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Schubert als Biedermeier-Gestalt und so bequem an den Baum gelehnt, wie es der Maler vermochte.
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Schubert als Biedermeier-Gestalt und so bequem an den Baum gelehnt, wie es der Maler vermochte.

Über Schubert, über Beethoven

Alfred Brendel, Peter Gülke „Die Kunst des Interpretierens“: Beethoven baut, Schuberts Musik passiert

  • VonEberhard Geisler
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Außerordentliche Gespräche zwischen dem Pianisten Alfred Brendel und dem Musikwissenschaftler Peter Gülke

Kenntnisreicher kann man nicht über Beethoven und Schubert ins Gespräch kommen, als es Alfred Brendel und dem Musikwissenschaftler und Dirigenten Peter Gülke gelingt. Beide verfügen über größtmögliche eigene Erfahrungen im Metier und haben auch die Autographen der Partituren studiert, die neues Licht auf die Musikstücke werfen.

Zunächst einmal ist die Revision des Schubert-Bildes hervorzuheben, um das sie bemüht sind. Eigentümlicherweise ist mit dem frühvollendeten Komponisten lange Zeit die Vorstellung von einer biedermeierlichen Gestalt verbunden gewesen, die eher auf eine Vignette über dem Sofa passen sollte, als dass man erkannt hätte, dass er in seiner kurzen, aber ungemein produktiven Existenz die Musikgeschichte förmlich aufgesprengt hat.

Von dieser epochemachenden Leistung sind Brendel und Gülke überzeugt und können dies einleuchtend belegen. Franz Schubert hat eine neue Ära des Liedes eingeläutet. Hatte sich Goethe noch Lieder vorgestellt – und sie durch Carl Friedrich Zelter und Johann Friedrich Reichardt komponieren lassen –, in denen dem Gesang unbestritten die Hauptstimme zukommen sollte, so weist Schubert dem Klavier nun eine ebenso bedeutende Rolle zu; das Instrument reagiert selbstständig auf die Texte und vermag sie gelegentlich sogar sich unterzuordnen.

Was Schubert, der übrigens vor allem mit Literaten befreundet war, damit angezettelt hatte, sollte freilich erst nach und nach ins Bewusstsein treten; der Rhapsode rückt aus dem Zentrum und gliedert sich in ein offenes Zusammenspiel ein.

Das Buch:

Alfred Brendel, Peter Gülke: Die Kunst des Interpretierens. Gespräche über Beethoven und Schubert. Bärenreiter 2020. 193 S., 29,99 Euro.

Auch das in neuerer Zeit vorherrschende Bild eines depressiven Schubert, der in der Winterreise das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit des Individuums zu höchstem Ausdruck gebracht hatte („Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“), bedarf dringend der Korrektur, wie wir erfahren. Zwar wusste er um erschreckende Abgründe, um den Schwund gesicherter Weltbilder und die Bedrohtheit des menschlichen Lebens, aber er konnte zugleich überaus heiter und ausgelassen sein. Gülke berichtet von einem befreundeten Bratschisten, der nach der Arbeit am ersten Satz der Fünften Sinfonie unwillkürlich ausrufen musste: „Mein Gott, was für unschuldige, absichtslos gut gelaunte Musik!“

Beethoven wird hier ebenso penibel Gerechtigkeit zuteil. Einerseits hat er straffer gearbeitet als Schubert, eher wie ein Architekt, der um dauerhafte Ordnung bemüht war. Andererseits war auch er überaus komplex und gelegentlich sogar humorvoll. Gülke stellt im Blick auf das Adagio von op. 127, einem der späten Streichquartette, fest: „Die ersten Takte klingen, als betrete einer zögernd und voller Ehrfurcht die Cella eines Tempels.“ Von einem sich selbst vergötternden Karajan-Gehabe kann auch bei Beethoven keine Rede sein. Um ein Resümee des Vergleichs zwischen beiden Komponisten zu ziehen – der eine gezügelter, der andere offener fürs Widerfahrnis –, formuliert Brendel: „Beethoven baut, Schuberts Musik passiert“.

Nur noch dies: hier ist auch zu lesen, was Hegel Treffliches über das komponierende Subjekt, das sich in seine Innerlichkeit zurückzieht, zu sagen wusste, und dass er dabei die Idee der unbedingten Freiheit hervorgehoben hatte, die für die Philosophie des deutschen Idealismus insgesamt maßgeblich gewesen war.

Zum guten Schluss erinnern die beiden Gesprächspartner an Robert Musil, der im „Mann ohne Eigenschaften“ seinen Antihelden Ulrich die Gründung eines „Generalsekretariats der Genauigkeit und Seele“ hatte einfordern lassen. Dass die Einheit von beidem möglich ist, von Präzision und Empfindung, haben sie in ihrem Buch in der Tat unter Beweis gestellt, und alle, die über ästhetische Phänomene schreiben, sollten sich dies als Losung hinter den Spiegel stecken.

Seit April 2020 waren wegen Corona keine Treffen zwischen den Partnern mehr möglich, und sie waren fortan auf schriftliche Korrespondenz angewiesen. Dabei sind funkelnde kleine Essays entstanden, wenn auch leichte Melancholie zu verspüren ist, dass die Ungezwungenheit des persönlichen Gesprächs nun nicht länger gegeben war, und jeder wieder für sich allein nach den rechten Worten suchen musste.

Wie dem auch sei – die Pandemie ist ganz gewiss eine Zeit, in der die Kultur des Schenkens wieder aufleben kann. Dieses Buch eignet sich vorzüglich dazu, und der oder die Beschenkte hält großen Reichtum in Händen.

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