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Allem kann er widerstehen, nur der Versuchung nicht

Die Kunst der Lüge und die Witzfigur des Leids: Eine Oscar-Wilde-Lesung auf der Mainzer Studiobühne TIC

Von Jamal Tuschick

Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. In der Person und dem Werk Oscar Wildes fand das viktorianische Zeitalter einen Antipoden. Wilde ordnete den Erdkreis nach Kategorien seines Schönheitssinns. Er dehnte die theatralischen Begriffe seiner Zeit und schuf mit seiner extremen Interpretation des Dandys auch eine Kunstfigur, die im Theater des Londoner Gesellschaftslebens vor 1900 Furore machte.

Der gebürtige Ire sah sich in Opposition zu den Geistlosigkeiten einer Epoche, die England zum Zentrum der Welt bestimmt hatte. Wie es sich für ein Genie gehört, scheiterte er gründlich, kam ins Zuchthaus und endete kläglich in Paris. Ein Anlass, sich an diese zur schillernden Existenzform erhobenen Farce wieder einmal zu erinnern, bot eine Wilde-Revue im TIC, der Nebenstelle des Mainzer Staatstheaters. Unter der Überschrift Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht lasen Helga Bender, Margit Schulte-Tigges, Martin Baum und Andreas Herrmann aus dem Oeuvre eines Schriftstellers, dessen Name zum Synonym für einen Stil wurde: l'art pour l'art - die Kunst um der Kunst willen. Hier lautete das Credo: Das Leben ahmt die Kunst nach. Also greift auch die Literatur dem Leben vor. Es brauchte die Ernüchterungen des avancierten Maschinenzeitalters und die Deklassierung Europas, um das nicht mehr für möglich zu halten.

Insoweit spiegelt Wildes Werk auch die Hybris einer Ära, in der außerhalb Londons alles Peripherie war. Der Autor des Dorian Gray reüssierte in der Kapitale mit Merksätzen über die Kunst der Lüge, die Vorzüge sozialer Maskierungen, kurz, über eine Kultur des Scheins. In Mainz, auch einer Hauptstadt, hatte sich Martin Baum einen monumentalen Sprecherpart gesichert. Er las nicht fehlerfrei, das ist bei einem Schauspieler ungewöhnlich. Seine Dominanz stellte den Makel auf ein Podest und reduzierte so die Beiträge seiner Kollegen, die ganz im Dienst der Sache agierten.

Wilde erkannte das Verfallsstadium der individuellen Moral am Zustand der Kleidung. Er wird selbst kein schönes Bild abgegeben haben, während er in Paris bis zum Schnorrer abstieg. Gleichwohl war er auch da noch zu einer berückenden Prosa fähig. In Briefen kam sie auf die Nachwelt. Daraus wurde auch vorgelesen. So erfuhr man, dass Wilde an seiner eigenen Tragödie alles schäbig fand. Er hielt sich zuletzt für "eine Witzfigur des Leids". Tatsächlich war er das Opfer einer heuchlerischen Moral, die reglementierend wirkte in einem System, dem er sich als Paradiesvogel selbst zum Fraß vorgeworfen hatte. Das geschah, obwohl er wusste: "Das Publikum verzeiht alles, nur nicht Genie."

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