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Wegen der spärlichen Regenfälle in den Jahren 1999 bis 2002 trockneten im indischen Bhopal 24 Quadratkilometer des großen Sees aus.
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Wegen der spärlichen Regenfälle in den Jahren 1999 bis 2002 trockneten im indischen Bhopal 24 Quadratkilometer des großen Sees aus.

Alle reden vom Wetter

Wie das Versagen des traditionellen Katastrophenmanagements die " Dritte Welt" einläutete: Der amerikanische Stadtsoziologe Mike Davis schreibt eine politische Ökologie des Hungers

Von GOTTFRIED OY

Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa 50 Millionen Menschen während drei globaler Dürreperioden starben: Indien, China, Java, die Philippinen, Neukaledonien, Korea, Brasilien, Ägypten, der Maghreb und das südliche Afrika wurden nahezu gleichzeitig von einer Hungerwelle und ihr folgenden Malaria-, Pest-, Ruhr-, Pocken- und Choleraepidemien unvorstellbaren Ausmaßes heimgesucht. Die Meteorologie fasst die diesen gigantischen Naturkatastrophen des Viktorianischen Zeitalters zugrunde liegenden Klimaschwankungen in einem einheitlichen, weltweiten Wetterphänomen zusammen: Die Bezeichnung ENSO (El Nino/Southern Oscillation) steht dabei für die Oszillation von Luftmassen und Meerestemperatur im Pazifikbecken. Schwankungen in diesem komplexen Verhältnis führen zu radikalen klimatischen Verschiebungen wie etwa dem Ausbleiben des Monsunregens.

Wirtschaftshistoriker gleich welcher Couleur haben dieser naturwissenschaftlichen Erklärung des Massenexodus im 19. Jahrhundert in der Regel nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht den Hinweis darauf, dass die beginnende Industrialisierung sicher mehr Menschenleben hätte retten können, wenn sie zum damaligen Zeitpunkt schon weiter fortgeschritten gewesen wäre. Dieser üblichen Einschätzung stellt sich Mike Davis diametral entgegen: Nicht mangelnder Fortschritt, sondern die Zerstörung traditioneller Formen des Katastrophenschutzes und der ökologischen Vorsorge im Namen des Fortschritts sei schuld am unvorstellbaren Ausmaß der Hungersnöte während der Regentschaft der britischen Königin Victoria.

Sicherlich, die mörderische Rolle von Ausbeutung und Kolonialismus wird seit Karl Marx angeprangert, es gebe, so Davis, aber "zwingende Gründe, sich nochmals mit dieser geheimen Geschichte zu beschäftigen": Warum etwa nahm der Hunger in Südamerika, Afrika und Asien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu, während in Europa kaum mehr gehungert wurde? Warum wirkten sich der moderne Getreidehandel und die Errichtung globaler Transportwege nicht - wie gemeinhin behauptet - hungerlindernd aus? Und schließlich: Warum waren die Regierungen der betroffenen Länder nach vielen Jahrhunderten aktiven Katastrophenschutzes nicht mehr dazu in der Lage, für ihre Bevölkerungen zu sorgen?

Davis konzentriert sich in seiner Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts zunächst auf die ökologischen Aspekte und spricht vom exzessiven Raubbau an Mensch und Natur in den Ländern der entstehenden Peripherie, dem eine bis heute andauernde "ökologische Armut" folgen sollte. Er definiert diese als "der verweigerte oder verlorene Zugang zu den natürlichen Grundlagen der traditionellen Landwirtschaft". Eine damit zusammenhängende wachsende Verarmung der Privat- und schließlich auch der Staatshaushalte, die sich bislang um Nahrungsmittelsicherheit in Zeiten extremer klimatischer Verhältnisse und um ökologische Belange wie Bewässerung, Hochwasserkontrolle und Erosionsschutz kümmerten, führte zur Entstehung der Dritten Welt und ihrer bis heute andauernden Anfälligkeit gegenüber extremen Klimaschwankungen.

Fehlentscheidungen am Vorabend der Katastrophe führten dazu, dass der Großteil der Bevölkerung völlig unvorbereitet den Missernten der folgenden Jahre gegenüberstand: So stellte man in Indien von der ökologisch sinnvollen Brunnenbewässerung auf die von englischen Ingenieuren propagierte, erosionsfördernde Kanalbewässerung um, begann mit der Enteignung von Gemeindeland und hielt gleichzeitig stur an der astronomisch hohen Steuerlast der Bauern fest. Davis zitiert zeithistorische Quellen, in denen davon die Rede ist, dass den "ledernen Gesetzen" indischer Herrscher die "eisernen Gesetze" der Engländer folgten: Während es noch im 18. Jahrhundert in Zeiten der Nahrungsmittelknappheit großzügige Steuererlasse gab, kannten die englischen Kolonialherren eine solche flexible Anwendung ihrer wirtschaftspolitischen Regeln nicht.

Kostenintensiv angebaute Baumwolle und Exportweizen verließ somit genau zu dem Zeitpunkt zu Dumpingpreisen das Land per Eisenbahn, zu dem an den Bahnstrecken die Bauern und ihre Familien verhungerten. Dies war insofern für die ehemals starken asiatischen Ökonomien eine völlig neue Erfahrung, da sich gerade sie durch ein komplexes System der Vorratshaltung und Nahrungsmittelsicherheit auszeichneten - schließlich mussten historisch gesehen fast regelmäßig Dürrejahre überbrückt werden.

Opium, Kriege, Zölle

Die Etablierung der modernen Weltwirtschaft unter englischer Regie hatte insbesondere für China und Indien eine radikale ökonomische Verschlechterung zur Folge: Im 18. Jahrhundert noch waren Arbeiter in Indien rechtlich und wirtschaftlich deutlich besser gestellt als in Britannien. Für Davis ist deshalb die entscheidende Frage, warum sich gerade die sehr erfolgreichen asiatischen Ökonomien nicht an die neuen Wettbewerbs- und Produktionsbedingungen anpassen konnten. Die Antwort scheint banal: "Die indischen und chinesischen Webereien wurden nicht vorrangig über die Konkurrenz vom Markt gedrängt, sondern wurden durch Kriege, Eroberungen, Opium und die einseitigen Zölle in den Ruin getrieben."

Weithin bekannten Imperialismusanalysen hat Davis an diesem Punkt nicht viel Neues hinzuzufügen, in Zeiten neoliberaler Markteuphorie kann aber sicherlich nicht oft genug auf die Rolle von Gewalt bei der ursprünglichen Akkumulation, der Etablierung der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Märkte, hingewiesen werden. In zahlreichen Einzelstudien zeichnet er zudem die strukturellen Anpassungskosten an das neue Regime nach und zeigt auf, wie diese von Europa und Nordamerika auf die Bauern der "frisch geprägten Peripherien" übertragen wurden.

Er fördert dabei - wenn auch das große Ganze bekannt scheint - immer wieder interessante Details zutage: der Anbau von Exportgütern wie Indigo, der sich gegen den Willen der Bauern nur mit paramilitärischer Gewalt durchsetzen ließ, die Kriminalisierung der Nomaden, die ökologische Misswirtschaft im Vorfeld der großen Sintflut am Gelben Fluss in China 1855 oder einfach nur die üblichen Fälle von Korruption lokaler Verwalter der Empire-Kolonien.

Revival der Imperialismustheorien

Eigentlich unvorstellbar, dass so ein "unzeitgemäßes" Buch noch geschrieben werden musste - und seit der Auszeichnung mit dem World History Association Book Award zumindest in den USA, aber auch in Frankreich und Italien eine rege Debatte auslöste. Doch auch wenn die Anklage des Imperialismus sicher nicht neu ist, besticht Davis' Analyse doch durch seine analytische Schärfe in Tradition der Kritik der politischen Ökonomie sowie den Detailreichtum der zahlreichen Länderstudien. Der von ihm so genannten moralischen Anklage etwa durch eine bewusst schockierende Bebilderung mit zeithistorischen Fotos oder durch die Verwendung des Begriffes Holocaust, den die Übersetzer sensibel durch Massenvernichtung ersetzt haben, hätte es angesichts der Schlüssigkeit seiner Argumentation gar nicht bedurft.

Kritikwürdig hingegen ist sein romantisierender Bezug auf die traditionelle Subsistenzwirtschaft. Zwar brachte der so genannte Fortschritt erst den Hunger nach Indien, China, Brasilien und in all die anderen Länder, die noch vor 300 Jahren über funktionierende, eigenständige Wirtschaftssysteme verfügten. Einen Weg zurück hinter die globale Weltwirtschaft gibt es jedoch nicht. Dem Buch ist letztlich zugute zu halten, dass kein Resümee, keine vorschnelle Übertragung auf heutige Verhältnisse die Differenziertheit der wirtschaftshistorischen Analyse zunichte macht. Somit hat sich Davis elegant des Problems entledigt, von Globalisierungsgegnern auf Rezepte zur Wiedererrichtung regionaler Selbstversorgungsökonomien angesprochen zu werden - sicherlich wird er sich dazu jedoch früher oder später äußern müssen.

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