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Raphaela Edelbauer im Schauspiel Frankfurt.

Literatur

Alice bei den Österreichern

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Raphaela Edelbauers Romandebüt „Das flüssige Land“, nominiert für die Shortlist des Deutschen Buchpreises, entführt in eine Traumdeutlichkeit.

Der Weg nach Groß-Einland erinnert an das Gleis 9¾, von dem aus Harry Potter und seine Mitschüler nach Hogwarth reisen. Es kann ihn nicht geben, aber dann ist er doch da. „Das Einzige, worauf man noch fortkommen konnte, war eine Auslassung, die senkrecht zwischen die Bäume führte.“ Senkrecht zwischen die Bäume, das ist seltsam, andererseits als optischer Eindruck aus einer bestimmten Perspektive vorstellbar. Allerdings ist die Autofahrerin schon zuvor irritiert. „Das ganze Land stieg unter mir auf; ich befuhr die Wellenzüge einer flüssigen Masse.“

Traumwirklichkeit herrscht in dem Debütroman „Das flüssige Land“ der 29 Jahre alten österreichischen Autorin Raphaela Edelbauer, jene Traumwirklichkeit, in der man weiß, was man will, aber nicht, wie das gehen soll. Alles scheint logisch, dabei fehlt es an den einfachsten Informationen. Wo liegt Groß-Einland? Statt sich zu fragen, warum das Navi und Ruths Bekannte den Ort nicht kennen, nimmt sie „aufs Geratewohl“ eine Abfahrt nach links. Nachher, just als sie aufgeben will, weist ihr ein scheinbarer Zufall den Weg. Hübsch ist es in Groß-Einland, etwas zu hübsch vielleicht.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 350 Seiten. 22 Euro.

Denn „Das flüssige Land“ erzählt eine weit eigenwilligere Geschichte, als es zunächst den Anschein hat. Die Traumwirklichkeit, eine Art australische Traumzeit, in der irritierende Parallelereignisse mit Wechselwirkungen möglich, jedenfalls nicht auszuschließen sind, führt die Erzählerin Ruth in ein künstliches, aber hyperrealistisches Österreich, ein Österreich der Verdrängung, in dem zugleich alles offen zutage liegt: Eine windige Aristokratin – der noble Titel dient der Erbin einer Industriellenfamilie als Schutz, in Österreich funktioniert das offensichtlich – herrscht über eine im Trott steckengebliebene, viel Zeit am Stammtisch verbringende Bürgerschaft. Unterm Idyll jedoch breitet sich ein gewaltiges Loch aus, das den schmucken Ort zu verschlingen droht, jedenfalls allenthalben zu Absenkungen, Einbrüchen und furchtbaren Unfällen führt. Diese werden als „Vorfälle“ und „Ereignisse“ bezeichnet und am allerliebsten „taktvoll“ ignoriert. Aber: „Das Loch war im Grunde unbeherrschbar.“ Darinnen, man muss nicht lange raten, als das Thema darauf kommt, sind am Kriegsende wohl auch die Leichen von Hunderten hier verschwundenen NS-Opfern versteckt worden. Edelbauer nimmt im Gegensatz zu den Bewohnern von Groß-Einland kein Blatt vor den Mund. Obwohl es hier einen Hutmacher und ein Gasthaus zum Fröhlichen Kürbis gibt und obwohl die Autoren in der Bibliothek nach der Buchstabenzahl ihrer Namen sortiert sind, befinden wir uns nicht bei Alice im Wunderland, sondern in einem durch die Unwirklichkeit umso schärfer zu erkennenden Gesellschaftspanorama.

Zum Souveränen, zum Meisterlichen dieser Konstruktion, die keine debüthaften Unsicherheiten erkennen lässt, gehört die äußerst heutige, beherzte, vernünftige, wenngleich – möglicherweise durch ihren recht intensiven Medikamenten-Konsum – etwas unkonzentrierte Erzählerin Ruth. Sie ist Physikerin vor der Habilitation, akademischer Stress, den man nicht unterschätzen sollte, gehört selbstverständlich zu ihrem Leben. Zu Beginn verschüttet sie in Wien 200 Milliliter Kaffee, als wär’s eine Vorwegnahme der kommenden Erschütterungen, als das Telefon klingelt und sie erfährt, dass ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. In Groß-Einland will sie – dies war ihr Wunsch, angeblich – die Beerdigung organisieren, aber ausgerechnet sie, straff und nüchtern, bleibt auf Jahre hier hängen, kann sich dem Idyll und dem schlaffen, dabei heimeligen Lebensrhythmus nicht entziehen. Für Leserin und Leser ist sie das wache Auge auf die Welt von Groß-Einland. Das Ausmaß, in dem sie sich selbst verwickeln, einwickeln lässt, verpasst man vorerst womöglich. Während Ruth traumwandlerisch sicher und sorglos wirkt (die Jahre vergehen), überträgt sich die grundlegende Verunsicherung, die der Alltag über dem Loch mit sich bringt, auf die Lektüresituation.

Dies geschieht allmählich, unterhaltsam, wendungsreich und mit satirischem Gehalt. Denn die Fähigkeit der Groß-Einländer, sich die Sprache zur Verdrängung, Verschleierung zunutze zu machen, ist nicht traumartig, sondern vertraut. Österreichern vermutlich in diesem Fall noch vertrauter (Deutschen kommt es ein wenig altmodisch vor, dieses Umwundene, Verlegene). Zum Beispiel hat Ruth Gelegenheit, den Bürgermeister zu fragen, was ihre Eltern in Groß-Einland wollten. „,Es ging natürlich auf der einen Seite um eine sehr dunkle Periode Österreichs‘, sagte er wieder unpräzise und erhob erneut die Rechte zum Winken. ,Um welche?‘ ,Um die dunkelste‘, antwortete er. ,Sie hatten Fragen zu, sagen wir einmal, Unklarheiten bezüglich eines bestimmten Handlungsverlaufes, der von ganz oben passierte. Und ich bin als Politiker eines gewissen Schlages natürlich allein schon gesellschaftlich interessiert gewesen daran, dass die Tradition einer einerseits menschlichen, andererseits doch der Vernunft unterworfenen Ordnung erhalten bleibt.‘“ Ruth wiederum: „,Haben meine Eltern etwas über den Nationalsozialismus recherchiert?‘, fragte ich provokativ“ (wobei ihr dann klar wird, dass das gar nicht provokativ ist: Ruth, eine von uns), und der Bürgermeister darauf: „Man hat gewisse Herkünfte. Und nicht immer ist ganz klar, wie diese zusammenspielen.“

Schillernd (im Fluss) aber bleibt der Roman, auch als es Ruth, der Physikerin, gelingt, ein Mittel zu entwickeln, mit dem sich der Boden stabilisieren lässt. Grausig die Folgen, nicht nur, weil es Ruth widerstrebt, auf diese Weise die Vergangenheit endgültig zu ummänteln. Wichtiger aber, da schau her, ist es ihr, ihr eigenes Haus zu stabilisieren.

Das Loch scheint ein außerordentlich penetrantes Symbol zu sein, aber sich angesichts dieser Kombination aus Unverblümtheit und Vielfalt an Kafka erinnert zu fühlen, ist keine Übertreibung. Zudem gehört zum Wesen eines Lochs, trotz aller Bedeutung nicht greifbar zu sein. Selbst die trägen Groß-Einländer packt zwischenzeitlich die große Wut und sie marschieren einmal gegen das Loch auf, das man jedoch „nicht treffen konnte, weil da ja eben: nichts war“.

Die in diesem Jahr besonders viel und von besonders vielen Seiten gescholtene Jury für den Deutschen Buchpreis – zu viele Debüts, hieß es u. a. – hat für die Shortlist mit „Das flüssige Land“ eine nicht naheliegende, aber das Niveau der Liste keineswegs unterminierende Wahl getroffen.

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