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1992: Koreanisch-amerikanische Frauen fordern Schutz

Kriminalroman

„Brandsätze“ von Steph Cha: Alle müssen bezahlen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Steph Chas Roman „Brandsätze“ erzählt von einem wahren Fall und von den Traumata, die der Rassismus hinterlässt.

Der Roman „Brandsätze“ von Steph Cha hat als Ausgangspunkt einen Vorfall vom 16. März 1991: Da erschoss in Los Angeles die koreanischstämmige Ladenbesitzerin Soon Ja Du nach einer Auseinandersetzung die 15-jährige Afroamerikanerin Latasha Harlins, die sie für eine Ladendiebin hielt. Sie schoss dem Mädchen in den Hinterkopf, aber die Richterin blieb mild: Koreanische Ladenbesitzer waren in Los Angeles häufiger überfallen worden. Man billigte Soon Ja Du also eine gewisse Notwehr zu, sie wurde zu Bewährung, 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit, einer Zahlung von 500 Dollar verurteilt.

Am 3. März 1991 bereits war ebenfalls in Los Angeles Rodney King von vier Polizisten zusammengeschlagen worden. Jemand hatte das gefilmt, trotzdem wurden die Polizisten freigesprochen.

Beide Urteile, als zutiefst ungerecht empfunden, führten Ende April 1992 zu den LA Riots, bei denen 53 Menschen ums Leben kamen (nicht wenige durch Schüsse der Polizei). Wütende Afroamerikaner griffen vor allem Koreatown an und setzten Geschäfte in Brand. Die Polizei tat nicht eben viel, um die Ladenbesitzer zu schützen.

Die 1986 geborene Steph Cha versetzt sich in „Brandsätze“ in zwei (weitgehend fiktive) Familien, die von den weißen US-Amerikanern nach Kräften diskriminiert werden, außerdem selbst nicht frei sind von Vorurteilen gegen die jeweils anderen. „Your House Will Pay“, dein Haus wird bezahlen, heißt der Roman im 2019 erschienenen Original – es sind beide Familien, die bei Steph Cha nach dem Auge-um-Auge-Prinzip teuer bezahlen müssen.

Steph Chas Soon Ja Du beginnt nach dem Gerichtsverfahren unter dem Namen Yvonne Park ein neues Leben, hat zwei Töchter, Miriam und Grace, und arbeitet in einer Apotheke. Ihre Latasha Harlins heißt Ava Holloway und ist schon viele Jahre begraben, als Yvonne Park 2019 vor der Apotheke niedergeschossen wird. Steph Cha erzählt zum einen aus der Perspektive Graces, die erst 2019 erfährt, was ihre Mutter einst getan hat. Zum anderen aus der Shawn Holloways, Avas jüngerem Bruder, der 1991 Zeuge war. Ihr älterer Bruder, Ray, kommt gerade erst wieder aus dem Gefängnis.

Steph Cha, selbst mit koreanischen Wurzeln, erzählt von einer Polizeigewalt gegen schwarze Menschen, die längst vor dem Fall Rodney King begonnen, die in all den Jahrzehnten nicht abgenommen hat. Shawn Holloway ist nach Gangkarriere und Gefängnis Möbelpacker geworden, kümmerte sich um die Kinder seines Bruders, während der zehn Jahre einsaß. Und weiß, als dieser nun erneut verhaftet wird, dass die Polizei sich keine Mühe geben wird, nach einem anderen Täter zu suchen.

Die Holloways, aber mehr noch die Parks wollten ihre Traumata vergessen. Denn hat man nicht Probleme genug, die einen schon deswegen, weil sie Schwarze sind, die anderen, weil auch sie nicht wirklich angekommen sind in Amerika. Miriam Park hat einen weißen Freund, es wird von ihren Eltern als eine Art Auszeichnung empfunden.

Einzelne Formulierungen des Romans sind etwas abgegriffen und klischeehaft, die Übersetzung mag ihren Teil daran haben. Aber er ist komplex, durchdacht, die Familiengeschichten geschickt verzahnt. Und obwohl vor den jüngsten Black-Lives-Matter-Protesten entstanden, macht er Frustration und Wut vor allem der Afroamerikaner plastisch, aktuell, nachvollziehbar.

Latasha Harlins hatte zwei Dollar in der Hand, als sie im kleinen Laden Soon Ja Dus starb.

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