Fritz, Alfred, davor die Schwestern Lucie und Ella, in der Mitte Gertrud, Alfreds Frau.
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Fritz, Alfred, davor die Schwestern Lucie und Ella, in der Mitte Gertrud, Alfreds Frau.

Berlin vor 1933

Alfred und Fritz Rotter: In den Tod gehetzt

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Die jüdischen Brüder Alfred und Fritz Rotter veranstalteten im Berlin vor 1933 umstrittenes und glamouröses Unterhaltungstheater. Peter Kamber arbeitet ihre Biografien akribisch auf.

Zwei Ereignisse kommen in der kulturgeschichtlichen Erinnerung an den politisch fatalen Januar des Jahres 1933 meist zu kurz. Das eine ist die heftige Grippewelle, die den Winter 1932/33 prägte. Das andere ist der Zusammenbruch des Theaterimperiums der Gebrüder Rotter, mit dem nicht nur eine spezifisch Berliner Ära des Unterhaltungstheaters zu Ende ging, sondern an den sich auch eine tragische Verleumdung und Verfolgung der Familie Rotter anschloss.

Was die Grippe betrifft, so weiß man durch Judith Kerrs Erinnerungen „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ zwar, dass ihr Vater, der jüdische Theaterkritiker Alfred Kerr, zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nazis schwer daran erkrankt war und seine Flucht aus Berlin gesundheitlich stark angeschlagen antreten musste. Aber die Allgegenwart der Bedrohung durch Influenza-Viren – die 1933 übrigens erstmals isoliert wurden – wäre einem bis vor kurzem vielleicht nicht so augenfällig gewesen.

Auch im Leben von Fritz und Alfred Rotter spielte die Influenza eine wichtige Rolle. Fritz erkrankte 1918 an der Spanischen Grippe, was lebenslange gesundheitliche Folgen hatte, ihm damals aber ersparte, im letzten Moment doch noch zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Und Alfred Rotter, der sich als erster der Brüder im Januar 1933 aus Deutschland rettete, lag in der Schweiz und in Liechtenstein wochenlang grippebedingt darnieder, während in Berlin das Schicksal seiner Bühnen eine Schlagzeile nach der anderen produzierte.

Doch Peter Kambers Buch über Aufstieg und Fall der Rotter-Bühnen ist natürlich kein ärztliches Bulletin. Der Schweizer Historiker erzählt vielmehr die Geschichte zweier jüdischer Jungs, Söhne eines in Leipzig ansässigen Konfektionisten, deren Herz fürs Theater schlug, die ein paar Semester Jura studierten und dann begannen, Theater nicht nur zu machen, sondern auch zu gründen, zu pachten, zu vermieten und dabei wegen ihrer betriebswirtschaftlichen Schwächen, wegen ihrer Konfession, wegen ihrer Großmannssucht und manchmal sogar wegen ihrer Erfolge eine Menge Probleme mit Behörden, Theaterfunktionären und Banken bekamen.

1932 hatten die beiden, die damals 43 (Fritz) und 45 (Alfred) Jahre alt waren, in Berlin vier Theater samt Grundstücken in ihrem Besitz und weitere gepachtet, darunter das damalige Metropol-Theater (die heutige Komische Oper), in dem Fritzi Massary „Eine Frau, die weiß, was sie will“ von Oscar Straus spielte, das Theater des Westens, in dem das „Dreimäderlhaus“ von Heinrich Berté gegeben wurde, und das Theater im Admiralspalast, wo die ungarische Diva Gitta Alpár auftrat. Sie hatten aber auch eine Million Reichsmark Schulden. In ihrer Villa in der Kunz-Buntschuh-Straße 16-18 in Grunewald, vor der heute drei Stolpersteine an Alfred, Gertrud und Fritz Rotter erinnern, war damals alles von Wert verpfändet.

Die Welt der Rotters war die der Salonkomödien und der Operette – von Franz Lehár über Ralph Benatzky zu Paul Abraham –, die der Stars, des Geschäfts und des Bankrotts. Sie hatten ein Gespür für den Massengeschmack, wenn auch kein untrügliches, sie versuchten, die Welle des Berliner Lebensgefühls jener brüchigen Jahre zu surfen, dieses trotzige und riskante Jetzt-Gefühl, das die Weimarer Zeit heute wieder so attraktiv macht. Lange Jahre gelang ihnen das immer wieder, und sie schöpften dabei durchaus nicht nur Talente staatlich geförderter Kultur ab, wie ihnen die zeitgenössische Presse vorwarf, sondern machten auch eigene Entdeckungen: Hans Albers etwa trat schon 1915 bei ihnen auf und Käthe Dorsch hatte 1919 bei den Rotters ihren Durchbruch als Schauspielerin. Zu den größten Erfolgen der Rotters gehörte, Ende 1932, Paul Abrahams Operette „Ball im Savoy“, über die Barrie Kosky, der sie 2013 für die Komische Oper wiederentdeckte, sagt, es sei eine „Hymne auf Berlin“.

Der Theaterkritik der Weimarer Zeit hingegen galt die Operette, ja das Star-basierte Geschäftstheater insgesamt, als durch und durch verdächtig, teils aus ästhetischen, teils aus politischen Gründen, und lagerübergreifend wurde der Name – den die Brüder nur angenommen hatten, eigentlich hießen sie Schaie – zum Inbegriff des Kunstwidrigen. Herbert Ihering war es, der das Adjektiv „verrottert“ prägte, und von der deutschnationalen Presse bis hin zu Alfred Kerr galten die Rotters als „Schädlinge“ der Kunst, denen besser der Garaus zu machen wäre.

Die Gemengelage also ist kompliziert, und Peter Kamber weiß viel darüber. Fast zu viel. Vor allem vom Geschäftlichen und anderen Aktenlagen. Und er schreibt es alles hin. Er erzählt die Geschichte der Rotter-Bühnen von der Buchhaltung her. Er versucht nebenbei immer wieder die Operette von dem (damaligen) Vorwurf der Frivolität und der Volksverdummung zu befreien und betont stattdessen, dass in der Figur der sexuell aktiven Frau durchaus eine „Auflösung des starren Geschlechterschemas“, mithin eine „Zukunft der Kultur“ hätte gesehen werden können. Tatsächlich hatte das Genre, das von den Nazis, um es seiner Prägung durch jüdische Künstler zu entledigen, nachhaltig ins Kunstgewerbe hin entwickelt wurde, zu Zeiten der Rotters Momente des Pop im besten, auch subversiven Sinne.

Peter Kamber vollzieht nach, wie die Rotters mit Flitter und Verwegenheit durch die Zeit der Inflation und die Wirtschaftskrise kamen (oder am Ende eben doch nicht), welche Theaterkonzessionen sie wollten, aber nicht erhielten, warum sie einige Jahre kein Theater machten und trotzdem nicht ins Filmgeschäft einstiegen, wie es dazu kam, dass sie von den Einnahmen des „Ball im Savoy“ letztlich nichts sahen, die Schulden irgendwann bei vier Millionen Reichsmark lagen, und der Gegenwind von allen Seiten blies.

Interessanterweise rücken einem „die Rotters“ dabei nicht besonders nahe. Der homosexuelle Fritz, der sich in der Friedrichstraße ein Zimmer angemietet hatte, von dem aus er sich als Fräulein Gretel Bergmann ins Nachtleben stürzte. Oder Alfreds Gattin Gertrud, die sich zunächst offenbar für Fritz interessiert hatte und deren Schwester mit einem frühen Nazi verheiratet war, der gegen seine jüdischen Schwäger intrigierte. Das ganze verheißungsvoll seltsame Trio, das zwischen der überwältigenden Flut von historischen, bürokratischen und biografischen Informationen dann aber doch kein Eigenleben gewinnt.

Und auch das wirklich tragische Ende von Alfred und Gertrud im April 1933 in Liechtenstein, wo sich (mit bereits 1931 erkauften Bürgerrechten) ab Februar 1933 alle drei Rotters aufhielten, verschwimmt in der Menge der getreulich referierten Zeugenaussagen. Tatsache ist: Im Laufe eines dilettantisch geplanten Versuchs von nazistischen Liechtensteinern, die Rotters nach Deutschland zu verschleppen, wo sie gesucht wurden, stürzte das Ehepaar in eine Schlucht. Fritz indessen starb 1939 in einem französischen Gefängnis, in dem er wegen Scheckfälschung eine Haft verbüßte.

„Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil“ ist eine immer wieder etwas mühsame, aber überaus lehrreiche Lektüre, eine Grundlagenforschung zum Thema Geschäftstheater in der Weimarer Republik, das auch praktische Details erwähnt wie den Trick, jeden Abend ein neues Stück zu annoncieren, aber dann wegen „technischer Probleme“ immer das gleiche zu spielen.

Seit 2008 schon erinnert im Durchgang zum Admiralspalast eine Plakette an das Wirken der Rotters. Auch in die Komische Oper wird man jetzt nie wieder gehen können, ohne an Fritz und Alfred Rotter zu denken. Und durch die Friedrichstraße eigentlich auch nicht.

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