer Literaturzeitschriften berichten. Es geht um zu wenig Geld, zu schlechten Vertrieb und zu niedrige Leserzahlen. Insgesamt 200 Literaturzeitschriften soll es in der Türkei geben. 40 schließen im Jahr, 40 werden eröffnet. Die Chefredakteure brauchen vor allem viel Zeit dazu aufzuzählen, wie viele sie selbst schon gegründet und wieder zugemacht haben. Respektvoll wird der Name Varlik genannt. Das ist die traditionsreichste türkische Literaturzeitschrift.1210 Nummern!

W: Walser

Martin Walser ist bei der Mohammed Bin Rashid Al Maktoum Foundation zu Gast, wo er und die arabische Übersetzung von "Ein liebender Mann" fürsorglich belagert werden. Ein junger Mann meint, wer über Liebe schreibe, habe doch meist selbst Erfahrung damit. Wie das bei ihm sei? Manche Fragen beantworten sich von selbst, sagt Walser freundlich. Ob Ost und West sich näher kommen werden, will ein anderer wissen. Da müsse er sich in Delphi erkundigen, rät Walser. Alle lachen vergnügt, noch bevor die Übersetzerin übersetzt.

X: ReXenor

In Martin Müllers "Personenlexikon" zu Gottfried Kellers Leben und Werk (Chronos Verlag) ist beim Zufallsaufschlagen zu erfahren, dass Dortchen Schönfund im "Grünen Heinrich" auf Rexenor, Sohn der Arete, anspielt. Fabelhaft, wie Müllers Buch Leben innerhalb und außerhalb des Romans vermengt. Großartige Titel lauern auf der Buchmesse an jeder Ecke. Noch besser wäre es, wenn sie auch in Buchhandlungen bereitlägen. Anderswo murmelt Kleinverleger F.: Die Buchhandlungen machen uns fertig.

Y: Yvonne

Yvonne - so nennen wir aus gegebenem Anlass eine junge Frau im besten Azubi-Alter - sitzt lethargisch am Boden und lehnt sich an eine mit Büchern bemalte Wand. Ihre Begleiterinnen reden freundschaftlich auf sie ein. "Die Hitze, die Leute. Ich muss raus hier", sagt Yvonne. Im späteren Verlauf des Abends riecht der Yogi-Tee (siehe A) verlockend, ist geschmacklich aber ebenfalls ernüchternd. Keine Ernüchterung indes kann so groß sein, bei nächster Gelegenheit nicht wieder zur Buchmesse zu fahren. Sonderbar.

Z: Zettelwirtschaft

Auf der Buchmesse kann man aber auch die am besten durchgearbeitete Bismarck-Ausgabe aller Zeiten betrachten. Dutzende gelbe selbstklebende Zettel stecken in ihr, beschriftet mit sicher sinnvollen Stichworten. Es mag schon sein, dass auf der Buchmesse keiner zum Lesen kommt. Aber die, die hier beruflich zu tun haben, sind gut vorbereitet. Auf ihren Zetteln stehen ausgetüftelte Fragen, und auf der Schauseite ist das Logo ihres Auftragsgebers zu sehen, in einem Falle aber auch ein lustiges Strichmännchen.

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