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Alexei Salnikow: „Petrow hat Fieber“ – Und ewig rollen die Trolleybusse

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Von: Katharina Granzin

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Russisches Neujahrshalligalli, hier in der Moskauer Metro in den 90er Jahren.
Russisches Neujahrshalligalli, hier in der Moskauer Metro in den 90er Jahren. © AFP

Alexei Salnikows Roman „Petrow hat Fieber“ führt in ein leichtes Delirium und den diskret absurden postsowjetischen Alltag.

Normal ist das alles nicht. Auch wenn Petrow ein total normaler Typ ist – zumindest finden das alle, und er selbst auch. Er arbeitet als Autoschlosser, hat eine Frau und einen Sohn, und zur Freizeitgestaltung pflegt er sich mit anderen Autoschlossern einen anzutrinken. Etwas weniger normal ist sein anderes Hobby: Petrow zeichnet Comics, wilde Geschichten, in denen Kinder von Außerirdischen entführt werden und andere haarsträubende Dinge passieren.

Aber darum geht es in diesem Roman gar nicht. Sondern darum, dass die ganze Familie Petrow die Grippe hat. (Im russischen Original erschien das Buch übrigens lange vor Corona: 2018.) Man wähnt sich, falls man Wenedikt Jerofejews legendären Säuferroman „Reise nach Petuschki“ gelesen hat, zunächst auf einer ebensolchen Reise – einem Trip, der nirgendwohin führt, sondern nur delirierend durch eine einzige Stadt mäandert. In diesem Fall handelt es sich um Jekaterinburg, und manche Kapitel spielen noch in Swerdlowsk; denn so hieß es hier zu Sowjetzeiten. Fraglos kennt jedenfalls Alexej Salnikow seinen Jerofejew – das Eingangskapitel des Romans kann wohl als Hommage an den Kollegen gelesen werden.

Es gerät also der kränkelnde Petrow in die Fänge eines extrem anstrengenden Bekannten namens Igor. Dieser hat aus unerfindlichen Gründen einen Leichenwagen gekapert, in dem er den fiebernden Automechaniker aus dem Trolleybus, in dem er gerade sitzt, entführt, um ihn auf eine seltsame Sauftour mitzunehmen, von der Petrow erst anderntags reichlich ramponiert nach Hause zurückkehrt. Dort erwarten ihn Sohn samt Ex-Ehefrau, mit der Petrow, obgleich geschieden, doch noch größtenteils zusammenlebt, wenn auch mittlerweile in zwei Wohnungen. Dass seine Frau (im Roman nur „Petrowa“ genannt) außergewöhnliche Gründe dafür hatte, die Scheidung einzureichen, erfahren wir in einem Folgekapitel, das davon handelt, dass diese unauffällige Dame, die als Bibliothekarin arbeitet, geheime Mordgedanken gegen Männer hegt – und nicht nur hegt, sondern wohl auch in blutige Tat umsetzt. Sie hat sich scheiden lassen, um das Leben des eigenen Gatten nicht zu gefährden.

Was Sohn Petrow („Petrow Junior“ in Bettina Kaibachs inspirierter deutscher Übersetzung) im Geheimen denkt, erfahren wir nicht, denn er ist wohl noch zu jung für ein geheimes Innenleben. Der Junior will jedenfalls trotz hohen Fiebers unbedingt zum Jolka-Fest, mit dem Neujahr in Russland so feierlich begangen wird wie Weihnachten in Westeuropa. Dabei gibt es ein Theaterspektakel, in dessen Zentrum ein Tannenbaum steht; alle Kinder kommen verkleidet, und Väterchen Frost verteilt Bonbontüten.

Das Jolka-Fest als kulturelle Institution ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Rückblendend führen zu Ereignissen auf einem Jolka-Fest aus Petrows eigener, sowjetischer, Kindheit, und am Ende des Romans wird sich ein Kreis schließen.

Das Buch

Alexei Salnikow: Petrow hat Fieber. Gripperoman. A. d. Russ. v. Bettina Kaibach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 364 S., 25 Euro.

Tatsächlich ist es beim Lesen nicht immer einfach, allzeit das Bewusstsein dafür zu bewahren, auf welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Menschen, Dinge und Rituale scheinen sich über die Generationen und die politischen Systeme hinweg sehr zu gleichen. Vielleicht gehen Dinge, Menschen und Zeiten aber auch während der fiebernden Zustände der Figuren ineinander über, wer weiß das schon. Auch sollten wir uns nicht allzu sicher sein, dass der enervierende Igor tatsächlich existiert, auch wenn die Erzählung so tut, als sei er eine ganz handfeste Person. Petrow selbst aber fürchtet ja auch schon, seine Frau könnte glauben, dass er sich diesen Freund nur ausgedacht hat. Und die Geschichte des Beginns von Petrows und Igors Bekanntschaft trägt derart surreale Züge, dass man geneigt sein könnte, die in schwarzen Business-Schick gekleidete Person für eine Art Luzifer zu halten – oder einen Gehilfen des diabolischen Herrn Voland aus Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“.

Der Humor, von dem dieser Roman grundiert wird, ist schwer zu beschreiben. „Skurril“ klänge zu harmlos, „hintergründig“ zu absichtsvoll angesichts der Beiläufigkeit, mit der die kleinen Absurditäten des postsowjetischen Alltagslebens am Rande aufgespießt werden.

Wobei: Was heißt hier post-? Auch wenn bei der Jolka-Aufführung von Petrow Junior keine Pionierin mehr mitspielt, und auch wenn für die Kostümierungen der neuen Kindergeneration viel mehr Auswahl besteht als einst, so sind grundlegende Dinge doch gleich geblieben. Männer brauchen Wodka, Frauen leiden heimlich (aber nicht mehr gewaltfrei), Großmütter bauen Kartoffeln an, und Kinder wollen Süßes von Väterchen Frost. Und unbeirrt rollen die Trolleybusse durch die Städte, ganz gleich, wer da oben gerade an der Macht ist. Es ist ein auf ewig verkorkster Kreislauf des Lebens, in dem der Teufel ebenso steckt wie im Fieberthermometer.

Übrigens hat der mittlerweile im Exil lebende russische Star-Regisseur Kirill Serebrennikow diesen Roman bereits verfilmt – und dabei, dem Trailer nach zu urteilen, vieles, was im Buch nur angedeutet wird, in drastischen Bildern dingfest gemacht. „Petrov’s Flu“ lief 2021 auf dem Festival in Cannes und kommt im Januar 2023 in hiesige Kinos.

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