Vor allem Nuss-Schnaps!

  • vonChristoph Schröder
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Juri Andruchowytsch, der ukrainische Schelm, erzählt in seinem Roman "Zwölf Ringe" eine postmoderne Groteske in den Karpaten

In der gefühlten Entfernung ist die Ukraine mehr als nur drei Flugstunden entfernt. Zwischen ihr und uns liegen unter anderem: Der Kalte Krieg, die Angst vor der ehemaligen Sowjetunion, die Unübersichtlichkeit der postkommunistischen Unordnung und auch die Karpaten, ein Synonym für das Fremde, das Unheimliche. Die Ukraine, das ist das fremde Territorium. Und Das letzte Territorium.

In seinem gleichnamigen Essayband aus dem Jahr 2003 hat uns der Schriftsteller Juri Andruchowytsch sowohl auf das vorbereitet, was er später in Romanform fortführen sollte, als auch auf einige Fakten aufmerksam gemacht:

"Obwohl das geographische Zentrum Europas in den Karpaten liegt", heißt es in dem Text "Carpathologia Cosmophilica", "nur etwa hundert Kilometer von Stanislau entfernt, war diese Struktur im europäischen Bewusstsein immer eine Grenze, ein Randgebiet, Peripherie verschiedener Imperien, eine Peripherie der Kulturen und der Zivilisation."

Im Zentrum dieser Peripherie, die also eigentlich selbst wiederum das Zentrum ist, in den Karpaten, hat Andruchowytsch ein Gebäude ausgemacht, "Bauwerk und Traumwerk zugleich", ein "Bruchstück jenes mythischen Lemberger-Warschauer-Wiener-Pariser Vektors": Ein ehemaliges Observatorium, heute überflüssig geworden, aufgegeben, dem Verfall überlassen.

Dort, für die Fiktion gründlich renoviert, lässt er sie alle zusammenkommen, seine seltsamen Figuren, im "Wirtshaus "Auf dem Mond" (genau so geschrieben), dem früheren Observatorium und späteren kommunistischem Sportinternat - in dem niemals so richtig Sport getrieben wurde, dafür aber ganz andere Dinge. Zwölf Ringe, das ist eine postmoderne Karpatengroteske, ein postsozialistischer Heimatroman mit surrealer Note. Es ist absurd und komisch, bizarr und unglaublich, verworren und verwirrend, was hier geschieht.

Die von der Sowjetunion missbrauchte Huzulen-Folklore

Juri Andruchowytsch zündet ein Feuerwerk von Ideen, Ansätzen, Schreibweisen und Perspektiven. Das Ergebnis ist ein in jedem Fall ungewöhnliches Leseerlebnis. Folgendes wird uns aufgetischt: Die von der Sowjetunion missbrauchte Huzulen-Folklore (der vom Autor selbst erstellte Anmerkungsapparat des Romans definiert die Huzulen als "Indianer Europas", zumindest aber als "die farbenprächtigste Volksgruppe in der Ukraine"; wer die im Buch erwähnte Sängerin Ruslana, Siegerin des European Song Contest 2004, vor Augen hat, weiß, wie pervertierte Tradition aussieht), sämtliche Klischees vom von mafiösen Strukturen kontrollierten Osten, eine ganze Menge Schnaps, Nuss-Schnaps vor allem, der 1937 in Lemberg jung verstorbene Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch, der als allgegenwärtiges Gespenst in Zitaten durch den Text irrlichtert, ihn grundiert und strukturiert und dessen (wiederum stark stilisierten) Leben Zwölf Ringe ein eigenes, recht überflüssiges und viel zu langes Kapitel widmet, sämtliche moderne und archaische Mythen, von den Waldgeistern bis zu den Skispringern.

"Ich lebe", so schrieb Andruchowytsch in einem Aufsatz, "in einer ewig beargwöhnten und benachteiligten Weltgegend. Sie heißt Galizien. Vielleicht bleibt mir deshalb gar nichts anderes übrig als mich als Vertreter der Postmoderne auszugeben." Die historische Kontingenz dieser Landschaft nutzt Andruchowytsch, um ihr quasi eine neue Geschichte zuzuschreiben. Alles ist in gewisser Weise determiniert und doch fiktional unerforscht. Juri Andruchowytsch knüpft den Flickenteppich von Erzählmustern einfach weiter.

Es beginnt mit Zitaten aus Briefen des Fotografen Karl-Joseph Zumbrunnen, einem Österreicher mit galizischen Vorfahren, der, fasziniert von der Atmosphäre des Umbruchs, seit Beginn der Neunzigerjahre immer wieder in die Ukraine reist. Er wird schnell zum "bekannten Wiener Fotografen", seine Fotoausstellung wandert durch das Land, und Zumbrunnen beginnt eine Affäre mit der Dolmetscherin Pani Roma Woronytsch. Zumbrunnen und Pani Roma gehören zu jener merkwürdigen Gesellschaft, die eines Tages, zunächst aus der Vogelperspektive betrachtet, danach immer stärker fokussiert, mit zweistündiger Verspätung an einer kleinen Bahnstation in den Karpaten ankommen. Dort steigen sie in einen Hubschrauber und werden auf den "Mond" geflogen.

Im Hubschrauber befinden sich, neben Zumbrunnen und Pani Roma: Artur Pepa, stark trinkender Schriftsteller aus Lemberg und Panis Ehemann; seine achtzehnjährige Stieftochter Kolomeja, bekleidet mit einem sehr kurzen Rock; Lili und Marlen, zwei "Girls" (wahlweise "Puppen", "Bräute", "Pop-Sternchen", "Nutten" oder "Fachschulstudentinnen") mit schlecht gefärbten Haaren; Jartschyk Magierski, Clipproduzent und Teledesigner; schließlich ein korpulenter, feiner Herr, der einfach nur Professor Doktor heißt und als ausgewiesener Antonytsch-Spezialist gilt. Und natürlich ist Antonytsch selbst auch dabei, unsichtbar zwar, aber allgegenwärtig, ein untoter Dichter, und das mitten in den Karpaten.

Wer zunächst nicht auftaucht, ist der Initiator dieses kuriosen Zusammentreffens - Ilko Ilkowytsch Warzabytsch, mächtiger Mann im Hintergrund, einer, der im Hintergrund die Fäden zieht und mit allem handelt, was Geld bringt. Einer jener osteuropäischen Oligarchen, die - noch so ein westliches Klischee? - in Wahrheit die Geschicke der ehemals sowjetischen, nun unabhängigen Republiken leiten.

Für ihn soll Magierski einen Werbespot drehen. Und dann geht's los. Von dem Auftrag ist, ehrlich gesagt, bald nicht mehr allzu häufig die Rede außer in Form von Drehbuchentwürfen eines Trailers für "Warzabytsch's Balsam", die an Überdrehtheit schwer zu überbieten sind. Stattdessen doziert der Professor, versucht Zumbrunnen Pani Roma zu überreden, ihren Mann zu verlassen, der wiederum hat Tagträume von geradezu bestechender Drastik und Komik, während Kolomeja beginnt, die Liebe zu entdecken. Und das ist bei weitem nicht alles.

Die Ukraine - ein magischer Ort des westlichen Bewusstseins

Dem Erzähler, der sich als übergeordnete Instanz immer wieder einschaltet (und manchmal nervt), fällt ständig etwas Neues ein, ein Wortspiel, eine Assoziation, eine Abschweifung. Diesen Überschuss an Ideen, an genuin literarischer Fantasie, zusammenzubringen oder gar zu ordnen, gelingt Andruchowytsch nicht immer. Das macht die Faszination des Romans aus - dass alles erlaubt ist und der Autor sich tatsächlich auch alles erlaubt.

Ungeheuer viel wird hier gewagt, aber nicht alles gewonnen, in den starken Passagen, zumeist dann, wenn es um die Figuren geht und um die Landschaft, um das Erfinden skurriler Situationen und Konstellationen, ist Zwölf Ringe ein atemberaubend guter (und im Übrigen ausgezeichnet übersetzter) Text, kraftvoll, sprachmächtig, assoziationsreich.

Wenn Andruchowytsch seinen Helden am Morgen des ersten Tages auf Erkundungstour rund um das Observatorium schickt, verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit, Geografie und Historie: "Von Fliegen bedeckte riesige Pfützen, umgestürzte Bäume, zackige, steinhart gewordene Spurrillen von Raupenfahrzeugen (wurde hier im letzten Sommer etwa noch gearbeitet?), dann der liegengebliebene Traktor selbst, ohne Hoffnung auf Heimkehr - wenn der im Sommer mit Gras, Lianen, Blumen zuwachsen würde, käme ein brauchbares Foto für eine Kitschpostkarte heraus! - dann taucht irgendwoher Stacheldraht auf, Überreste von Pfählen, bemooste Schranken, Schilder aus Sperrholz mit warnenden Verbotssymbolen, aber nur wir, Sie und ich, nicht jedoch irgend so ein Fotografen-Spion, dürfen die aufgelassenen Raketenschächte in der Nähe erahnen, die nach Pilzen, Urin und völliger Geheimhaltung riechenden Krater, aufgerissenen Schaltpulte und auf dem Grund zerschellten Bierflaschen." In dieser Verdichtung liest man so etwas nicht oft. Einerseits.

Andererseits lässt Andruchowytsch gerade im zweiten Teil seine Charaktere am langen Arm der Zwangsoriginalität verhungern. In diesem Funkenregen an Einfällen geht die Tatsache ein wenig unter, dass manche Erzählfäden einfach unverknüpft hängen bleiben. Stattdessen läuft Zumbrunnen nach einem Saufgelage und einem Streit mit seiner Geliebten einfach in den Wald. "Dies ist die Nacht, in der ich in der Ukraine am Schnaps sterben werde", denkt er sich noch, als er sich mit Artur Pepa auf einen ungleichen Wettkampf einlässt. Zumbrunnen wird Recht behalten mit dieser Ahnung, wenn auch auf andere Weise als er es zuvor befürchtet hat.

Als es dann soweit ist, setzt Zumbrunnen an zu seinem Nachtflug nach Westeuropa. Er wird dort so nachhaltig und endgültig ankommen, wie auch Andruchowytsch die Ukraine als magischen, schauerlichen, schönen Ort in unser westlich zentriertes Bewusstsein einschreibt. Und zwar mit solcher Wucht, dass wir sie nicht so schnell wieder loswerden.

Juri Andruchowytsch: "Zwölf Ringe."Roman. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, 306 Seiten, 22,90 Euro.

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