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Alexander von Humboldt auf einem Gemälde von Joseph Stieler, 1843. 

Humboldt

Alexander von Humboldts Schriften: Der Weg ins Freie

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Am 14. September werden wir den 250. Geburtstag Alexander von Humboldts feiern. Deswegen heute ein nachdrücklicher Hinweis.

Seit Monaten stecken wir im Humboldt-Jahr. Es gibt wohl Hunderte, weltweit womöglich Tausende Veranstaltungen über den Reisenden, Naturforscher und Welterklärer und sicher ein paar Dutzend Bücher allein auf Deutsch.

Hier nur ein Hinweis auf die zehn Bände seiner Sämtlichen Schriften, die, herausgegeben von den beiden in Bern lehrenden Germanisten Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, gestern im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) als „Berner Ausgabe“ erschienen. In diesen Bänden geht es nicht um Humboldts „Kosmos“-Vorlesungen, nicht um die „Ansichten der Natur“, auch nicht um seine großen Reiseberichte. Diese Ausgabe bringt nicht Humboldts Bücher. Sie veröffentlicht mehr als 800 Artikel, die er für wissenschaftliche Zeitschriften schrieb. Die meisten von ihnen werden hier zum ersten Mal wieder gedruckt.

Die Bände I bis VII bringen die Texte Humboldts. Die Bände VIII bis X erschließen sie mit Übersetzungen, Kommentaren, Inhaltsverzeichnissen, Registern. Band X bringt auf 650 Seiten 21 Essays. Darunter „Versuche und Selbstversuche“ von Jutta Müller-Tamm, „Kolonialismus“ von Oliver Lubrich, „Politik und Engagement“ von Jobst Welge und „Visionen“ von Raoul Schrott.

Niemand wird sich hinsetzen, auf Seite 7 des ersten Bandes zu lesen beginnen und, nachdem er 6949 Seiten hinter sich gebracht hat, die Lektüre beenden. Dem Systematiker sei darum empfohlen, den Band VIII aufzuschlagen. Darin findet er ein chronologisches und ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis sämtlicher Bände. Hier kann er in den überwältigenden Textmassen nach dem suchen, das ihn interessiert.

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Humboldt schreibt über Grubengase, Zitteraale, die Temperatur des Erdinnern, die Schwankungen der Goldproduktion mit Rücksicht auf staatswirtschaftliche Probleme, musikalische Felsen in Südamerika, Meereshöhen, die Emanzipation der Juden, Kometen, Zeremonien der Indios in Mexiko, Erdbeben, das Nordlicht, das Naturgefühl nach der Verschiedenheit der Zeiten und der Völkerstämme, Vulkane, den Einfluss des Willens auf den Elektromagnetismus usw. usw.

Man sollte nicht erschrecken vor dem riesigen Angebot, sondern die Inhaltsverzeichnisse durchschlendern wie eine unbekannte Stadt. Was heißt hier Stadt!? Es ist eine Welt, ja das Universum. So wie er es kannte. Humboldt fuhr per Anhalter durch die Galaxis. Nur dass da draußen noch niemand war. Die Erdbevölkerung hatte 1800 gerade eine Milliarde erreicht. Die nordamerikanischen Prärien waren noch menschenleer wie die von Humboldt besuchten weiten Steppen Asiens. Humboldt beschäftigte sich nicht nur mit allem und jedem, er las nicht nur darüber. Das Meiste davon erforschte er. Er gab sich also nicht mit dem zufrieden, was ihm mitgeteilt wurde, was er sah, sondern hinterfragte die Forschungsberichte, die Untersuchungen der anderen und seine eigenen Eindrücke. Nicht nur auf logische Stringenz. Er wandte sich den Sachen selbst zu, wollte wissen, wie sie funktionierten. Er rechnete nach, Experimente führte er selbst durch. Zuhause und unterwegs. Was er sah, zeichnete er in seinen Notizblock.

Alexander von Humboldt hatte in Göttingen Physik bei Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) und Anatomie und Zoologie bei Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) studiert, danach noch acht Monate lang Bergkunde. Mit Mitte zwanzig war Humboldt Bergrat. Er untersuchte die Gesteine, die Witterungsverhältnisse unter Tage, entwickelte eine Grubenlampe und den Vorläufer einer Atemschutzmaske. In Selbstversuchen. Bei einem davon fiel er in den giftigen Grubendämpfen in Ohnmacht und die von ihm entwickelte Grubenlampe half, ihn zu finden. Er sorgte auch für bessere soziale Absicherungen der Bergarbeiter.

Den Galvanismus probierte er ausgiebig an Froschschenkeln aus. 1795 schrieb er: „Ich habe gefunden, dass man einen Froschnerven zerschneiden, und den oft Zoll langen Zwischenraum mit anderen Nerven gleichsam flicken kann. Man kann Nerven von dreierlei Tieren, warm- und kaltblütigen, Fröschen und Mäusen verbinden, die einzelnen Stücke umkehren – der Versuch gelingt immer, sobald man mit der silbernen Pinzette Zink und Muskel berührt. Auch mit andern tierischen Substanzen, z. B. Muskelfleisch, gekochtem Rindfleisch, Uterus einer Maus, kann man Nerven flicken.“

Aber dabei beließ es Humboldt nicht. Richtig spannend wurde die Forschung für ihn erst, wenn der eigene Körper mit ins Spiel gebracht wurde: „Ein präparierter Froschschenkel lag auf meiner linken Schulter. Die rechte Wunde war mit Zink bedeckt. Der Schenkel hupfte, ohnerachtet er 8 Zoll vom Zink ablag, sobald ein Silberdraht ihn und den Zink verband. Meine teilweise entblößte Cutis (die beiden obersten Hautschichten) leitete also unter der Oberhaut, welche eine Brücke zwischen beiden Wunden bildete, das galvanische Fluidum weg. Lag der Schenkel auf Glas und dies auf meiner linken Schulter, so erfolgte, unter sonst gleichen Umständen, kein Reiz.“

Man sieht den jungen Forscher vor sich, wie er bei dem Versuch, den Zuckungen des Frosches auf die Spur zu kommen – man stritt damals darüber, ob die als Lebenszeichen aufzufassen wären –, alles, das ihm zwischen die Finger kam, durchprobierte und so dabei war, einen Frankenstein-Frosch, die Vorform eines Cyborg zu bauen. Jedenfalls aber begann er zu ahnen, dass Lebewesen gewissermaßen zusammengebastelt sein könnten.

Für Alexander von Humboldt ist Erkenntnis eine sinnliche Erfahrung. Dieser Begriff ist wörtlich zu nehmen. Humboldt befuhr die Meere, Berge, Steppen und tropischen Regenwälder. Man macht sich nur schwer eine Vorstellung, welche Strapazen er auf sich nahm, um zum Beispiel zu wissen, auf welchem Breitengrad in welcher Höhe, die Baum- und die Schneegrenze waren. Er kannte den Himalaya und die Anden, zeichnete Gräser in den russischen Steppen und in Lateinamerika, Vulkane, Fische und Vögel der alten und der neuen Welt. Alexander von Humboldt fuhr mit der Kutsche, er ritt, ging, schwamm und kletterte sich durch die Welt.

Wo er ging, fuhr, lag, saß und stand, protokollierte Alexander von Humboldt, was er sah: Vom Sternenhimmel über die Wolken bis zu winzigen Infusorien. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit, die Winde nicht und nicht das Wetter. Nichts zu groß und nichts zu klein. Über alles schrieb er. In dicken Büchern, an denen er viele, viele Jahre arbeitete. Aber auch an kleinen Artikeln, die manchmal nicht einmal eine ganze Buchseite füllen. Das Veröffentlichen war ihm wichtig, denn er wusste, dass er sich vertun konnte, dass er angewiesen war auf die Korrekturen der anderen. Humboldt schrieb, als er einen Fehler, den er gemacht hatte, korrigierte: „Da mir die Wahrheit, nicht aber meine Meinungen wichtig sind, so werde ich nicht anstehen, jeden andern Irrtum, den ich bei einer so schwierigen Untersuchung etwa begangen habe, so bald er mir aufstößt, freimütig anzuzeigen.“ Jeder seiner Artikel steht in einem ständigen Austausch mit den Einsichten anderer. Jeder seiner Beiträge ist eingebettet in einen Forschungsprozess, an dem viele beteiligt sind. Das Internet wäre sein Paradies gewesen.

Alles interessierte ihn, über alles schrieb er, über eines aber schrieb Alexander von Humboldt nicht, eines wird ausgespart – bei Menschen, Tieren und fast auch bei Pflanzen: die Sexualität. Eine riesige Leerstelle, für jemanden der sich so sehr für die Verbreitung der Tier- und Pflanzenarten auf dem Planeten interessierte. Humboldt setzte seinen Körper schwersten Strapazen aus. Er riskierte immer wieder den Tod. Als 57-jähriger lässt er sich in einer Taucherkugel in die Themse senken. Alles geht gut. Bei einem der nächsten Versuche bricht die Anlage zusammen. Alexander von Humboldts Homosexualität ist kein Geheimnis mehr. Aber man weiß so gut wie nichts darüber, wie er sie praktizierte.

Die Wahrheit, das wusste Alexander von Humboldt, wird nicht erkannt, sondern erarbeitet. In körperlicher Anstrengung. Sie wird nicht in einer Reihe von Geistesblitzen enthüllt, sondern „es ist, als ob man mit Spießen und Stangen auf die Wahrheit losgehen“ (Hegel) müsste. Ohne Anschauung erreicht man nichts, aber mit ihr allein ist auch noch nicht viel gewonnen.

Man nennt Alexander von Humboldt oft einen Universalgelehrten. Man zeigt ihn dann in seiner Bibliothek in der Oranienburger Straße in Berlin. Aber das ist nicht einmal ein Bruchteil des wirklichen Alexander von Humboldt. Der war unterwegs. Eben nicht nur mit dem Kopf. Alexander von Humboldt hatte mehr gesehen von der Welt als irgendein anderer seiner Zeitgenossen. Er hatte nicht nur die Ozeane befahren und die Küstenstreifen besucht. Er war Jahre lang im Innern Asiens und Amerikas unterwegs gewesen. Niemand kannte die Erde besser als er. Nicht nur die Erdoberfläche. Er interessierte sich für den Bau der Kontinente, für alle Gesteine, vom Feldspat bis zu Basalt und Granit, für ihren Ursprung und ihre Geschichte.

Aber das war Humboldt noch lange nicht genug. Er ging weiter von der Erdbeschreibung zur Weltbeschreibung. Im „Kosmos“ schrieb er: „Indem das allgemeine Naturgemälde von den fernsten Nebelflecken und kreisenden Doppelsternen des Weltraums zu den tellurischen Erscheinungen der Geographie der Organismen (Pflanzen, Tieren und Menschenrassen) herabsteigt, enthält es schon das, was ich als das Wichtigste und Wesentlichste meines ganzen Unternehmens betrachte: die innere Verkettung des Allgemeinen mit dem Besonderen.“

Beim Lesen in diesen zehn Bänden wird einem, dafür sorgen die auf fast jeder Seite zu lesenden Jahreszahlen, bald klar, dass Alexander von Humboldt ein großer Antipode war. Wessen Antipode? Der der weltumstürzenden Philosophie des deutschen Idealismus. Dessen Gründungsurkunde, das sogenannte „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ entstand wohl 1797. Die Autoren waren Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 – 1854). 1801 veröffentlichte Schelling „Über den wahren Begriff der Naturphilosophie und die richtige Art ihre Probleme aufzulösen“. Das Werk machte Epoche und begründete die im 19. Jahrhundert akademisch höchst erfolgreiche Disziplin der Naturphilosophie.

1795 hatte der 1769 geborene Alexander von Humboldt bereits – wie erwähnt – eine Grubenlampe und ein Atemgerät entwickelt. Nicht zu vergessen: Er hatte auch die erste deutsche Arbeiter-Berufs-Schule gegründet. Einfach so. Ohne Vorgesetzte zu fragen und aus eigener Tasche bezahlt. Männer von 12 bis 30 Jahren durften sie besuchen. Unterrichtet wurde von Schichtende bis 23 Uhr „unter anderem Mineralienkunde, bergmännisches Rechnen und Bergrecht, Maschinen- und Kompasskunde. Die Lehrbücher dafür schrieb Humboldt selbst.“ (Wikipedia)

1806 erschien Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Seine ersten Lateinamerikareisen hatte Humboldt damals schon hinter sich. Als die napoleonischen Truppen Berlin besetzten, lebte Alexander von Humboldt in der Friedrichstraße 189 in Berlin. Im November 1807 begleitete er eine Delegation des Prinzen Wilhelm von Preußen für Friedensverhandlungen nach Paris. Die nächsten zwanzig Jahre lebte Humboldt dort.

Mehrere Expeditionsversuche scheiterten. Während der Napoleonischen Kriege war die Welt mit anderem beschäftigt. Vielleicht wuchs ja darum Humboldts amerikanisches Reisewerk so gigantisch an, dass es bis heute Fragment blieb.

Der deutsche Idealismus bedurfte keiner naturwissenschaftlichen Forschung. Sein universalistischer Anspruch war nicht aufs Reisen angewiesen. Über Bern war Hegel nie hinausgekommen.

Alexander von Humboldt schrieb im „Kosmos“: „Die Kosmogonie darf nicht mit dem Nichts anheben. Sie setzt die Existenz aller, jetzt in dem Weltall zerstreuten Materie voraus, und beschäftigt sich nur mit den mannigfaltigen Zuständen, welche diese Materie durchlaufen ist, bis sie ihre dermalige Form und Mischung erhalten hat. Was außerhalb dieses Kreises liegt, gehört zu den Anmaßungen der philosophierenden Vernunft.“

Das waren sehr deutliche Worte gegen die, die entschlossen waren, die Welt auf den Kopf zu stellen. In seinen „Kosmos“-Vorlesungen erklärte er: „Einzelheiten der Wirklichkeit: sei es in der Gestaltung oder Aneinanderreihung der Naturgebilde, sei es in dem Kampfe des Menschen gegen die Naturmächte, oder der Völker gegen die Völker; alles, was dem Felde der Veränderlichkeit und realer Zufälligkeit angehört: können nicht aus Begriffen abgeleitet (construiert) werden.“ Das ist die Botschaft Alexander von Humboldts: Welt- und Naturgeschichte sind eins. Es waren diese Vorlesungen, mit denen er 1827 Berlin begeisterte. Im Publikum saß jedermann vom König bis zum Handwerker. Und Frauen. Humboldt war jetzt ein Star. Aber er machte keine Schule. Dazu war er zu einzigartig.

„Die Natur ist das Reich der Freiheit“ erklärte er einem verblüfften Publikum, das in der Natur nichts sah als den Ort der eisern waltenden Naturgesetze. Fern davon, die zu leugnen, erinnerte Alexander von Humboldt daran, dass wir im Deutschen, wenn wir das Haus verlassen, erklären, wir gingen ins Freie. „Die Einsicht in den notwendigen Zusammenhang aller Veränderungen im Weltall“ macht die Menschheit frei. Sie erst ermöglicht ihr, Technologien zu entwickeln, die sie von der Abhängigkeit von ihrer natürlichen Umgebung befreien. „Wissen und Erkennen“, schreibt Humboldt, „sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit; sie sind Teile des National-Reichtums, oft ein Ersatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Maße ausgeteilt hat“.

Als Alexander von Humboldt starb, war er fast neunzig Jahre alt. Der Überlebende einer kosmopolitischen in einer immer nationalistischer werdenden Welt. Ein Mann, für den Erfahrungen nichts waren, worauf man sich berufen konnte, die sich aber – richtig formuliert – hervorragend eigneten, geprüft zu werden. Um ihn herum aber begann schon das Jahrhundert der Ideologien, späte Kinder einer sich verleugnenden Aufklärung.

Wir blicken jetzt – nach Nationalismus und Ideologie – zurück auf Alexander von Humboldt als eine ungenutzt gebliebene Möglichkeit. Brauchten wir die einhundert Jahre zwischen seinem Tod und dem Ende des Zweiten Weltkrieges, um uns jetzt für Humboldt begeistern zu können? Musste erst alles zugrunde gerichtet werden, damit wir sehen, dass der Mensch ein Stück Natur ist? Dass er nur zusammen mit ihr begriffen werden kann, dass er nur als ein Teil von ihr überleben kann?

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