Alexander Brill, hier 2007 bei den Vorbereitungen zu „Ehrensache“.

Schauspiel Frankfurt

Alexander Brill: „Vaterseelenallein“ – Das Kind in der Dachkammer

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

Alexander Brill stellt in Frankfurt seine Erinnerungen vor.

Fremden Menschen alte Erinnerungen aufzutischen: schwierig. Alexander Brill hat sich vorgesehen. Der Schauspieler und Regisseur, der von 1984 bis 2009 den von ihm aufgebauten Jugendclub des Schauspiels Frankfurt leitete und von 2007 bis 2014 das von ihm gegründete Frankfurter Theater Peripherie, las in der Schauspiel-Box aus seinem „szenischen Memoires“ mit dem Titel „Vaterseelenallein. Ein szenisches Memoire“, und es war sofort interessant und dann noch fast zwei Stunden lang.

Das lag vielleicht auch daran, dass er (sicherheitshalber, wie er sagte) seine Kollegin Heidi Ecks dazu gebeten hatte und die schönsten Momente die kurzen, unmöglichen, aber doch wahrhaftigen Dialoge waren: Zum Beispiel die selbstzweiflerischen, in denen Alexander alias Ikarus Brill sich darüber beklagt, als Regisseur für Laiengruppen nicht ernst genommen zu werden, aber die Gegenstimme (seiner Frau) zählt Lob und Preis zuhauf auf. Depression und Eitelkeit zeigen sich also in jenem herrlichen Verein, den die Kunst hervorbringt (oder anlockt) wie keine andere Branche.

Das lag aber vor allem und bestimmt daran, dass „Vaterseelenallein“ ein so vielfältiges Bild entwirft. Und dass es kein freundliches Buch ist. Es baut sich auch um eine unfreundliche Situation herum, eine persönliche Katastrophe, die das Kind Alexander, 1944 im Bayerischen geboren, im dafür besonders falschen Alter erlebt.

Die Mutter hat lange um den am Ende des Krieges getöteten Vater getrauert, der Sohn ist zum „kleinen Mann“ gemacht worden und hat sich in der Situation nach Kinderart eingerichtet. Jetzt heiratet sie wieder, einen Berliner, für den der in die Ehe mitgebrachte Sohn offenkundig nicht von Interesse ist. Das Kind, in verlegener Vorfreude auf den neuen Vater, wird in einer Dachkammer fern der Wohnung einquartiert. Die Kränkung, das Aus-der-Welt-geschmissen-Sein und der Schock darüber, dass die Mutter nicht hilft, überhaupt nichts dagegen unternimmt, all das vermittelt sich gerade nicht durch große Klagen, sondern durch das Schweigen, wenn einem tatsächlich niemand mehr zuhört. Und in der bitterbösen Genugtuung, als der Stiefvater fünf Jahre später an Krebs stirbt.

Nein, „Vaterseelenallein“ ist kein freundliches Buch, aber sehr plastisch und mit Weitblick. Das Panorama der Lesung öffnete sich jetzt in die Zeit der sechziger Jahre hinein. Der junge Mann, der Schauspieler wird, gerät in die Turbulenzen von Mitbestimmung, sexueller Befreiung (des Mannes, daran lässt Brill wenig Zweifel) und linker Indoktrination. Labil wie er ist, aber nicht sein will, macht er entschlossen mit – hier boten Brill und Ecks einen weiteren großartigen Dialog zu fleißigen Marxismusstudien – und eckt doch ebenso entschlossen an. Sagenhaft lustig die Szene, in der der blutige Anfänger arrivierten Kollegen der Schauspielkunst bei einer Besetzung der Münchner Kammerspiele unbeirrbar erklärt, Max Frisch sei politisch irrelevant.

Zwischen Größenwahn und Komplexen mäandert der Schauspieler, der spürt, dass es zum großen Durchbruch nicht reichen wird. Alptraumhaft bei allem Witz die späten Besuche der Mutter. Dezent und intensiv die Schilderung des privaten Glücks mit einer eigenen Familie. Auch weil sich Brill und Ecks auf ein lebhaftes, aber lakonisches Lesen geeinigt hatten, konnte sich das eine wie das andere entfalten.

„Vaterseelenallein. Ein szenisches Memoire“,260 Seiten, ist als Book on Demand erschienen und kann über den Buchhandel und online bestellt werden (ISBN 978-3-7504-5375-3), auf Papier 14 Euro, als E-Book 7,99 Euro.

Kommentare