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Alida Bremer, die selbst in Split geboren wurde. Foto: Ali el Baya
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Alida Bremer, die selbst in Split geboren wurde.

Hafenstadt Split

Alida Bremer: „Träume und Kulissen“ – Spuren von Split

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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„Träume und Kulissen“: Alida Bremer taucht in ihrem neuen Roman über die Hafenstadt Split in Tiefenschichten einer unbekannten Welt.

Reisen auch unsere Künstler in fremde Länder? So wie es diese Deutschen tun, und drehen Filme oder schreiben Bücher über diese Länder, in denen sie alles durcheinanderbringen, ohne sich um Wahrheit und Wirklichkeit zu kümmern?“ Die Frage, die im Roman Šjor Martic dem Maestro stellt, müsste man in der realen Welt mit einem klaren Nein beantworten. Wer etwa am Ostufer der Adria lebt und schreibt, ist vollauf damit ausgelastet, einem unverständigen Publikum die Besonderheiten, Reize und Merkwürdigkeiten seiner eigenen Heimat nahezubringen. Warum sollten „unsere Künstler“ in fremde Länder reisen? Sie sind ja immer schon dort, im fremden Land!

Die Hafenstadt Split, ihr Geburtsort, ist die eigentliche Protagonistin des neuen Romans von Alida Bremer. Eine würdige: Entstanden aus einem einzigen Gebäude, dem Palast des römischen Kaisers Diokletian, ist die Altstadt ein europäisches Kuriosum – ein Labyrinth aus Kavernen, Höhlen, Gängen, Mauern und Türmen, antiken Palästen und schmalen Durchlässen, überbaut von immer neuen, höheren Häusern, Häuschen und Hütten aus sechzehn Jahrhunderten.

Es riecht, tönt, schmeckt

Das Buch

Alida Bremer: Träume und Kulissen. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2021. 364 S., 24 Euro.

Alle Sinnesorgane hält Split in seinem Bann. Hinter jeder Ecke riecht es nach bratendem Fisch, Tomaten, Kräutern. „Von überall hörte man Schritte, Stimmen, Gesang, Geklapper, Geklirr, Geklimper“. Barockes Pathos durchtränkt den Straßenklatsch. „Plötzlich wurden aus syphilitischen Prostituierten Heilige, Alkoholiker, die in ihrer Trunkenheit aussprachen, was alle heimlich dachten, Propheten, und ausgediente Soldaten ohne Obdach, Helden.“ Belebt ist hier selbst der Himmel. Wolken ziehen auf „wie bucklige Schäfchen, jedes mit einem Türmchen auf dem Rücken oder gar einem Dutt auf dem Kopf. Die ganze Herde galoppierte über das Meer Richtung Horizont, und hinter ihr trotteten riesige graue Wolken, als wären sie Wölfe, unschlüssig, ob sich die Verfolgung lohnt.“ Sätze, die ohne Umweg in Nase, Auge, Ohr und Fingerkuppen gehen.

Die Handlung erstreckt sich über eine Woche im Juli des Jahres 1936. Ein Fischer entdeckt am Strand einen toten Mann im Anzug. Der Kommissar ermittelt ernsthaft. Aber sein Chef will nichts wissen, immer nur Regimegegner verhaften. Den Verstand zu behalten, wie der gewissenhafte Kommissar es tut, und nüchtern zu kombinieren, ist in diesen Zeiten eine besondere Kunst. In Jugoslawien herrscht das serbische Königshaus mithilfe einer royalistischen Honoratiorenpartei. Vom anderen Ufer der Adria blicken Mussolinis Faschisten auf das „unerlöste Spalato“. Und ganz Europa starrt auf Adolf Hitler in Berlin.

In Split kreuzt sich alles. Bis keine 18 Jahre zuvor hat die Stadt zu Österreich-Ungarn gehört; das deutsche Element ist noch präsent, den Ton hat man noch im Ohr. Jüdische Flüchtlinge aus Deutschland wollen von hier nach Spanien, Portugal, Amerika, beäugt von getarnten Gestapo-Agenten. Deutsche Kommunisten verstecken sich, konspirieren – wie im Casablanca des Humphrey Bogart. Die ganze Welt kommt per Schiff. Vielstimmigkeit herrscht hier auch unter den Einheimischen. Alle Bewegungen haben ihre Anhänger. Gesprochen wird selbst in öffentlicher Rede eine Mischung aus Kroatisch und Italienisch, das eine Generation früher noch Amts- und Schulsprache gewesen ist. Der „Šjor“ im örtlichen Dialekt ist der Signore. Faschisten beschwören die Überlegenheit der lateinischen Kultur und ändern ihre Namen von –ic zu –icci. Um hier normal zu bleiben, friedliche Nachbarschaft aufrechtzuerhalten, braucht es ein waches Bewusstsein.

Es sind die Fremden und die heimischen Ideologen, denen ihre Heimatstadt fremd wird, die den Geist von Split zerlegen in „Einflüsse“, nationale und politische. „In einem Hafen zu leben und kein Kosmopolit zu sein bedeutet, blind zu sein für das Privileg des eigenen Geburtsortes.“ Gerade das Wechselhafte, Uneindeutige stiftet Identität. Am wenigsten verstehen das die Deutschen; sie würzen den Roman mit einer spezifischen Ignoranz. Filmteams aus dem Dritten Reich haben sich einquartiert und suchen nach Sujets. Aber sie finden immer nur, was sie schon im Kopf haben. „Es war in der Tat schade, dass deutsche Filmemacher in Split nur nach Kulissen suchten. Irena hatte recht, hier könnten sie Stoffe finden, in denen sie die eigene Wirklichkeit erkennen würden.“

Kroatien ist heute ein beliebtes Urlaubsland. Die Bilder, Gerüche, Geräusche des Mittelmeers vermitteln eine diffuse Sehnsucht. Deutsche Touristen sprechen mit Kellnerinnen, die gut, Zimmervermietern, die perfekt Deutsch sprechen, weil sie in Stuttgart oder Dortmund aufgewachsen sind – und führen die Gäste in eine Echokammer. Ein nahes Land wartet noch immer darauf, entdeckt zu werden. Bremers zweiter Roman schlägt eine Brücke.

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