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Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro.
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Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro.

„Liebes Leben“

Alice Munros Finale

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Schon ehe sie der Literaturnobelpreis abrupt ins Licht der Öffentlichkeit schob, versicherte Alice Munro, ihr jüngster Erzählungsband „Liebes Leben“ sei ihr letzter.

Aus gesundheitlichen Gründen wird die 82-jährige Alice Munro Anfang nächster Woche nicht zur Verleihung des Nobelpreises nach Stockholm reisen; die traditionelle Rede der Ausgezeichneten wird in diesem Jahr ersetzt durch ein auf Video aufgenommenes Gespräch. Schon ehe sie der Literaturnobelpreis abrupt ins Licht der Öffentlichkeit schob, versicherte Alice Munro, ihr jüngster Erzählungsband „Dear Life“ (heute erscheint er auf Deutsch als „Liebes Leben“) sei ihr letzter. Und man glaubt es, leider, wenn man nach zehn der vierzehn hier versammelten Geschichten angelangt ist bei einem Zwischenblatt, das „Finale“ überschrieben ist. Darunter steht dann, in klaren, nur zu klaren Munro-Sätzen: „Die letzten vier Stücke in diesem Buch sind keine üblichen Erzählungen. Sie bilden eine gesonderte Einheit, die vom Gefühl her autobiographisch ist, auch wenn manchmal nicht alles den Tatsachen entspricht. Ich glaube, sie sind die ersten und letzten – und die persönlichsten – Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe.“ Man muss Alice Munro nicht als Leserin knapp 30 Jahre begleitet haben, um angerührt zu sein.

Es ist wohl so: So sehr hat Munro um jede ihrer Geschichten, um die jeweils perfekte Form gerungen – 1994 beschrieb sie in einem langen Gespräch mit der „Paris Review“ diesen fast frenetischen Prozess des Um-und-Um-Arbeitens –, dass sie auf keinen Fall etwas Schwächeres, vielleicht mit schwindenden Kräften Geschriebenes veröffentlichen will.

Das tut sie nicht mit „Dear Life“, tut auch die Übersetzerin Heidi Zerning nicht, obwohl diese sich sehr beeilen musste, damit der Band zur Nobelpreis-Verleihung erscheinen kann.

„Liebes Leben“ sind konzentrierte (sie könne einfach nicht in Romanen denken, sagte Munro einmal), sprachschlanke, trügerisch schlichte Short Stories. Seelische – und körperliche: Sex vor allem – Befindlichkeiten enthüllen sie eher dezent. Alice Munro ist eine leise Erzählerin, die Pauke ist nicht ihr Instrument. Das bedeutet nicht, dass sie nicht schonungslos sein, ihre Figuren gleichsam ertappen und festnageln könnte. Und ihnen gleichzeitig so viele Geheimnisse lassen, dass die Leserin sie in Gedanken weiter dreht und wendet.

Hat er (in „Corrie“) oder hat er nicht seine heimliche Geliebte erpresst? Wird sie (in „Japan erreichen“) ihren Mann betrügen, noch einmal betrügen, muss man sagen, oder nicht? Wird sie ihn vielleicht sogar verlassen, Kind hin oder her?

„Kies“, „Heimstatt“, „Mit Seeblick“ oder „Zug“ heißen die Stories. Sie sind geerdet, meist im ländlichen oder kleinstädtischen kanadischen Milieu, stets im Alltag. Im Feuermachen wie im Essenkochen, im Waschen und Anziehen wie im Zugfahren. Sie reichen von den letzten Weltkriegsjahren – eine junge Frau wird in „Amundsen“ Lehrerin an einer Klinik für tuberkulosekranke Kinder und Jugendliche – bis in ein vages Heute. Sie überspannen auch mal viele Jahrzehnte: Mühelos und ohne dass man Probleme hätte, die Zeitsprünge nachzuvollziehen.

Eine Würdigung der Mutter

„Stolz“ zum Beispiel beginnt in den 30ern, ein Bankdirektor gibt einen Kredit für den damals schon grotesken Plan einer „Wiederbelebung der dampfgetriebenen Autos“. Die Geschichte endet mit seiner Stufe um Stufe gesellschaftlich abgestiegenen Tochter Oneida, als diese im Rentenalter ist. Gern würde sie mit dem Ich-Erzähler zusammenziehen, damit man sich im Krankheitsfall gegenseitig unter die Arme greifen kann. Er wimmelt sie mit einer Lüge ab. Am Ende schauen sie vom Fenster aus fünf kleinen Skunks beim Baden in der Vogeltränke zu: „Wir waren so froh, wie man nur sein kann“, endet die Erzählung. Und schwingt von dort aus weiter, randvoll mit Unausgesprochenem.

In „Stolz“ ist der Erzähler ein Mann mit Hasenscharte (deswegen wurde er, es wundert ihn ziemlich, einst nicht eingezogen). Aber selbst wenn Munro wie hier die männliche Perspektive wählt, ist sie trotzdem noch – wenn nicht: vor allem – eine Berichterstatterin aus den „Lives of Girls and Women“ (1971, dt. „Kleine Aussichten“, 1983). Der allgegenwärtige Sexismus, die Nickeligkeiten und Missachtungen, die gravierenden und winzigen Benachteiligungen sind – aber wie nebenbei, wie ein Nachsatz – ihr Thema. Und sei es nur, dass beim Squaredance eine „besonders befähigte Person“ die Figuren und Schritte ausruft: „(es war immer ein Mann)“, setzt Munro da in hinterlistige Klammern hinzu.

Und dann ist da, gegen Ende einer scheinbar vertrauten, „normalen“ Munro’schen Erzählungssammlung, dieses „Finale“ aus vier Geschichten.

„Das Auge“ erzählt von einem kleinen Mädchen, sicher Munro, die von der Mutter gezwungen wird, ihre aufgebahrte, tödlich verunglückte Babysitterin anzusehen. Und von dieser Babysitterin. Und von der Mutter. „Nacht“ erzählt von der kleinen schlaflosen Alice, die nachts durch Haus und Hof geistert. Und ein wenig mehr vom Vater als von der Mutter. „Stimmen“ erzählt von der Teenager-Alice, die eine junge Frau glühend beneidet um die tröstlichen Worte und die Bewunderung junger Männer, Soldaten. Irgendwann begreift sie, dass die junge Frau eine Prostituierte und damit ausgestoßen war.

„Liebes Leben“ schließlich ist eine Würdigung der Mutter, die Alice Munro hart, selbstgerecht, bigott erschien. Sie starb früh an Parkinson. Am Ende macht Munro ihren kleinen Frieden mit ihr. Indem sie in eine wunderbar zarte, doppelbödige Geschichte fasst, wie sie als Baby von ihrer Mutter vor der offenbar geisteskranken Nachbarin gerettet wird. Vielleicht wäre ja nichts passiert. Vielleicht wäre was passiert und Alice wäre nie groß geworden.

Die alte Alice Munro hat nun aufgeschrieben, wie sie nicht zum Sterbebett, nicht zur Beerdigung ihrer Mutter anreiste. Und endet: „Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es – wir tun es immerfort.“ Mit schmerzlicheren, wahrhaftigeren Sätzen kann man ein großes Schriftstellerleben nicht abschließen.

Alice Munro: Liebes Leben. 14 Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Verlag 2013, 368 Seiten, 21,99 Euro.

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