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Alle Arbeitsplätze gehen nach Berlin

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Suhrkamp in der Frankfurter Lindenstraße - noch. Demnächst gehts nach Berlin.
Suhrkamp in der Frankfurter Lindenstraße - noch. Demnächst gehts nach Berlin. © Boeckheler

Nach zähen Verhandlungen haben sich Verlags-Geschäftsführung und Betriebsrat auf einen millionenteuren Sozialplan geeinigt. Beim Umzug schrumpft der Verlag um ein Drittel. Von C.-J. Göpfert

Wer Wolfgang Schneider nach der Atmosphäre im Traditionshaus an der Lindenstraße im Frankfurter Westend fragt, hört erst einmal einen Stoßseufzer als Antwort. "Es ist extrem schwierig", fügt der Betriebsratsvorsitzende des Suhrkamp Verlages hinzu, "viele halten sich bedeckt". Noch bis eine Woche nach Ostern bleibt 160 Beschäftigten Zeit, um sich zu entscheiden: Ziehen sie mit dem Unternehmen nach Berlin um - oder melden sie sich arbeitslos in Frankfurt?

Gerade haben Geschäftsführung und Betriebsrat ein beispielloses Millionen-Paket unterzeichnet - den Sozialplan. Dieses Papier zerschlägt die letzten Hoffnungen, Frankfurt werde nach 60 Jahren noch eine nennenswerte Dependance von Suhrkamp behalten. "Das ist zerstoben - in Frankfurt bleibt nichts", sagt Schneider. Kein einziger Arbeitsplatz.

Das bestätigt auch Verlagssprecherin Tanja Postischil: "Es sieht nicht so aus, dass etwas in Frankfurt bleibt." Einzig die alte Villa des früheren Verlegers Siegfried Unseld werde wohl während der Frankfurter Buchmesse allherbstlich für einen Empfang genutzt. Wie immer schon.

Die langjährig Beschäftigte wollen nicht weg aus Frankfurt

Schneider schätzt, dass ein Drittel der Mitarbeiter nicht nach Berlin wechselt - "vielleicht noch mehr". Viele Gründe hindern gerade langjährig Beschäftigte: Da gibt es das kleine Haus am Stadtrand oder die alten Eltern, die der Betreuung bedürfen. Alle 160 Mitarbeiter haben zum 31. März die Kündigung bekommen. Wer will und kann, darf nach Ostern einen neuen Vertrag unterschreiben - für einen Arbeitsplatz in Berlin.

Wer nicht mitgeht in die Bundeshauptstadt, erhält eine Abfindung, gestaffelt nach Alter und Betriebszugehörigkeit - so der Sozialplan. Und muss sich gleichzeitig arbeitslos melden. Der Verlag wird also schrumpfen. Für alle, die nach Berlin wechseln, macht die Verlagsleitung teure Versprechen. "Die Kosten gehen in die Millionen", so Schneider. Suhrkamp bezahlt jedem den Umzug. Suhrkamp bezahlt auch das Pendeln zwischen Frankfurt und Berlin. "Zumindest bis zum Juni 2010, für eine Übergangszeit", so Postischil. Die landeseigene "Berlin Partner GmbH" ist bei der Wohnungssuche in der Hauptstadt behilflich. Oder bei der Vermittlung einer Schule oder eines Platzes in der Kindertagesstätte. Der Betriebsrat wertet diese Regelungen als großen Erfolg.

Die offizielle Formel für all das lautet: "Das Land Berlin fördert den Umzug." Mit welchen Summen? Schulterzucken beim Betriebsratsvorsitzenden. "Das ist unklar." Klar sind nur die Quellen dieser Förderung: "Der Länderfinanzausgleich und Geld der Europäischen Union für das strukturschwache Gebiet Berlin." Offizieller Umzugstermin bleibt, so die Verlagssprecherin, der 1. Januar 2010. Wie das zu schaffen ist, weiß kein Mensch. Zumal noch immer unklar ist, wohin die Reise geht.

Das Berliner Nikolai-Haus ist als Verlagssitz bevorzugt

Es steht keineswegs fest, dass das immer wieder genannte Nikolai-Haus in Berlin-Mitte das neue Verlags-Domizil wird. "Das ist nicht definitiv", so Postischil. Und der Betriebsratsvorsitzende weiß nur: "Das Nikolai-Haus wird bevorzugt - aber es müsste vor einem Einzug saniert werden." Voll nutzbar sei das Gebäude auch nicht - weil dort noch ein ehemaliger Museumsdirektor vom Land Berlin mit lebenslangem Wohnrecht ausgestattet sein soll.

Auch bei den heutigen Gebäuden des Suhrkamp-Verlages im Frankfurter Westend ist "alles in der Schwebe" (Schneider). Klar ist nur, dass Verlegerin Ulla Berkèwicz die Bauten an der Lindenstraße verkaufen möchte. "Es besteht die Absicht, sich von den Grundstücken zu trennen - für alles andere ist es noch zu früh", so die Verlagssprecherin. Die Hoffnung, nach einem Abriss des Verlagshauses lukrative Bürogebäude errichten zu können, könnte zum Teil trügerisch sein. Eines der Grundstücke ist rechtlich fürs Wohnen ausgewiesen - hier besitzt Suhrkamp nur eine befristete Umnutzungserlaubnis.

Im Frankfurter Römer beobachten die Politiker die Geschehnisse um Suhrkamp mit gelinder Fassungslosigkeit."Das Ganze wirkt alles andere als professionell", ist noch die freundlichste Einschätzung. Zu einem Treffen zwischen OB Petra Roth und Kulturdezernent Felix Semmelroth (beide CDU) einerseits und der Verlagsspitze andererseits ist es nicht mehr gekommen. Man hätte sich wohl auch nicht mehr viel zu sagen.

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