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Alle haben einen Knacks

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Patrick Ness, hier vor der Verleihung der Costa Book Awards 2010.
Patrick Ness, hier vor der Verleihung der Costa Book Awards 2010. © REUTERS

„Das Morgen ist immer schon jetzt“: Das neue Jugendbuch von Patrick Ness geht den Dingen auf den Grund und ist ein Begleiter durch die Stürme der Adoleszenz.

Von Cornelia Geissler

Dass Patrick Ness ein ungewöhnlicher Autor ist, weiß man nicht erst, seit er vor zwei Jahren das Kinder- und Jugendprogramm des Internationalen Literaturfestivals Berlin eröffnete. Die Rede des US-Amerikaners zeigte auch denen, die ihn noch nicht kannten, für wie existenziell er Literatur empfindet. Ein Buch kann ein Leben verändern. Mit diesem Anspruch und Wissen schreibt Ness.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“, sein bekanntestes Kinderbuch, in dem ein Junge angesichts des Todeskampfs seiner Mutter selbst zum Kämpfer wird, kommt Ende des Jahres ins Kino. Sein neuestes Werk, „Das Morgen ist immer schon jetzt“, richtet sich an Jugendliche. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Freunden kurz vor dem Schulabschluss. Es ist klar, dass ihre gemeinsame Zeit bald endet, sie Elternhaus und Stadt verlassen.

Mike, der Erzähler, ist in Henna verliebt, weiß aber nicht, ob er die Freundschaft zu ihr aufs Spiel setzt, wenn er ihr seine Gefühle gesteht. Am schlimmsten Tag seines Lebens hätte er fast seine Schwester Mel verloren. Nun ist sie mit ihm in einer Klasse, wurde zurückgestuft, weil sie so oft gefehlt hatte.

Auch Henna weiß, wie sich Verlust anfühlt, ihr Bruder ist seit Jahren verschwunden. Jared ist schwul, hat deshalb Sorgen, von denen sich Mike keinen Begriff macht. Dann taucht noch Nathan auf, der mit seiner Mutter schon x-mal umgezogen ist.

Von Hennas streng gläubigen Eltern erfahren wir nebenbei. Und von Jareds Vater, einem alleinerziehenden Lokalpolitiker; seine Konkurrentin ist die Mutter von Mike und Mel. Hinzu kommen Gerüchte über Selbstmorde von Jugendlichen. Und die Angst vor Anschlägen. „Jeder hat mit etwas zu kämpfen“, sagt Henna zu Mike.

Sie sind an der Schwelle

Die Freunde sind an der Schwelle zum Erwachsensein, und da ist jeder Schritt mit Bedeutung aufgeladen, auch die ganz normalen Probleme. Patrick Ness packt das in einen schillernden Roman mit fantastischen Elementen. Es treten Fabelwesen und Götterverwandte auf, mit einer Selbstverständlichkeit, als gehörten sie zum Alltag. Sie stehen als Metaphern für Verlockungen und Ängste.

Zeitweilig spricht der Erzähler den Leser direkt an, der könne ihm „nicht vorschreiben, was ich für echt halte und was nicht.“ Dieser Mike bringt sich manchmal mit Zwangshandlungen wie ständigem Händewaschen in eine Schleife, die er schwer lösen kann.

„Angst ist also so etwas wie ein Tumor der Gefühle“, fragt er die Psychologin, als er sich durchringt, Rat von außen zu suchen. Doch sie fragt ihn abgeklärt: „Haben wir nicht alle einen Knacks?“

Ness lässt seine Figuren Dinge tun, vor denen der Leser sie gern bewahren würde, für die sie selbst sich manchmal schämen. Er gibt dem Roman einen rätselhaften Untertext um sogenannte Indie-Kids, der wie Inhaltsangaben unter den Kapitelüberschriften steht, dann aber nie ausformuliert wird. Das wirkt wie ein Gruß an die Fantasy-Gemeinde, die vor Jahren noch von Vampiren las.

Mike hat seine Ängste und seine Sehnsucht, in der Gruppe wichtig zu sein, er hat seine ehrgeizige Mutter, die labile große Schwester, eine kleine Schwester, die er beschützen möchte, und einen Vater, der trinkt. Und er hat dieses Buch, in dem er erzählt und seine diffusen Gefühle und Gedanken sortiert.

Was kann einem jungen Leser Besseres passieren, als auf einen Autor wie Patrick Ness zu stoßen, der einen dermaßen tief zu berühren versteht, weil er mit jeder Frage bis zum Grund bohrt? Die Zukunft kommt für alle, egal ob man seine Probleme zu lösen versucht oder vor ihnen wegrennt. Dieses Buch ist ein Begleiter durch die Stürme der Adoleszenz.

Patrick Ness: Das Morgen ist immer schon jetzt. A. d. Engl. von Petra Koob-Pawis. Cbj, München 2016. 320 S., 16,99 Euro.

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